… euer Jessi Bradshaw

Jessi kann es nicht lassen. Er will noch einen allerallerletzten Rockstar-Tagebucheintrag veröffentlichen, bevor sich Treekillaz“ heute Abend in Aarau endgültig von der Bühne verabschieden – und nur die Götter wissen, was danach kommt. 

Da war es also, das letzte Bieler Konzert. Ich hatte damit gerechnet, dass nach dem letzten Ton die Emotionen hochkommen und vielleicht sogar ein paar Tränchen fliessen würden. Nix da. In guter männlicher Manier war es eher das Gegenteil. Froh darüber, dass der ganze Druck weg war, habe ich mich auf ein paar Bierchen mit meinen besten Freunden gefreut. Ich glaube, nicht viele Bands fühlen sich so gut, wenn sie ihre Karriere beenden.

Der heutige Zusatzgig wird bestimmt supergeil werden (nicht wegen grosser Nachfrage). Wir können jetzt nur noch Vollgas nach vorne gehen und dem Publikum eine letzte Salve Rockmusik um die Ohren hauen. Noch ein kleiner Nachtrag zu meiner Bemerkung zum Eldorado-Plattentaufe-Gig. Ich habe etwas grossmäulig den Mittelfinger gezeigt, und scheinbar hat das ein paar Leute verletzt. Entschuldigen werde ich mich nicht dafür, als Musiker sollte man schon ein etwas dickeres Fell haben und einen blöden Spruch vertragen können, speziell wenn man selber auch nicht immer zurückhaltend ist. Wir haben schon öfters so dummes Zeugs gehört und mussten immer schmunzeln. Das Leben ist ernst, unsere Hobbybands eher nicht.

Zurück zum Gig, er war okay, wir haben auch schon besser gespielt. Irgendwie gab es auch noch ein paar technische Probleme, der Monitor von Res ging überhaupt nicht, und Tinu meinte, er hätte im „Chrut umgsunge“. Who cares, vielleicht besser, haben wir nicht den Gig unseres Lebens gespielt, damit fällt es allen leichter, goodbye zu sagen. Auf jeden Fall bin ich am nächsten Morgen um 10 Uhr eingeschlafen und habe ganz vergessen, wann wir unser Material abholen wollten. Um 13.45 Uhr fragte ich Tinu, wann denn unser „load out“-Termin sei. Er meinte 14 Uhr. Ok, nice to know. Um 14 Uhr rief auch der Res an, mit der gleichen Frage. Die Antwort von mir war: JETZT. So sind wir alle zwischen 14 und 15 Uhr im Chessu eingetroffen, haben unser Equipment weggeräumt und getan, was wir am besten können, genau, Bier trinken. Zuerst im Chessu, dann noch kurz im Pooc, und um 20 Uhr hat mich mein Kind ins Bett gebracht. Kein Witz, er hat mich zugedeckt und sich dann neben mich gelegt. Familie ist eben wichtiger als Musik.

Ich möchte mich noch bedanken bei der Chessu Crew, die haben sich bezüglich unserer Sonderwünsche sehr kulant gezeigt. Und auch bei all unseren Helfern der letzten 20 Jahre und allen, die noch was von unserem Outlet-Store gekauft haben. Es ist fast alles weg. Übrigens fand ich den Outro-Song, Frank Sinatras „My Way“ perfekt. Ich glaube, der hat den genau für uns geschrieben.

Also liebe Leute, geht und entdeckt junge Bands in Biel, fördert sie. Musiker, nehmt euch nicht so ernst. Margrit, man kann dich von der Bühne aus auch bei 100 db Lautstärke noch hören. Dein orales Organ geht durch alles hindurch, und sollte ich je wieder eine Punkband gründen, bist du meine erste Wahl als Sängerin. An Rockette geht ebenfalls ein Dank dafür, dass ich Blogger werden durfte, die werden ja heute Influencer genannt (wurde mir erklärt). Merci an alle unsere 400 Drummer, die wir geschlissen haben, dem Chabi, dafür, dass er es wieder einmal nicht geschafft hat, an einem wichtigen Konzert dabei zu sein, dem Reto für seine netten Worte aus Kalifornien (siehst Du Chabi, der Reto hat wenigstens eine plausible Erklärung), Helen und Claudi, die während dem Konzert immer wieder mit mir geredet haben und stolz waren, dass ich einmal Heidi spielen durfte, Ray, der uns fast seit Tag 1 mit seinem Label N-Gage begleitet hat. Und zu guter Letzt danke ich uns selber. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie viele Kompromisse eine Band erfordert. Du bist nie frei, kannst nie einfach Ferien buchen, musst deiner Partnerin immer wieder gewisse Sachen zumuten. Der Tinu ist schon vom Urlaub nach Hause geflogen für einen Gig, wer macht sowas? Ich habe meine Ferienpläne immer nach Festivals gerichtet, konstant üben… ach, da kommt mir gerade in den Sinn, meine liebe ehemalige Arbeitskollegin fragte mich einmal, wieso wir soviel üben müssen, ob wir denn so schlecht seien. Tja kann schon sein 🙂 Also, wir sehen uns schon bald irgendwo, vielleicht an einem Konzert, an dem ich endlich selber als Musikpolizist stehen und andere kritisieren darf. Hauptsache, man hat eine Meinung. Und nicht vergessen, liebe Musiker, es ist nur Musik und man sollte alles etwas locker sehen.

Wir spielen ab sofort nur noch an Geburtstagsfesten. Alle Anfragen bitte an Martin Bucher, er liebt das. Falls gerade kein Geburtstag anfällt, darf es auch das Vereins-Risotto-Essen sein. Nur zur Info, das habe ich mir jetzt nicht ausgedacht, diese Anfragen haben wir schon erhalten. Das Risotto-Essen mussten wir leider absagen, bestimmt wegen Chabi, der mal wieder verhindert war.

GUESTLIST: Unglaublich aber wahr. Am 7.1.2003 hat eine Rockette Jessis Zukunft als Tagebuchschreiber unbewusst heraufbeschworen. Heute geht diese mit einem wirklich allerletzten Eintrag zu Ende. Der bald-ex-Gitarrist von Treekillaz“ wird aber als Ressortchef Sex/Beziehungen weiter für uns schreiben. Alle Tagebucheinträge, hier.
(Bilder: Rockette)
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