Klassische Ironie

Stephanie Szanto und Simon Bucher aka The High Horse.

Wenn ihr mich nach dem derzeit originellsten, lustigsten, faszinierendsten und schicksten Musikprojekt, also überhaupt nach der allerbesten Kreatividee des Landes fragt, dann gibt es für mich eine Antwort: The High Horse. Ohne Scheiss. Ich sag das nicht zum ersten Mal. Bloss trat das Duo bei meiner letzten euphorischen Erwähnung noch unter dem Namen Petting goes Classic auf (dazu: „Operierte Bravo-Hits„). Das ist der dritte Teil unserer Bern-Serie*. 

Anfang November haben die Berner Mezzosopranistin Stephanie Szanto und Pianist Simon Bucher ihr Debütalbum veröffentlicht. „Best of Worst Vol. 1“ heisst es und enthält, was drauf steht – die übelsten Songs der 80er und 90er Jahre, allerdings neu arrangiert, zu klassischen Wunderwerken vergoldet. Weil man sich darunter womöglich wenig vorstellen kann, ein kurzes Beispiel: „Looking for Freedom“ von David Hasselhoff klingt in der Version von The High Horse so:

Die Songs sind natürlich besonders fies für alle Klassik-Verehrer mit null Toleranz für Trash. Zum einen, weil diese unter Umständen gar nicht merken, dass ihnen das klassisch ausgebildete Duo im edlen Gala-Outfit billige Bravo-Hits unterjubelt. Oder noch schlimmer: Weil sie es merken und zugeben müssen, dass Schauderhaftes wie der Eurodance im Klassik-Kleid keinen Millimeter trivialer daherkommt als die Zeile „die Schmetterlinge sogen am rothen Blüthenmund“ in der Franz-Schubert-Komposition „Der Jüngling auf dem Hügel“ (Text: Heinrich Hüttenbrenner). „Best of Worst Vol. 1“ ist immerhin bei einem Klassiklabel erschienen. Es handelt sich also hochoffiziell um ernste Musik, auch wenn man an den Konzerten von The High Horse jeweils mehr als einmal Tränen lacht. Die von Bucher und Szanto veredelten Nummern wie „Boom, Boom, Boom, Boom!!“ (Venga Boys), „What Is Love“ (Haddaway) oder „Barbie Girl“ (Aqua) sind einfach zu herrlich für all jene, die mit den Melodien jugendliche Schandtaten verbinden.

Mir ist, Stephanie Szanto und Simon Bucher hätten mir vor ein paar Wochen gesagt, es mache ihnen grossen Spass, die Klassik mit diesen Kompositionen zu entlarven, während dem Pop-Trash gleichzeitig die Krone aufgesetzt wird. Musik sei doch einfach Musik und die kenne keine Grenzen. No Limit sagte man dem 1993. Genau kann ich das Gespräch leider nicht widergeben. Ich habe die Interview-Aufzeichnungen letzte Woche in Manchester mitsamt meinem Handy im WC versenkt. Ich empfehle euch stattdessen dieses Filmli, denn es fasst so ziemlich alles zusammen, worüber wir geredet haben. Und es macht grosse grosse Lust auf die Plattentaufe vom nächsten Samstag.

 

THE HIGH HORSE: Best of Worst Vol. 1, out (ARS Produktion)

PLATTENTAUFE: 23. 11, Turnhalle PROGR, Bern

Wir verlosen 1×2 Tickets, und zwar genau hier

* In der von der Burgergemeinde Bern unterstützten Bern-Serie stellen wir Musikerinnen und Musiker aus der Hauptstadt vor. Lo & Leduc kommen nicht vor. Sorry. Eher Neu-Entdeckungen. Das nächste Mal gehts um die Band Dnepr. Alle anderen Teile sind hier zu finden.

(Bild: The High Horse, Video: Rockette Melinda)

 

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