11. Nicht von schlechten Eltern

Ja die Franzosen, denkt man. Machen die überhaupt Pop- und Rockmusik? Und dann stirbt kurz vor Weihnachten noch Johnny Hallyday und du denkst, was bleibt da noch übrig? 

Aber hallo! Schon noch einiges. Die Franzosen machten schon Pop und Rock – oder das, was man früher dafür hielt – als wir noch auf unseren Berggipfeln jodelten und unsere Gletscher noch mächtig waren. Edith Piaf, Georges Brassens, Jacques Brel (ok, der war eigentlich Belgier), Serge Gainsbourg: Die Liste liesse sich unendlich verlängern.

Eben der Gainsbourg. Das war doch ein Säufer und Kettenraucher, den die Bardot noch attraktiv fand? Und umgekehrt auch. Die Originalversion des Erosheulers „Je t’aime – moi non plus“ hatte Gainsbourg mit der BB aufgenommen, in einer langen Nacht in Paris. Herausgegeben und berühmt wurde das Chanson dann allerdings mit Jane Birkin als die Frauenstimme. Gunter Sachs, der damalige Ehemann von Brigitte Bardot, fand das Gestöhne über „je vais et je viens, entre tes reins“ weniger heiss als die beiden Protagonisten und verbot kurzerhand die Veröffentlichung dieses musikalisch dokumentierten Seitensprungs.

Mit Jane Birkin, der knabenhaften Engländerin, hat es dann aber für Serge Gainsbourg recht gut geklappt und die Frucht dieser Beziehung ist Charlotte Gainsbourg, geboren 1971. Charlotte ist vor allem als Schauspielerin bekannt geworden, aus Filmen von Lars von Trier beispielsweise, sie macht aber auch Musik (also, sie singt), schon immer ein bisschen und seit 2006 mit regelmässigen Alben. Künstlerisch gesehen sind ihre Gene vom feinsten.

Kann die denn singen? Nun ja, eine Übersängerin wie Tina Turner ist sie nicht. Aber bei den Franzosen kommt das eben nicht so drauf an. Die singen nämlich auf französisch (gut, bei Charlotte Gainsbourg kommt auch immer wieder das Englische durch, ihre eigentliche Muttersprache), das tönt schon von Anfang an besser als ein hiesiger Dialekt, zum Beispiel aus der Region des Lac de Constance. (Wieso unser Bodensee auf französisch nach einer peripheren deutschen Stadt benannt ist, wäre dann Gegenstand eines anderen Artikels; hier geht es primär um Musik.)

Das neue Album von Charlotte Gainsbourg heisst Rest und ganz ehrlich, diese Scheibe läuft bei mir seit etwa zwei Wochen im Dauerloop. Sie hat das ganz schlau gemacht, die Charlotte, und sich mit französischen Elektronikern zusammengetan (und von denen gibt es einige, und da meine ich jetzt nicht unbedingt Jean-Michel Jarre und David Guetta, sondern eher die Herren von Air und von Daft Punk), die ihr einen knochentrockenen Nu-disco Sound auf ihren ebensolchen Körper gezimmert haben.

Das ganze Album lässt sich als Liebeslied sehen, etwas kindlich vielleicht, auch etwas naiv, aber so ist die Liebe halt, auch bei Charlotte Gainsbourg. Liebe zu Verflossenem, zu Verlorenem, Liebe zur Gegenwart, Liebe zur Liebe. Im Titelsong will sie mit ihrem Liebsten am liebsten davonfliegen – „Je te laisserai m’envoler“ -, in „Deadly Valentine“ rezitiert sie bereits Hochzeitsschwüre („with this ring…“), und das alles zum einem knackigen Bass und einem enorm funky Beat. (Wieso das Heiraten allerdings tödlich sein soll, hat sich mir nicht ganz vollständig erschlossen, vielleicht wegen dem „until death do us part“? Aber man könnte sich ja schon früher trennen und scheiden, gesellschaftlich ist ja das mittlerweile akzeptiert, auch in Frankreich.)

Wie dem auch sei: In „Ring-A-Ring O’Roses“ denkt dann Charlotte Gainsbourg noch einmal zurück an die erste Liebe und den ersten Kummer, antizipiert aber auch schon die ersten grauen Haare. Im dazugehörigen Video wird die Geschichte eines jungen Mannes mit einer grossen Nase erzählt und gewisse Leute sollen ja genau das sexy finden. Grosse Nasen haben in Frankreich Tradition, schon Cyrano de Bergerac und Charles de Gaulle hatten eine.

Was gibt es noch auf Rest? Ein von Paul McCartney co-geschriebenes „Songbird in a cage“ und etwas von Sylvia Plath inspiriertes („I shut my eyes and all the world drops dead, Sylvia says; I lift my lids and all is born again, Sylvia says.“ Schon klar, das ist jetzt Englisch.). Dazu mehr von der schüchternen Charlotte (Konzerte? Eher nein.), viel luftiger Electro Marke Air und weitere Discobässe aus der Küche von Daft Punkt. Vraiment formidable, diese Franzosen.

CHARLOTTE GAINSBOURG: „REST“, out (Because Music)

(Bilder: Facebook)

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