Behave! oder: bei den Netten krachts gewaltig

Über Behave! haben wir schon mal berichtet. Gastautor Kurt Werren hat die Berner zwischenzeitlich aber auch persönlich kennengelernt, begleitet und ein Bandporträt geschrieben, wie es in dieser Form auf Rockette noch nie zu lesen war.

Was macht man, wenn man sich an einem Freitagabend plötzlich alleine wiederfindet und nach Zerstreuung sucht? Ist man wie ich in Bern, könnte man ins Café Kairo gehen, denn dort spielen in Kürze Behave!. So gehe ich denn hin, ins Kairo, gleich bei mir um die Ecke.

Zwei Wochen später treffe ich Behave! in ihrem Übungsraum wieder. Die Band übt für einen Auftritt bei einem Internetradio in Zürich. Unplugged. Behave! offerieren mir einen herzlichen Empfang und ich darf mich auf dem besten Sessel im Raum platzieren. Dazu gibt es auch gleich noch ein Bier. Shehnaz Sonderegger ist da, die Sängerin, Markus Fuchs ist da, der Gitarrist, und Ädu (nicht Adrian!) Kranz, der Drummer. Markus „Mäge“ Züger, der Bassist von Behave!, fehlt. Kommt das denn gut am Freitag im Radiostudio, frage ich, wenn der Mäge heute nicht mit euch übt? Ja, ja, sagt Shehnaz, die Sängerin, Mäge soll so spielen wie immer. Wir sind alle „chunt scho guet“ – Typen, fügt sie an.

Alle bis vielleicht auf Ädu. Den ich aber deswegen gleich ein bisschen ins Herz schliesse. Ädu ist so etwas wie der musikalische Direktor von Behave!. Auf jeden Fall bei den Proben; bei den Konzerten hält er sich eher im Hintergrund. Ädu hat Geografie studiert, da muss bei ihm dann eben auch die musikalische Navigation stimmen. Er ist sehr kritisch, selbstkritisch zuallererst, unterbricht, korrigiert und verlangt, dass dieser oder jene Teil eines Songs nochmals gespielt wird, weil es das erste Mal zu viele Fehler gab und generell scheisse getönt hat. Dazu ist Ädu ständig am Essen (er kam unverpflegt zur Probe) und trinkt Desperados, ein Bier mit Tequilageschmack (üblicherweise trinkt er Rivella). Die anderen begnügen sich mit halbkaltem Bier aus dem Sixpack. Einen Kühlschrank gibt es nicht im Bandraum von Behave!. Einziges Accessoire ist ein YB-Schal. Der Rest ist Musik.

Shehnaz Sonderegger

Behave! gibt es seit 2011. Shehnaz suchte eine Band, die drei Jungs eine Sängerin, und alles war gut. Mittlerweile lebt Shehnaz in Bülach; sie hat Bäckerin/Konditorin gelernt und betreut schwer erziehbare Jugendliche. Jeden Mittwochabend trifft sich die Band in Bern zum Üben und zum Songschreiben. Shehnaz muss jeweils relativ früh auf den Zug zurück nach Zürich, das macht es ein bisschen kompliziert, aber es geht. Einen eigenen Bandraum haben Behave! seit 2015. Sie haben ihn selber umgebaut und eingerichtet, es war eine Art Teambuilding, sagen sie.

Der Name Behave! entstand erst kurz vor dem ersten Konzert. Warum gerade Behave! vergesse ich leider zu fragen. Dafür erfahre ich, dass Shehnaz in ihrer Freizeit auch noch Fussball spielt, beim Team Furttal Züri, und dass die beiden Markus Lehrer sind. Lehrer sind ja in der Regel nette Leute und genau dieses Attribut trifft auch auf Behave! zu.

Was sind eigentlich eure Ambitionen als Band, frage ich in die Runde. Gute Frage, kommt es zurück. Bislang wollten wir vor allem Konzerte spielen. Aber auch das hält sich in Grenzen, mehr als fünf Konzerte pro Jahr sind es noch nie geworden. Es ist aber auch schwierig! Wir melden uns für vieles an, erhalten aber auch viele Absagen. Wieso wissen wir oftmals selber nicht. Manchen sind wir zu wenig Electro, anderen zu wenig Hardcore, einigen bloss zu normal.

Dabei sind Behave! gar nicht so normal (Tattoos sehe ich allerdings keine), nur vielleicht zu nett (als ob dies eine schlechte Eigenschaft wäre). Die Post geht extrem gut ab, wenn sie auf der Bühne stehen. Es gibt Bezüge zu Shoegaze, zu Skunk Anansie – Shehnaz! – und zu Motorpsycho aus Norwegen mit ihren langen Instrumentalparts, wie sie auch Behave! lieben (aber noch nicht vollständig realisiert haben).

Ein gutes Netzwerk ist alles, meint Markus Fuchs. Gage? Wir sind schon froh, wenn wir nichts drauflegen müssen. Das hat sich auch mit der CD nicht gross geändert, die Behave! das letzte Jahr aufgenommen haben, als eine Art Bestandesaufnahme der Band. An den Konzerten verkaufen sie die CD für fünf Franken. Diese passt gut fürs Auto und auch im Fitnesscenter lässt sich schön schwitzen dazu (mein Selbstversuch). Ein paar weitere Songs haben wir schon parat für ein nächstes Mal im Studio, sagen Behave!. Die wollen wir dann so dreckig wie möglich aufnehmen.

Ein Angebot für eine Russlandtournee hatten wir auch schon einmal, erzählt Markus Fuchs. Aber wir hätten 2000 Euro anzahlen und pro Tag 700 Kilometer reisen müssen. Alles tönte so halb obskur. Die Zeit für so etwas wird vielleicht einmal kommen, aber im Moment haben wir es aufgeschoben.

Vier Wochen später…

… treffe ich Behave! wieder in ihrem Bandraum. Die Stimmung ist wie immer gut. Behave! bereiten sich auf ein Konzert in der KUFA Lyss vor, als Vorgruppe von Cray. Shehnaz bietet mir gleich ein Bier an. Der Lieblingsdrink von einigen in der Band ist allerdings Basil Smash. Shehnaz macht ihn mit violettem Basilikum, um ihm mehr „visuellen Flavour“ zu geben.

Behave! fühlen sich heute Abend etwas rostig. Zuletzt spielte man vor drei Wochen zusammen, nachher gingen insbesondere die Lehrer in die Ferien, nach Sizilien zum Beispiel. Ich habe wieder den besten Platz im Raum und sitze im Sessel neben dem Schlagzeug. Die Band benimmt sich, wie wenn ich gar nicht da wäre (ich meine dies im positiven Sinn), diskutiert locker und macht Sprüche untereinander. Ädu verlangt, dass „Smile“ nochmals gespielt wird, und auch „Hidden“, aber „Get Away“ groovt dann so gewaltig, dass auch er ganz kurz lächelt.

Shehnaz kämpft ein wenig mit der Stimme heute Abend. Sie war schon die ganze Woche erkältet. Hoffentlich helfen die Revoice Lutschtabletten. Am Freitag in Lyss sollte sie gut bei Stimme sein. Irgendwann vor zehn Uhr muss Shehnaz auf den Zug nach Zürich; ihr Tag in der Backstube startet bereits wieder um halb vier. Das Tram zum Bahnhof verpasst sie jedoch knapp. Sie kommt deshalb kurze Zeit später in den Bandraum zurück. Die Band macht nun halt noch etwas weiter Musik, bis zum nächsten Zug, gegen Schluss wird sogar noch gejammt.

Am nächsten Abend bin in in Lyss in der Kulturfabrik für mein zweiten Behave!-Konzert. Möglicherweise hat keiner so viele Konzerte von euch gesehen wie ich, sage ich mit Ironie zu Shehnaz. Sie lacht und sagt, du bist nun unser Groupie.

Als Ersten in Lyss treffe ich Ädu. Er hat ein Bier in der Hand und ist etwas nervös, wie vor jedem Konzert. Die anderen sind es weniger, sagt er. Das sind halt deine Ansprüche an dich selber, sage ich. Heute Abend will er so richtig brätschen, nicht so gedämpft wie im Café Kairo (obwohl, so gedämpft war das gar nicht). Eigentlich übe ich zu wenig, meint er. Das hört man dann beim leise-und-filigran-Spielen besser als im lauten Modus. Eines Tages wirst du Glastonbury spielen, sage ich zu Ädu, und dann wirst du Vollgas geben können. Yes!, sagt er, und nach kurzer Zeit werde ich schon drei kaputte Drumsticks haben.

Shehnaz läuft vorbei und sucht ihr Revoice. Sie ist immer noch leicht heiser. Aber der Soundcheck ging ganz gut, sagt sie.

Das Konzert in Lyss gelingt Behave! dann auch wirklich gut. Es groovt, es kracht, die Band spielt wie immer sehr kompakt, ein richtiges „tight unit“, wie ich schon beim ersten Konzert notiert hatte. Dem Publikum gefällt es und kaputt geht nichts, abgesehen vom Gitarrengurt, der Markus beim ersten Song reisst.

Sehen wir uns beim Kinematik Konzert später im Oktober in Bern?, frage ich die Band beim Abschied. Sehr gerne und im Prinzip ja, antwortet Markus, der Gitarrist. Allerdings, fährt er fort, ist das an einem Mittwochabend, und dann müssten wir die Bandprobe verschieben. Aber vielleicht, sagt Markus, ganz der Lehrer, deklarieren wir das Konzert als Weiterbildungsseminar, dann passt das schon.

Tatsächlich kommen dann Shehnaz und Ädu mit zu Kinematik. Eine Woche später spielen Motorpsycho im Gaskessel in Biel. Da kann ich dann leider nicht.

 

GUESTLIST: Kurt Werren lebt in Bern, der Libanon ist seine zweite Heimat. Er hat hat ein Flair für fruchtbare Begegnungen und ein Näschen für spannende Bands und gute Musik.

 

 

 

(Bilder: Simon Marti)

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