Alte Seele

Er steht auf Platz eins der BBC Sound Of 2016 Liste und erhielt im Dezember einen Brit Award in der Kategorie „Critics‘ Choice“: Jack Garratt. Der Brite macht Elektro-Pop, vielleicht ein bisschen gspürig, aber sooo schön! Er ist gerade auf Promotour, das ist scheints wahnsinnig anstrengend. Wir machten es ihm noch ein bisschen anstrengender.

Jack Garratt: Hello?

Rockette: Hello. This is Nina, hi Jack. How are you?

Hi, Nina, it’s Jack. Mir geht es sehr gut. Und Ihnen?

Ich habe Grippe, deshalb müssen wir telefonieren, ich will Sie ja nicht anstecken. Sind Sie je krank?

Oft. Mein Immunsystem ist im Eimer, man kann es nur beschreiben mit: Pffffoah. Ich war krank als Kind, das hat mich geschwächt, und wenn ich mich jetzt erkälte, liege ich eine Woche flach. Das kann ich mir allerdings nicht leisten, weil ich ja immer unterwegs bin, ist ja schliesslich mein Job. Also ernähre ich mich gesund, gehe ins Fitness, so viel es geht, ich mummle mich ein im kalten Wetter und das Wichtigste: Ich bleibe nicht länger als nötig drinnen. Also, in geschlossenen Räumen. Da wird man nämlich krank.

Trinken Sie nicht einfach zu viel? So als Rockstar?

Das war einmal. Im Moment trinke ich gar nicht. Ein Versehen allerdings – ich war einfach zu beschäftigt in letzter Zeit. Überhaupt kann ich gar nicht mehr so viel trinken, ohne mich am nächsten Tag Scheisse zu fühlen. Muss nicht mal unbedingt ein Kater sein, aber nach Alkohol fühle ich mich so … schwer.

Sie sehen nicht schwer aus. Eher wie jemand, der in sich ruht. Cool.

Oh! Thank you. Thank you very very much!

… stimmt ja. Wie sehr achten Sie auf Coolness?

Es kommt ja nicht darauf an, wie cool man aussieht, sondern wie gut man aussehen möchte – für sich selber. Ich sehe nur für mich so aus, wie ich aussehe.

Der Bart ist aber sehr hipsterig.

Ich hatte Haar auf meinem Gesicht und liess es wachsen. Darum trage ich Bart. So kann ich in den Spiegel schauen und bin zufrieden. Jeder sollte das können. Leider ist es ja so, dass viele sich anschauen und sich grämen. Ich war auch so einer, sicher 15 Jahre lang. Ich hasste mich. Ich war mein schlimmster Feind, jedes Mal, wenn ich in den Spiegel blickte, war ich total enttäuscht.

Was ist passiert?

Vor ein paar Jahren lernte ich gute Leute kennen, ich lernte, wie man sich Sorge tragen kann. Diese neuen Freunde waren so natürlich, so unangestrengt. Das fand ich cool. Ich wurde auch so. Wobei, ganz ehrlich: Ich finde ja immer noch, ich sehe aus wie ein Idiot.

Jedenfalls sehen Sie ziemlich erwachsen aus. Und klingen tun Sie auch nicht wie 24. Viel älter, finde ich.

Danke! Dessen bin ich mir nicht bewusst. Aber ich war schon immer älter, ich sah auch immer älter aus. Als ich 16 war, bekam ich in einer Bar alles, was ich wollte. Ich war gar nicht so aufs Trinken aus, ich war einfach ein souveräner Teenie. Nicht, dass ich das weiterempfehle, he, he. Aber die Stimme sagen Sie … das ist interessant. Jemand sagte mir mal, ich sei eine alte Seele. So ist es wohl.

Cool. Was anderes. Im Clip zu „Weathered “ stehen drei Jungs in der Wildnis. Gehen Sie oft wandern?

Das Video ist schön! Im Song geht es um anderes. Aber der Regisseur drehte die Geschichte in eine brüderliche, platonische Liebe. Die Szenerie ist super. Ich selber bin leider nie am Wandern, keine Zeit, dabei würd ich so gern: Man verliert sich in einer Welt, die man nicht kennt. Man folgt einem Weg, die Umgebung verändert sich, das hat viel mit Vertrauen zu tun. Aber eben: Ich stecke in elenden Hotels fest.

Ist das Ihr Lieblingssong auf dem Album?

Das verrate ich nicht. Ich habe meine Lieblinge. Aber jeder soll sich selber ein Bild machen. Das gibt dann viel die interessanteren Diskussionen nachher.

Fair enough.

Yeah.

Das Album heisst „Phase“. Erzählt es eine Geschichte?

Hm. Das Album hat schon ein Konzept, aber nur ein vages. Viele Songs sind eine Art Briefe. Von jemand an jemanden. Anscheinend ist das gerade meine Art, Lieder zu schreiben. Aber es gibt keine Storyline, wenn Sie das meinen. Es heisst „Phase“, weil ich denke, dass es für alles eine Zeit gibt. Ausserdem glaube ich, dass alles im Leben ständiges Lernen ist. Der Kreis schliesst sich immer wieder.

Man liest, Ihre erste CD wäre eine von den „Teletubbies“ gewesen, ist das so?

Ja, das stimmt! Lustigerweise habe ich kürzlich mit den „Teletubbies“-Produzenten gearbeitet. Den Leuten, die die Sendungen meiner Kindheit gemacht haben!

Ha! Der Kreis schliesst sich!

Ja, genau! Eine Phase im Leben.

Was hören Sie heute?

Was mich inspiriert und herausfordert. Ich mag keine dumme Musik. Mir ist es lieber, wenn man über ein Lied diskutieren kann, als dazu mitzusingen. Musik sollte eine Message haben. Das kann Liebe sein, Freundschaft oder was Politisches.

Und jetzt konkret?

Chance the Rapper aus Chicago. Oder aus Australien: Hiatus Kaiyote. Das sind Kids wie ich, die aufschreiben, was sie denken.

Kaufen Sie noch CDs?

Nein, schon lange nicht mehr. Als ich anfing, gab das so eine Unordnung. Dieser Haufen Plastik. Mit Platten ist das anders. Mag ich ein Album, kaufe ich mir es auf Vinyl. Und natürlich habe ich Online-Dienste abonniert, aber eigentlich finde ich das … wie soll ich sagen … nicht ganz richtig.

Wie siehts bei den Konzerten aus?
Ich gebe mein bestes … und hab dann doch nie Zeit. Das letzte Konzert war eines in England von Lianne La Havas, aber da war ich nur, weil ich ein paar Häuser weiter selber auftrat, ich war Supporter von Mumford & Sons. Als ich fertig war, rannte ich!
Und verpassten Mumford & Sons.
Ja, haha, an jenem Abend. Aber ich war ja mit ihnen unterwegs, ich habe sie oft gesehen.
Und nun? Was passiert in den nächsten Wochen?
Kopf runter und weitermachen. Das Album ist fertig, ich hoffe, es gefällt. I just want to make sure people have a good time.

(JACK GARRATT: „PHASE“ Out: 19.02.2016, Universal;

Konzert: 18.05.2016 – Kaufleuten, Zürich)

P.S. Jack wünschte dann noch gute Besserung, ich wünschte ihm ein gutes Leben, er wünschte noch einmal gute Besserung und dann äusserte ich noch mein Bedauern, dass jetzt das Video-Testimonial (Jack Garratt wäre unser erster Rockette-Man zum Anfassen gewesen) ausfalle, worauf er sich sofort bereit erklärte, das im Mai nachzuholen, worauf ich mich sofort bereit erklärte, dann noch einmal ein Interview zu machen. So wies aussieht, war Jack also nicht zum letzten Mal bei den Rockettes. Bis dann: Hier das Video zu Jack Garratts Live-Performance für BBC Introducing und hier „Breathe Life“.

(Bilder: Universal Music)

 

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