10. 99 x klugscheissern

Schenkt euren Liebsten dieses Buch. Und ihr werdet immer etwas zu reden haben.

Man begegnet Falco („Der Kommissar“). Udo Lindenberg („Sonderzug nach Pankow“) und Nena, die titelspendend waren („99 Luftballons“). So viel zu den 80ern.

Das erste Lied in „99 Songs“ ist „Ich bin eine anständige Frau“ von 1905. Im Text zum Song geht der Autor der Frage nach, wie anständig so eine Frau zu sein hatte, und rollt die Geschichte der „Lustigen Witwe“, des erfolgreichsten Musiktheaterstücks von Franz Lehár, auf. Die Operette wurde zu Silvester 1905 in Wien uraufgeführt und bedeutete das Ende einer längeren Operetten-Flaute.

Jawohl: Dieses Buch ist auch ein Geschichtsbuch! Schlager der 20er-Jahre, American Songbook, Widerstandslieder, Swinging London, Bob Dylan und Hip-Hop, in den 99 Songs spiegeln sich Armut und Wohlstand, Konsum­träume und Weltschmerz, gesellschaftliche oder Generationskonflikte, es geht um das 20. Jahrhundert, um Rebellion, Sehnsucht und Lebensgefühle, und es ist einfach grossartig. Zumindest für Wissenjunkies, Klugscheisser und alle, die sich eigentlich Politik und Gesellschaft interessieren, aber zu faul sind, um sich endlich einmal schlau zu machen.

Und jetzt mal ehrlich: Was gibt es besseres, als vollgefressen unter dem Christbaum zu lesen, wie das jetzt genau war mit Motown („Reach out I’ll be there“: Die Erfolgsgeschichte von Tamla-Motwon,). Oder mit Little Richard („Tutti Frutti“, 1955), dem passiven Widerstand („We Shall Overcome“, Joan Baez 1963) und „Lili Marleen“ (Lale Andersen, 1939), dem grössten Hit des Zweiten Weltkrieges.

Und geht es an Weihnachten nicht sowieso drum, in alten Zeiten zu schwelgen? Elvis, Nirvana, Pete Seeger, Vico Torriani (hihi: „Ananas aus Caracas“: Der Geschmack der Wirtschtschaftswunderjahre)? Eben.

 „99 Songs. Eine Geschichte des 20. Jahrhunderts“ von Wolfgang Kos, 319 S., Brandstätter Verlag.

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