„Ein Bier trinken und danach ins Bett“

amkAnnenMayKantereit, das ist keine Anwaltskanzlei, sondern der neuste grosse Musiktrubel in Deutschland und auch in der Schweiz: Vier junge Kölner, der Sänger mit schöner tiefer Rio-Reiser-Stimme, die melancholische Folk-Pop-Melodien spielen mit Texten, die gerade so konkret sind, dass sie jeder versteht, und gerade so abstrakt, dass sie nicht zu platt sind. Da schwingt viel Klavier und Sehnsucht und Herzschmerz mit, aber auch die Vergangenheit als Strassenband, „pennen“ reimt sich auf „kennen“ (hallo Rio!), und bevor man sichs versieht, haben sich die eingängigen Melodien ein bisschen eingenistet.

AnnenMayKantereit (AMK) haben die Musik nicht neu erfunden, aber das machen sie gut: 10 Millionen Youtube-Klicks können nicht irren. Erst vor einem halben Jahr haben die vier bei einem grossen Label unterschrieben, gerade sind sie auf Tour, jedes Konzert ausverkauft. Wir haben kürzlich hurtig telefoniert, mit dem einzigen in der Band, der nicht im Namen auftaucht: der Bassist, Malte Huck, der zu unserem Telefonat durch einen Wald in Nürnberg spaziert. Im Hintergrund hört man die Vögel pfeifen, und Malte Huck spricht mit Anfang zwanzig wie ein alter Interviewprofi: überlegt, vernünftig, bescheiden.

Rockette: Ihr wart grad in der Schweiz – wie waren die Konzerte?

Malte Huck: Die waren auffällig laut! Wir waren uns von der Schweiz gewohnt, dass es relativ leise ist und sich das Publikum eher zurückhält. Aber das waren mit die zwei lautesten Konzerte auf der Tour.

Haben die Leute wieder Handyfilmchen gemacht? Mögt ihr nicht so, oder?

Ja, das ist für jeden, der auf der Bühne steht, ein bisschen unangenehm. Diesmal gings aber noch, es waren sogar relativ viele Feuerzeuge dabei.

Oh, dann rauchen die Leute wieder?

Ja, teilweise wurde sogar geraucht!

Man kann sich sein Publikum nicht aussuchen. Oder hat jede Band das Publikum, das sie verdient?

Wir sind sehr zufrieden mit unserem Publikum. Ich glaube, das regelt sich von ganz alleine, je nach Musik, die du machst. Dein Publikum wird entsprechend aussehen. Ausser, die Band ist auf sehr unnatürlichem Weg entstanden.

Ihr habt als Strassenmusiker angefangen. Was hat sich verändert, seit ihr vor einem halben Jahr den Vertrag beim grossen Label unterschrieben habt?

Wir haben da jetzt keine bösen Überraschungen erlebt, wenn du das meinst. Über die Musik entscheiden wir nach wie vor allein mit unserem bisherigen Produzenten. Wir hatten auch lange mit den Leuten gesprochen, bevor wir unterschrieben haben, und die auch sehr gut kennengelernt. Was sich verändert hat, ist vielleicht, dass wir jetzt viel mehr Freiraum haben.

Das überrascht mich. Ich hätte gedacht, dass die Freiheit eher kleiner wird.

Nein, einfach weil jetzt mehr Geld für viele Sachen zur Verfügung steht. Aber auf der anderen Seite gibt es jetzt auch viel mehr abzudecken, viel mehr zu diskutieren, weil es einfach grösser geworden ist.

Was ist denn dazugekommen?

Da gibts super viele Sachen, natürlich deutlich mehr Interview- und Konzertanfragen, auch viel mehr Leute, die sich zu uns äussern, mit denen wir uns auch auf einem persönlichen Level auseinandersetzen müssen.

Wenn euch Fans auf der Strasse ansprechen?

Ja, zum Beispiel. Aber auch dass Leute Artikel über uns schreiben und eine Meinung über uns verbreiten, auf die wir reagieren – nicht öffentlich, aber als Privatpersonen.

Kam mit dem Erfolg auch eine gewisse Verantwortung?

Wenn man eine gewisse Aufmerksamkeit hat, erwarten Leute von einem, dass man sich zu gewissen Dingen äussert. Das ist für uns neu und nicht immer nachvollziehbar. Wir überlegen uns schon ganz genau, was wir sagen wollen. Gerade wenn es um eine politische Äusserung geht, ist es uns superwichtig, dass wir da zu viert dahinterstehen können. Wir finden da gerade so unsere Herangehensweise. Das beschäftigt uns gerade ziemlich.

Ihr seid so erfolgreich gerade – was wollt ihr noch mehr?

Wir können jetzt mal von unserer Musik leben, mehr noch nicht. Man hat noch nicht viel erreicht, wenn man das erste Album veröffentlicht hat und damit erfolgreich war. Sondern wenn man noch in zehn oder zwanzig Jahren Alben veröffentlicht und damit immer noch Leute begeistert – oder zumindest sich selber. Zudem findet das alles ja gerade Grossraum Deutschland/Österreich/Schweiz statt. Wir können uns auch gut vorstellen, dass wir mal eine englische EP machen und schauen, wie die Leute in Schweden oder wo auch immer unsere Musik finden. Wir sind noch lange nicht am Punkt, an dem wir sagen können: Wir haben etwas erreicht.

Wie ist das Tourleben?

Das Tourleben ist immer so, wie man es sich macht. Wir gehen relativ wenig feiern, so im klassischen Sinne, und haben eine Art Alltag. Die Crew fängt früher an, zu arbeiten, wir machen vielleicht Interviews oder besprechen das Konzert; am Abend spielen wir, dann gehen wir noch an den Merchandise-Stand, und das ists dann meistens schon. Ich war ja noch nie mit einer anderen Band auf Tour, aber ich würde sagen, es ist relativ ruhig. Wir können auch gut im Bus nach der Show abhängen und uns einen Film ankucken. Oder ein Bier trinken und danach ins Bett gehen.

Klingt sehr vernünftig.

Naja, Wenn das alles nur so ein Jahr halten soll, dann kann man sich auch jeden Abend die Kante geben. Aber wir sehen das als unseren Job und wollen auch abliefern und nicht an ’nem Konzert wie ein Schluck Wasser in der Kurve hängen.

Was hättest du gern vorher gewusst?

Wenn man sich in diesem Musikgeschäft bewegt, ist es wichtig, alles nicht so ernst zu nehmen. Irgendwie das zu machen, worauf man Lust hat, die Musik zu machen, die man liebt, aber den Rest nicht überzubewerten.

Was ist zurzeit zuhause für euch?

Auf der Tour ist es wirklich schwierig, irgendwo richtig anzukommen. Aber sonst ist unser Zuhause Köln, da sind unsere Freunde, unsere kleinen Wohnungen, da ist der Ort, an den wir immer wieder zurückkommen, der einzige Fleck, der wirklich beständig ist.

AnnenMayKantereit: ALLES NIX KONKRETES (Universal). Im Sommer in Bern am Gurtenfestival und am Openair St. Gallen. Schönes Tour-Fotoalbum hier.

(Foto: Fabien J. R. Raclet)

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