23. Dezember: Südost-London nach Kate Tempest

Kate Tempest sieht aus wie das wandelnde Schlafmanko. Bei dem kreativen Output sind Augenringe auch kein Wunder.

Allein in diesem Jahr hat die Britin das Album „Let Them Eat Chaos“ und ihren Debütroman „Worauf du dich verlassen kannst“ („The Bricks that Built the Houses“) veröffentlicht. Beides ist riesig, und kann ohne einander fast nicht verschenkt werden, sag ich.

Obwohl der neue Roman ja eigentlich vielmehr mit ihrem Debütalbum „Everybody Down“ zusammenhängt. „Der Roman ist eine Art Maxiversion der Platte“, schrieb der „Tagesspiegel“, weil die Figuren Becky und Harry erst in den Songs und dann im Buch (darin ist Harry eine Frau) auftauchen. Sie stehen für eine junge Generation, Kids im Südosten Londons, die sich um ihre Stadt, ihre Ecken, ihre Kultur, und letztlich ihre Identität betrogen fühlen, seit der Konsum Einkehr gehalten hat. Kate Tempest kennt sich in diesem Umfeld aus, sie ist selber da aufgewachsen, jung und somit eine von ihnen. Sie will aber nicht nur motzen. Sie könne doch nicht dafür plädieren, dass sich Menschenströme auf globaler Ebene verschieben, und sich gleichzeitig aufregen, wenn sich die Yuppies in ihrem Stadtteil breit machen, sagte sie einmal in einem Interview. Im Buch aber wettert sie, das klingt wütend – und schön:

Menschen töten wieder für Götter. Uns tötet das Geld. Sie leben in so vollkommener Einsamkeit, dass Freundschaften daraus gestrickt sind. Ihre Tage vergehen damit, Dinge anzustarren. Sie existieren in der Masse und fühlen sich als Teil des grossen Ganzen. Sie misstrauen allem ausser Trends. Ihre Hoffnung besteht darin, abends rauszugehen und sich abzuschiessen, die Gesichter entstellt von Alkohol und Drogen, die sich am Morgen grausam rächen.

Die Clique, um die sich der Roman dreht, allesamt Aussenseiter, haben keine wirklich prickelnden Zukunftsperspektiven. Ihr Leben ist ein Kampf. Diese depressive Grundstimmung wohnt schliesslich auch „Let Them Eat Chaos“ inne – und zieht einem so richtig tief rein. Das Album ist eine betörend düstere Mischung aus Spoken Word, akustischem Theater und natürlich Hip Hop. Meiner Meinung nach harmoniert das gerade ganz gut mit dem Blick auf den Geschenkeberg durch die Realismusbrille.

 

BUCH: „WORAUF DU DICH VERLASSEN KANNST“, Rowohlt Verlag

ALBUM: „LET THEM EAT CHAOS“, out (Caroline / Fiction)

(Bilder: Rockette (Titel) / Facebook)

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