Tante Käthi und Onkel Joe

Es sind Skiferien im Lande. Bei jeder Gelegenheit kriegt man entgegengeschmettert, dass das Gegenüber Mitte Februar extremst verhindert sei, weil man dann irgendwo hoch zu Berg im Tiefschnee rumwedelt oder, als Sportbanause, lieber in einem Liegestuhl sitzt und Kaffee lustig schlürft. Mit Sahnehäubchen obendrauf. Die Zeiten, wo ich da vor Neid geplatzt wäre, sind längst vorbei. Besser noch, diese Leute verstopfen im Moment keine ÖV und Autobahnen. Und sie können nicht an Konzerte gehen. So geschehen am Joe Jackson-Konzert im Volkshaus Zürich. Weil das Volkshaus eben wegen diesen Skifirlefanzen noch eine Reihe freie Plätze hatte, entschied der Veranstalter, seinen Stammgästen ein besonderes Geschenk zu machen. Sie durften Freunde ans Konzert einladen. Tante Käthi ist so eine Stammkundin und nimmt ihren Neffen Marcel samt Freundin, also mich, mit.

So sitzen wir im Volkshaus, wir oben, Tante Käthi unten. Leider war einer unser Gratisplätze doppelt belegt mit einem zahlenden Kunden. Kein Thema, wir setzen uns einfach auf leere Plätze. Dann kommt ein anderer zahlender Kunde mit Freundin und sagt etwas unwirsch, das seien seine Plätze. Er habe schliesslich dafür bezahlt, also bestehe er darauf. Die Freundin findet das etwas unfreundlich, wir auch. Aber wir verziehen uns wortlos nach hinten. Ist sowieso besser, näher an der Bar, keine verstopften Ränge. Ätsch. Danke unfreundlicher, bezahlender Gast. Wir haben einfach das bessere Karma.

Dass Joe Jackson nicht ausverkauft ist, trotz Skiferien, bleibt ein Rätsel. Vielleicht liegt es daran, dass er nie den ganz grossen Durchbruch geschafft hat, während ähnliche Künstler wie The Police, Elvis Costello oder Bob Geldof in den grossen Zeit des New Waves Anfang der 80er-Jahre abräumten.

Das Konzert ist schlicht grandios. Joe Jackson betritt allein die Bühne, setzt sich ans Piano und spielt die ersten fünf Songs solo. Darunter das Cover „Big Yellow Taxi“ von Joni Mitchell. „If you play a cover, you should change it as much as possible“, sagt Joe Jackson. Überhaupt, Joe plaudert gern aus dem Nähkästchen, auch über sein neues Album „Fast Forward”. Es wurde in vier verschiedenen Städten – New Orleans, Berlin, New York und Amsterdam – aufgenommen, aus jeder Stadt kommen vier Lieder. Eigentlich wollte er ja in jeder ein ganzes Album aufnehmen. „But no one else in the world liked that idea. So it’s just, you know, one album. Good value though“, fügt er schelmisch an.image (1) Nach dem Titeltrack von eben diesem Album kommt seine Band auf die Bühne und sie heizen den Saal mit einem der grössten Joe Jackson-Hits „Is She Really Going Out With Him?“ ein. Bleibt die Frage, ob sich Jack White für das Raconteurs-Lied „Steady, as she goes“ nur inspirieren liess oder ob er es einfach stinkfrech geklaut hat. Einerlei, es zollt eben diesem Ausnahmekünstler Joe Jackson Tribut. Joe Jackson wiederum zollt anderen Künstlern Tribut, covert David Bowie wie auch Television. Er spielt neue wie alte Lieder aus seinem fast 40-jährigen Repertoire.
Besonders gefällt „Sunday Papers“, in dem er eine Melodica spielt, ein Instrument, das ich so noch nie gesehen habe. Es ist eine Art Blas-Keyboard, scheint jedoch nicht ideal für einen Asthmatiker wie Joe. Tante Käthi hatte auch mal so eins. Der Arzt habe es ihr empfohlen, es sei gut gegen Asthma. Sie hat es allerdings nur einmal gespielt.

Persönliches Highlight des Abends ist klar „Keep on Dreaming“. Geschrieben in New Orleans für Fast Forward. Es ist einfach groovy, Baby. Ich bin regelrecht platt, 21 Lieder insgesamt, der Abend vergeht wie im Flug. So wie das Konzert angefangen hat, hört es auch auf, Joes Mitmusiker verabschieden sich nacheinander bis er die letzten Töne von „A slow Song“ wieder alleine spielt.

Hier nochmals Dank für den unvergesslichen Abend. An den Veranstalter. An Tante Käthi. An Joe Jackson. Und selbst dem Blödian, der so beharrlich auf seinem Sitz sitzen wollte.

Setlist (16.02.2016, Volkshaus Zürich)

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One thought

  • Es gibt tatsächlich eine popmusikalisch relevante Skiferien-Referenz, die versteckt sich allerdings in einer einzigen Zeile des Sonic-Youth-Songs «Teenage Riot».

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