Schräger Traum

Sorry, es hat eine Weile gedauert, bis ich diesen Text schreiben konnte. Ich war mir eben lange nicht richtig sicher, ob ich am letzten Wochenende tatsächlich an einem Festival gewesen bin.

Ein Traum: The Flaming Lips (Foto: Frank Lenggenhager)

Dass wir das Weinglas nicht in den EP-Express nehmen durften, dass man in dem Monorailzug nicht einmal ohne Glas stehen durfte, und die Putzfrau, die trotz „Do not disturb“-Schild ins Zimmer platzte, waren so ziemlich die einzigen Reality Checks am ersten Rolling Stone Park. Ansonsten war alles ein bisschen wie in einem Traum. Nicht das 4-Sterne-Hotel im Spanien-Stil, das Fumoir an der After-Party im 5. Stock des Colosseos oder die Tatsache, dass die vier Konzerträume so säuberlich waren, dass man auf dem Boden rumliegen und ihn ablecken konnte. Ich rede von dieser bizarren, ungreifbaren Nicht-Festivalstimmung.

Naked Giants: Das angeknabberte Becken hat der Drummer am Schluss zerrissen

Die Musik war schon Rock’n’Roll – die beiden US-Entdeckungen White Denim und Naked Giants vor allem, oder Motorpsycho (einiges habe ich verpasst, weil ich in der Sauna dümpelte). Die Höchste Eisenbahn, Element of Crime oder Car Seat Headrest waren aber mehr nett als bahnbrechend, und die Flaming Lips visuell sehr viel interessanter als soundmässig. Was mich aber am nachhaltigsten befremdet, ist, dass kein Mensch sichtlich betrunken war, rummachte oder sich sonst irgendwie auffällig benahm. Was sag ich da, kein MANN! Die Frauen liessen sich an einer Hand abzählen und die eine, die neben mir stand, war so erfreut über meine Weiblichkeit, dass sie mich am liebsten nach Hause genommen hätte.

Die Höchste Eisenbahn von ganz unten angehört.

Der grösste Teil der 2200 anwesenden Personen waren tatsächlich Männer ab 40, die alle genau gleich aussahen. Ich schwörs. Hätte ich einen deutschen, Gitarrenmusik-affinen Freund mit langem, ergrautem Hipsterbart, Brille, Holzfällerhemd und maximal millimeterlangem Haar, ich hätte ihn nach dem Pinkeln nie und nimmer mehr gefunden.

Aber: Alles keine Gründe, so ein Wochenende nicht in vollen Zügen geniessen zu können. Der Vorverkauf für das Rolling Stone Park 2019 läuft übrigens bereits. Sobald Ryan Adams auf dem Programm steht, bin ich wieder dabei.

(Bilder: Rockette)

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