8. Dezember: Sich verlieren – und gewinnen

1 Minute 11 dieser Sequenz aus der ausgestorbenen Vorabendserie „Marienhof“ müsst ihr euch maximal ansehen, um zu begreifen, wie unaufdringlich Clueso 2009 in mein Leben getreten ist. Habt ihrs gehört? Nach rund einer halben Minute wurde sein grossartiger (und nebenbei bemerkt, von Heino heillos geschändeter) Song „Gewinner“ mal ganz nebenbei eingespielt. Aber eben nicht nebenbei genug, um mich nicht sofort zu gewinnen.

Ich bin dabei, du bist dabei, wir sind dabei uns zu verlier’n.
Ich bin dabei, bist du dabei, bin ich dabei uns zu verlier’n?
Ich bin dabei, du bist dabei, wir sind dabei uns zu verlier’n.
Ich bin dabei, bist du dabei, bin ich dabei uns zu verlier’n?

Ich hab mich seither zu sehr vielem von Clueso verloren. Zu „Chicago„, zu „Beinah„, zu „Stadtrandlichter„, und einmal live in Berlin, zu irgendwas, das er beim Brandenburgertor sang, während – oder vermische ich da was? – ein klassisches Ballett dazu tanzte.

Etwas vor dem Kopf gestossen fühlte ich mich, als ich das kürzlich erschienene Album der deutschen Sängers, Songschreibers, Rappers anhörte. Ich kam mir zum ersten Mal ein bisschen deplaziert vor, so im Jumpsuit und mit halb geschlossenen Augen auf meinem Birnensack. Schon der Einstiegssong verlangte mir deutlich mehr ab als verträumte Hingabe. Irgendwas war anders.

Clueso hat für „Neuanfang“ erstmals ohne seine langjährige Band, seine Vertrauten gearbeitet. Er habe es einfach mal alleine probieren wollen und dadurch eine ganz neue Beziehung zu sich selbst entdeckt, sagte der 36-Jährige in einem Interview. Er könne heute besser Nein sagen und ein Nein auch besser akzeptieren. Diese Erkenntnisse und dieses neue Selbstbewusstsein äussern sich in einer hörbaren Abgrenzung von allem Gewohnten, was mich in meinem Sessel eben erst einmal schräg gucken liess. Die Songs auf „Neuanfang“ sind unangepasster und vielschichtiger als die meisten Pop-Balladen der letzten Jahre (die mir so behagten). Einmal kurz nebenbei anhören reicht nicht mehr aus, um sich darin zu verlieren.

Wobei ich ziemlich sicher bin, dass die Sogwirkung live von Anfang zu spüren sein wird. Deshalb macht euch die Freude und schenkt euch ein Clueso-Konzert zu Weihnachten. Oder sonst jemandem, dann aber den Jumpsuit zu Hause lassen.

Ein Detail zur eigenen Freude: Mit „Lass sie reden“ ergänzt Clueso meine Aufzählung von Musikern mit Songs, in denen dazu gemahnt wird, andere reden zu lassen.

CLUESO: „NEUANFANG“, out (Universal Music)

KONZERTE: 13.12., Volkshaus Basel;  12.02.2017, Kaufleuten, Zürich.

(Bild: privat)

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