Black Music Matters

Man hat ja diese musikalischen Geheimnisse, die man mit sich herumträgt und mit niemandem teilt. Der Saxophonist Kamasi Washington ist so eines dieser – meiner – Geheimnisse.

Wie könnte ich einem Unwissenden überhaupt genau klarmachen, wer Kamasi Washington ist und was seine Musik ausmacht? Ich weiss allerdings auch, dass meine Geheimnistuerei um Kamasi Washington ziemlich anmassend und grundlos ist. Wieso sollte keiner ihn kennen, wenn er doch an den Musikfestivals von Glastonbury und Coachella aufgetreten ist und seine Alben von den Kritikern hochgelobt werden? Dabei macht Kamasi Washington ja Jazz.

So wurde ich doch nicht ganz überrascht, als ich am vergangenen Freitagabend im Fri-Son in Fribourg eintraf, zum einzigen Schweizer Konzert in diesem Jahr von Kamasi Washington. Die Halle war sehr gut gefüllt, von einem zumeist jüngeren Publikum, das offenbar Kamasi Washington kannte oder zumindest von ihm gehört hatte. Mögen die denn Jazz? Ist Jazz nicht schon lange tot? Wären gleich viele Leute gekommen, wenn Kamasi Washington in einem traditionellen Jazzclub aufgetreten wäre? Mit Tischchen und Fauteuils und dem Nippen an einem Longdrink zwischen den einzelnen Stücken und einem gönnerhaften Applaus nach jeder musikalischen Selbstbefriedigung, mit dem Saxophon, dem Bass oder dem Schlagzeug.

Das wahre Geheimnis bei Kamasi Washington und seinem kommerziellen Erfolg ist eben, er macht zwar Jazz, wird aber nicht als Jazzmusiker wahrgenommen. Kamasi ist cool, und hat auf Kendrick Lamars bahnbrechendem „To Pimp a Butterfly“ mitgespielt, Kamasi ist hip, und war früher mit Snoop Dogg unterwegs, und Kamasi ist sich seiner Umwelt und seinen Lebensumständen bewusst und gibt der #BlackLivesMatter – Bewegung und dem antirassistischen Kampf der Afroamerikaner eine musikalische Stimme. Die Verpackung ist einiges mehr als die Summe seiner Musik.

Schwarze Musik, Jazz, als Hoffnungslieder und Kampfhymnen der schwarzen amerikanischen Bevölkerung ist nichts Neues. Der Gospel wurde in den Kirchen des schwarzen Amerikas geboren und zelebriert und bereits Billie Holiday sang von Bäumen im Süden, die „strange fruits“ tragen würden. Später, in den Zeiten von Martin Luther Kings Bürgerrechtsbewegung, waren Jazz und Soul ein ständiger Soundtrack bei den Märschen und Veranstaltungen im Kampf um Anerkennung und Gleichberechtigung. Heute sind es globale Superstars wie Beyoncé, Kritikerlieblinge wie Kendrick Lamar und Avantgardisten wie Janelle Monáe, die auf der Bühne und in Videoclips die Ungerechtigkeit benennen und den Widerstand befeuern.

Und eben Kamasi Washington, aufgewachsen in Los Angeles. Er kennt die Wut, die Afroamerikaner bewegt, aber Wut, sagt er in einem Interview, führt zu Kontrollverlust und zu Fehlern. Wichtiger, so Kamasi Washington, ist ein neues Selbstbewusstsein, das er und seine Leidensgenossen entwickeln müssen, ein Selbstbewusstsein, das nicht fragt, ob es darf, sondern sich nimmt, was es will: Gerechtigkeit. In „Fists of Fury“, dem ersten Track ab Kamasi Washingtons letztem Album „Heaven and Earth“, wird dazu Kung-Fu Mythos Bruce Lee und seine Ästhetik als Superheld benutzt. „Our time as victims is over / we will no longer ask for justice / instead we will take our retribution“, singt Patrice Quinn, die Sängerin der Band, und macht dazu die Faust auf der Bühne im Fri-Son.

Das Gute bei schwarzer Protestmusik ist ja, dass bei ihr nicht nur der Inhalt stimmt, sondern auch die Form. Ganz anders als die einsilbigen Protestlieder von politisch gesteuerten Mitteleuropäern wie Wolf Biermann und Hannes Wader hat die Musik von Kamasi Washington Beats und Funk und Groove, und gerade die Zwillingsschlagzeuger Tony Austin und Ronald Bruner Jr. hauen in Fribourg mächtig einen auf den Putz und sorgen dafür, dass der Protest vom Kopf auch in die Beine geht. Aber ist das wirklich die Zukunft des Jazz, wie gewisse Kritiker behaupten? Eher nicht. Vijay Iyer, Avishai Cohen (beide, der Bassist und der Trompeter) und Nik Bärtsch’s Ronin aus Zürich, über die an dieser Stelle auch schon berichtet wurde, sind musikalisch gesehen viel innovativer und weiter in der Zukunft.

Dem Publikum in Fribourg ist es egal. Dem Publikum in Fribourg gefällt das Konzert. Die Ausflüge in die Stereotypen des Jazz – lange Alleingänge auf Saxophon und Schlagzeug, nicht enden wollende Gniedeleien auf dem Keyboard – werden überhört oder sogar applaudiert. Trotz ernsthafter Botschaft unterhalten Kamasi Washington und seine Band und präsentieren sich als glänzende Integratoren aller Strömungen der schwarzen amerikanischen Musik in den vergangenen fünfzig Jahren. Schwarze (amerikanische) Leben zählen für einen Abend auch in Fribourg. Die schwarze Musik sowieso.  

GUESTLIST: Kurt Werren lebt in Bern, der Libanon ist seine zweite Heimat. Er hat hat ein Flair für fruchtbare Begegnungen und ein Näschen für spannende Frauen und Männer sowie gute Musik. 

 

 

 (Bild: privat)

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