Bern-Blues: Nichts zum Lachen

Für den ersten Teil unserer Bern-Serie* haben wir uns mit Jonathan Ben Vuilleumier unterhalten. Lustig war das Treffen mit dem Berner nicht unbedingt. Er ist melancholisch. Deshalb spielt er Bluesmusik. Er braucht sie, um nicht durchzudrehen. Ein bisschen lachen musste ich trotzdem, als er sagte, warum er nicht an Hochzeiten spielen will.

Ich habe an meine Texte ja oft den Anspruch, dass sie ein bisschen lustig sind, ironisch im besten Fall. Diesmal – das schon vorneweg – wird das schwierig. Und es würde dem Musiker nicht gerecht, der mit so viel Ernsthaftigkeit Bluesmusik macht und es mit diesem Lebensgefühl ernst meint.

Ich treffe Jonathan Ben Vuilleumier (er heisst wirklich so) im Café Kairo in Bern. Es ist Montagabend. Zeit also für die Mänti Abä Show. An dieser Open-Mic-Veranstaltung ist Jonathan Ben Vuilleumier Special Guest. Das passt. Hat er doch selbst an solchen Events angefangen (dazu später mehr). Mittlerweile spielt er auf etwas grösseren Bühnen im Raum Bern. Im Gustav Bierhübeli, am Parkonia, Musik im Park im Liebefeld aber auch in Zürich, Biel und Olten hat er schon gespielt. Dort erzählte er seine Geschichte.

Blues im Kairo Café Bern.

Geschichten erzählen, sich ausdrücken, darum geht es Jonathan Ben Vuilleumier. Durch Musik. Reden tut er nie auf der Bühne. Nicht aus Arroganz. Er findet einfach, dass Worte der Musik unterlegen sind. Nichts könne Emotionen so transportieren wie Musik. Nicht Farben, nicht Bilder, nicht Worte, auch nicht jene grosser Literaten.

Er selbst kam eben deshalb zur Musik. „Alle Menschen wollen ihre Geschichte erzählen. Das ist ein tiefes Bedürfnis. Für mich ist es manchmal ein Fluch, manchmal eine Berufung, dass ich mich nur durch Musik ausdrücken kann. Ausdrücken muss. Denn sonst würde ich durchdrehen“, sagt er.

Die Musik als Ventil hat er mit zehn Jahren entdeckt. Mit John Lee Hooker. Später kamen andere Musiker und Blues-Grössen wie Ben Harper, Eric Clapton und Bob Dylan (wenig überraschend, wenn man mal bei Jonathan Ben Vuilleumier reingehört hat) dazu. Das seien fast die einzigen Musiker, die er höre. „Radio chani nid losä“, sagt er. Bei guten Blues- und Folkmusikern spüre man die Ernsthaftigkeit, die Tiefe. „Man begreift, was diese Menschen erlebt haben, was sie transportieren wollen, auch ohne dass man die Worte versteht. Sie sind echt. Ich muss genau diese Musik machen“, sagt er.

Dass für ihn gerade der Blues das einzig Richtige ist, war am Anfang nicht ganz einfach. Er ging als Kind viel in die Kirche und hat sich den Glauben bewahrt. In der Kirche singt man aber Loblieder. Das könne er nicht. Nun habe er aber verstanden, dass man gerade durch traurige, klagende Musik etwas Menschliches und dadurch auch wieder etwas Göttliches transportieren könne.

Hier gibts sogar sowas wie ein Lächeln.

Aber genug davon. Ihm scheint es nicht so ganz recht, über Glauben zu reden (und mir auch nicht, wenn ich ehrlich bin). Viel lieber redet er über die Veranstaltung, bei der er auftritt. Diese Mänti Abä Shows im Kairo (Open-Mic-Shows immer am ersten Montag im Monat) wurden von Trummer ins Leben gerufen. Heute führt sie Bobby The Kid weiter. Neben den spontanen Gästen kommt immer ein Special Guest. Diesmal eben Jonathan Ben Vuilleumier. „Solche Veranstaltungen finde ich grossartig“, sagt er. Dort bekommen Musiker die Chance, aufzutreten, zu zeigen, was sie machen, etwas zur Kultur in Bern beizutragen und mit Leuten ins Gespräch zu kommen.

Richtig Geld verdienen kann man an solchen Anlässen nicht. Jonathan Ben Vuilleumier macht Musik aber nicht, um zu überleben, zumindest nicht im finanziellen Sinn (zum Geldverdienen trainiert er Pferde). „Ich könnte nie für Geld auftreten, an einem Ort, wo man mir nicht richtig zuhört. Deshalb würde ich nie an einer Hochzeit spielen. Und sowieso. An so einem freudigen Tag  sollte doch nicht einer kommen, der so depro ist wie ich“, sagt er und lächelt ein bisschen.

Genau in dem Moment, in dem ich anfange, ihn etwas lustig zu finden, ruft Bobby The Kid. Er müsse auftreten.

Tja, und dann ist es mit der heiteren Stimmung wieder vorbei. Es wird bluesig. Aber hört selbst:

 

* In der von der Burgergemeinde Bern unterstützten Bern-Serie stellen wir Musikerinnen und Musiker aus der Hauptstadt vor. Lo & Leduc kommen nicht vor. Sorry. Eher Neuentdeckungen. Das nächste Mal gehts um das Duo Cruise Ship Misery.

(Bilder: Rockette)

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