Captain Rock’n’Roll

Es gibt da diese Szene im Film „Easy Rider“. Peter Fonda und Dennis Hopper alias Wyatt und Billy sitzen im Kittchen. Kommt ein Cop vorbei und Dennis Hopper sinngemäss: „Hey, weisst du nicht wer das ist (Peter Fonda)? Das ist Captain America und dort, wo wir herkommen, ist er ne Riesennummer!“

Neulich kriege ich eine SMS von einem sehr guten Kumpel. „Oh #%& off!! I must admit I was wrong… that album of LG is a #*¬°*¢* tenner!“

Der Auftakt zum Album von Liam Gallagher ist geglückt. Eine metallfressende Mundharmonika sägt einfach mal los. Kommt auch ganz gut, dieses „Wall of Glass“. Wird aber dem Album nicht ganz gerecht. Muss es auch nicht. War die Vorab-Single. Die muss scheppern und hat somit ihren Zweck erfüllt.

Ich will diese Platte gar nicht Song für Song besprechen. Wer Rezensionen sucht, findet sie derzeit überall. Wer die Platte hören will, tut es. Wer Liam und die Barden von Oasis schon immer daneben fand, wird es höchstwahrscheinlich unterlassen.

Liam Gallagher stammt aus Burnage, Manchester. Backsteinhäuser, mutze Gegend, Toiletten im Garten. Hier etwas aufplustern, dort ein geiles Adidasjäggli von der Wäscheleine der Nachbarn mitgehen lassen, ein wenig Fussball und ganz viel Rap. Straight outta Burnage. Soweit zu den Teen-Jahren des Liam G. Mit 22 Jahren und dem Oasis-Debut an die Spitze der britischen Charts und danach für 15 Jahre on top – als Sänger. Und hier liegt für mich ein grosses Stück Wahrheit begraben: LG war der Sänger und nicht der Songwriter oder das sogenannte Mastermind. Und gesungen hat der Mann wie kein Zweiter!

Und er ist eben auch ein wenig ein Füchsli. Deswegen holte er sich Greg Kurstin (u.a. Katy Perry!!! und Adele) sowie Andrew Wyatt (u.a. Florence & the Machine) ins Studio um zusammen/getrennt/halbe/ganze Songs zu schreiben. Und diese Rechnung geht auf. Sein erstes Solo-Album biedert sich nie an. Es eckt aber auch nicht um des Aneckens Willen an. Es ist eine runde Geschichte geworden, dieses „As You Were“. Wer genau was zu welchem Song beigetragen hat, ist nicht ganz einfach zu eruieren. Den Texten nach zu urteilen wird LG Wesentliches beigesteuert haben. Wenn sich ein Zweizeiler mit einem Beatlestitel reimen lässt, wird das gemacht. Ich fand das immer ehrlicher, sympathischer als Dictionnaire-Mucke.

Altersweisheiten sind zu vernehmen. So zum Beispiel im malerischen „For What It’s Worth“. Und LG will gerade dieses Lied als Universalentschuldigung für die Malträtierten der Vergangenheit anwenden. Er liess vor einiger Zeit verlauten, dass, wenn er sich bei allen persönlich entschuldigen sollte, dies doch einige Zeit in Anspruch nehmen würde, d’you know what I mean. Deswegen schrieb er dieses Lied und nun solls aber auch mal gut sein. 😊

Etwas vom Besten an „As You Were“ finde ich die Balance. Es geht manchmal ganz rassig zu und her („Greedy Soul“, „You Better Run“, „Doesn’t Have To Be That Way“), nur um danach wunderbare Songs folgen zu lassen, deren Refrains noch lange nachhallen werden („Bold“, „For What It’s Worth“, „I’ve All I Need“, „Chinatown“). Champion in der Preisklasse Schwergewicht ist für mich momentan „I’ve All I Need“. Momentan deswegen, weil ich nicht sicher bin, ob es dies in zwei Wochen immer noch ist. Die Hitdichte ist gross. Auch wegen der Produktion durch obgenannte Neulinge im Universum des LG. Die Sounds tönen frisch und vor allem sehr klar. Mit Studiopsychedelik wird gerade genug gespart. Überraschend dominante Akustikgitarren, die wunderbar rollen und so einen sehr wohltuenden Groove erzeugen, findet man auf dem ganzen Album.

Und so atmen weltweit tausende Mod-Missus‘ und Paar-Kotelettenträger erleichtert auf und erfreuen sich dieses goldenen Herbstes. Denn: die Wetteinsätze waren hoch. LG selbst drohte, dass er sich für immer verziehen würde, wenn das nichts wird. Zweifelsohne hätte das einige auch gefreut – aber eben nicht den grossen Rest.

Für diesen Rest ist es sehr schön zu sehen, wie der zum ewigen Klassenclown verdammte ein starkes Album, gefüllt mit wunderbarer Musik rausbringt. Die Tourtickets gehen weg wie warme Semmeln und füllen zwar nicht die Wembleys, aber die Ally Pallys dieser Welt. Smashing La’!

Das ist Liam Gallagher, Captain Rock’n’Roll. Dort wo er herkommt, ist er ne Riesennummer!

 

LIAM GALLAGHER: „As You Were“, out (Warner Bros. Records)

PS: Der folgende Satz hat überhaupt nichts damit zu tun. Aber irgendwie muss man ja den Link, wo Liam Gallagher Tee macht, reinbringen. Herzlichen Dank an die Rocketten! Hier macht Liam Gallagher Tee.

 

GUESTLIST: Jengi Krigu ist unter anderem Musiker und Texter. Er ist Wanda, nicht Bilderbuch. Züri West, nicht Patent Ochsner. Forever Beatles und ender weniger Damian Lynn. Und wenn es einer schafft, eine verirrte Rockette zurück in die Bahn zu lenken, dann er mit seinem unerschütterlichen Musikgeschmack. Doch: Auch Krigu hat guilty pleasures – und wenn er die zum Besten gibt, dann Walkt der boom boom boom boom Boomerang on Sunshine.

(Bilder: Facebook LG)

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