Lasst uns mit den Wölfen tanzen


In den letzten Tagen geisterte auf Facebook die Gruppe „Sätze, die ich erst nach 30 sagte“ herum. Und tatsächlich, im Laufe des Lebens ertappt man sich dabei, wie man vieles plötzlich nicht mehr so spiessig findet wie früher, und der eigene Gusto sich von Dosenbier hin zu einem guten Wein mit Vanille-Abgang entwickelt. Und während es genauso zum Älterwerden gehört, sich lieber über Torf-Geschmack im Whisky zu unterhalten, als darüber, welches Bier das billigste im Supermarkt ist, entwickeln sich auch Musiker weiter und beginnen, Töne und Ideen übereinanderzustapeln, um einen vielschichtigeren Sound zu kreieren. Und gerade die Bands, die in der Vergangenheit reüssiert und sich ihre Sporen bereits abverdient haben, dürfen sich solche kreativen Auswüchse auch erlauben.

Während Biffy Clyro der breiten Masse erst seit dem Erfolgsalbum „Opposites“ wirklich ein Begriff sind, erinnern sich Die-Hard-Fans gerne an Zeiten zurück, in denen an ihren Konzerten die erste Reihe noch hauptsächlich männlich besetzt und die Brachialität es war, die Songs wie „Living is a Problem because Everything dies“ so emotional gemacht haben. Das schottische Trio stand jahrelang für eine gewisse Verschrobenheit, weshalb es trotz radiotauglicher Hits wie „Mountains“ für den Mainstream doch immer noch zu roh war und auf der Bühne zu viel Schweiss vergossen hat – besonders Leadsänger Simon Neil lässt die Oberbekleidung meist von Beginn an weg, da er beim energischen Schrammeln literweise Wasser verliert. Wenn er in seiner Spielfreude dann den Kopf ans Mikrofon klatscht, ist das ein typischer Moment, der für 20 Jahre Biffy Clyro steht. Einer Beständigkeit, der eine enthusiastische Fangemeinde mit euphorischen „Mon the Biff“ -Rufen Rechnung trägt.

Nach 20 Jahren Bandgeschichte darf sich die Truppe aus Ayrshire ein Album wie „Ellipsis“ erlauben, das Die-Hard-Fans vor den Kopf stösst und dem Mainstream die Türen zu den kommenden Konzerten öffnet. Simon, James und Ben werden älter und ziehen heute als passionierte Schotten einen guten Whisky dem Dosenbier vor, das einst über ihre Köpfe hinweg geworfen wurde. Nach 20 Jahren dürfen die Herren dementsprechend auch musikalisch stapeln und Kinderchöre über „Uhs“ und „Ahs“ legen und herzzerreissende Liebeserklärungen machen – „I would never break your heart
I would only rearrange“, singt Simon Neil auf „Re-Arrange“. Als echter Fan folgt man den „Wolves of Winter“ auch in Zukunft gerne in die grösser werdenden Hallen. „Why’d you waste your time with me I’m just an animal“ lautet eine Frage, die Biffy Clyro auf ihrem neuen Album aufwerfen.

Eine Verschwendung wird der Besuch des ersten Schweizer Konzerts seit Jahren auf keinen Fall. Statt wehmütig auf die alten Tage in kleinen Konzerthallen – wie der St.Galler Grabenhalle – zurückzublicken, sollte man sich als langjähriger Fan einfach auf eine wichtige Lektion des Älterwerdens besinnen: Es ist sinnlos, schöne Erinnerungen festhalten zu wollen, aber äusserst befriedigend, mit einer gesunden Wehmut darauf zurückzublicken, und im Herzen zu wissen, wie schön es damals war.

LIVE: 19.10., Zielbau Arena, Winterthur

GUESTLIST: Gin Ironic will grad noch anonym bleiben, passt aber wunderbar zu den Rocketten: Sie braucht Musik wie Gin das Tonic und sucht die guten Töne im Leben auf allen Wegen – manchmal mit mehr oder weniger Ironie. Gibt nicht nur in knackigen Texten gerne ihren Senf dazu, sondern würzt damit einfach alles.

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