„Auch Melancholiker können Fun haben“

Natürlich hätte ich fragen sollen! Ich habs vergessen! Ich Esel!

Auf dem aktuellen Albumcover „The Waiting Room“ von den Tindersticks sitzt ein Esel am Tisch. Also, ein Mensch mit Eselkopf. Warum? Weshalb? Wieso? Ich weiss es nicht. Hab vergessen, das zu fragen, als ich Stuart A. Staples anrief (gut, zuerst hatte ich die falsche Nummer, und dann war so ein Krach, dass wir uns kaum verstanden. Aber es hat noch geklappt).

Der Londoner Stuart A. Staples, muss man wissen, lebt in einem Landhaus in Frankreich. Seine Band Tindersticks verzauberte (ja, das Wort ist nötig) ab Mitte der 90er mit dunkler Romantik und melancholischem Britsound, der einen daran zweifeln liess, dass die Herren von Oasis und jene von Tindersticks aus ein und demselben Land kommen. Anyway. Staples, dessen Band sich getrennt, wieder gefunden und neu formiert hat, hockt also in la France. Liest man Kritiken vergangener Jahre, bekommt man den Eindruck, der Brite bade jeden Tag in Rotwein. Oder sitze am Holztisch und lasse sich vollaufen. Mit Rotwein.

Das ist natürlich Quatsch.

Drum gleich die dümmste Frage am Anfang stellen:

Herr Staples, wie viel Rotwein trinken Sie so?

Stuart A. Staples: Gar keinen. Seit drei Jahren nicht mehr. Ich beschloss, meine Red-Wine-Days hinter mir zu lassen.

Aha. Whisky also.

Auch nicht. Ich habe eine Menge Whisky getrunken, aber im Moment trinke ich nicht. Naja. Badoit. Das schon (lacht).

Sollen wir eigentlich französisch reden?

Oh. No, no. No, no, no! Ich kann schon ein wenig französisch. Aber wenn ich mich erklären müsste, würde es schwierig werden.

Aber es gibt eine französische Seite an Ihnen? Eine, die Sie vielleicht erst in Frankreich entdeckt haben?

Eine französische Seite. Äh. Nein. Ich habe mich nicht verändert. Auch das Songschreiben hat sich nicht verändert, seit ich aus London weggezogen bin. Aber: Ich habe so viel mehr Platz. Ich habe früher in kleinen Garagen gearbeitet. Und jetzt ist da diese Weite. Das ändert natürlich im Innern schon etwas.

Sie sprechen ja in Gedichten.

Stuart A. Staple lacht, und zwar so, als ob er nach Luft schnappen würde, man hört ihn fast nicht. Es ist ein sympathisches, rauchiges Kichern. Das aktuelleste Album von Tindersticks ist soo schön. Ich weiss, das sagt überhaupt nichts aus. Aber wie soll ich das denn beschreiben? Beautiful, sage ich deshalb zu Stuart A. Staples, er sagt danke. Dann frage ich noch, warum der erste Song einer aus „Mutiny on the Bounty“ ist, also die „Meuterei auf der Bounty“. Er heisst „Follow me“ und ist so melancholisch wie Tindersticks.

Während der Arbeit zum Album dachte ich immer, „Second Chance Man“ würde der erste Song sein. Aber als wir fast fertig waren, spürte ich, dass da etwas fehlt. Es brauchte Raum vor diesem Lied. Die Melodie von „Follow me“ verfolgte mich seit Jahren, und ich fand, es ist Zeit, sie zu verwenden. Es war richtig. Das Opus war beendet.

Wissen Sie, früher lief auf deutschsprachigen TV-Sendern an Weihnachten immer „Die Meuterei auf der Bounty“. Jetzt nicht mehr. Ich finde das sehr schade.

He, he (wieder dieses meckernde Lachen, ich liebe es!).

Sie schreiben Filmmusik. Wenn Sie ein Film wären, welcher wäre das?

Ein Film? Ha, ha. Ich weiss nicht. Wahrscheinlich eine Doku in Schwarz-Weiss, ein Typ, der in einem Studio sitzt. So was.

Sind Sie traurig?

Hm. Bin ich traurig? Das wurde ich schon so oft gefragt. Ich habe wohl eine melancholische Seite, ja. Aber: Melancholiker können auch Fun haben.

Aber Ihre Lieder sind so schwermütig.

Ja. Wahrscheinlich. Manche Songs von früher verstehe ich erst jetzt richtig, obwohl ich sie selber geschrieben habe, ja, ich glaube, meine Songs verstehen mich viel früher als umgekehrt. Manchmal geht es lange, bis Lieder zeigen, was sie meinen. Man schreibt ja instinktiv. Das tun wir alle, wir wollen Gedanken loswerden, und oft kapiert man nicht sofort, worum es überhaupt geht.

„We Are Dreamers!“ singen Sie mit Jehnny Beth von den Savages. Sie scheinen so verschieden …

Das Lied gab es schon, aber es war irgendwie unfertig. Da traf ich Jehnny an einem Event, an dem wir beide auftraten. Ich hörte diese Stimme und war hingerissen. Also bat ich sie, mit mir zu singen. Und sie zeigte sich grosszügig (lacht). Yeah.

Dann fragt Stuart A. Staples, ob ich ans Konzert komme. Und dann ist das Gespräch zu Ende, auch weil die Verbindung nicht so gut ist. Und ich sitze ein bisschen verloren da und starre mein Handy an. Ich kann mir nicht helfen, aber am liebsten würde ich in den nächsten Zug sitzen und nach Frankreich fahren. Zu Stuart. Keine Ahnung was ich dort tun würde, ihn trösten (als ober das bräuchte!), mich mit ihm an einen Tisch setzen, mit oder ohne Rotwein, oder einfach wieder umkehren. Ein grosser Mann. Zu gross für ein kurzes Telefongespräch. Aber perfekt für die Bühne. Bald ist er hier. Und hier.

TINDERSTICKS: „THE WAITING ROOM“, City Slang

Konzert: 06.03., l’Octogone de Pully; 07.03., Kaufleuten Zürich

Den Film zum Album – „Tindersticks – The Waiting Room film project“ – gibt es in dieser hübschen „Spiegel“-Kritik zu sehen.

 

(Bilder: Richard Dumas/zvg)

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