Bis überübermorgen, Iggy Pop

Ich mache mir Sorgen um Iggy Pop. Sein neustes Album „Free“ erinnert sehr stark an „Blackstar“ von David Bowie. Und der ist zwei Tage nach dem Release gestorben.

Gut, trauen wir dem Anschein, dass der 72-Jährige noch lange nicht zu bodigen ist. Denn obwohl viele Medien ihre Albumanalysen schon wieder um das Wort „Alterswerk“ rumtischelen (das hat mich schon 2016 bei „Post Pop Depression“ genervt), scheint mir Iggy Pop mal wieder voll im Saft zu sein. „I wanna be free“, sagt im Intro einer, der sich ein Leben lang nie festnageln liess. Und zwar zu sphärischen Klängen aber mit umso bodenständigerer Stimme. Weil „I wanna be free“ auch gar nicht so sehr ein Wunsch für die Zukunft, sondern längst umgesetzt ist.

Iggy fühlt sich beispielsweise frei, den anfänglichen Zuversichts-Groove im grossartigen Song „Loves Missing“ zu schierer Verzweiflung anschwellen zu lassen. Auch lässt er es sich nicht nehmen, nach der mit Trompete durchzogenen Breakbeat-Elektronik-Nummer „Sonali“ einen potentiellen Bond-Song namens „James Bond“ einzuschieben . Mit einer weiblichen Bond übrigens. Ziemlich sexy und very funny. Iggy muss sogar selber lachen.

„Free“ ist sehr wohl ein ruhigeres Album als sein Vorgänger. Eins, bei dessen Entstehung Iggy Pop vermutlich öfter im Lotussitz dasass, in seinen Bauch schnaufte, sein Inneres horchte und seine Sinne für überirdische Vibes öffnete, als auch schon. Hört euch „Page“ an, dann habt ihr das Bild sofort vor Augen – und geratet vermutlich gleich in Trance, wenn Iggys tiefe Stimme schwingt wie ein Meditations-Gong.

Und dann kommt es halt eben doch noch, das Todesthema, das mich so besorgt. In „We Are The People“ erzählt, also spricht, der Godfather of Punk davon, dass wir nicht wissen, wie man friedlich stirbt – „in ease“. Da und auch in „Do Not Go Gentle Into The Good Night“ erklingt dann auch wieder die Trompete des Jazz-Musikers Leron Thomas, die der Schwere Melancholie zufügt. Die Art zu sprechen, diese poetische Dringlichkeit, erinnert mich an Kate Tempest – weshalb ich eben wirklich nicht sagen möchte, dass dieses 18. Iggy-Pop-Album das Werk eines Alten ist. Es ist einmal Album mit allem – mit Free Jazz, Ambient, Spoken Word. Sexappeal und Gitarren-Coolness. Und mit sehr viel Tiefe, egal ob sich Iggy nun dem Licht oder zum Schluss („Dawn“) der Dunkelheit zuwendet.

IGGY POP: „FREE“, out (Caroline/Universal)

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