Bloss keine Feuilleton-Panik

Die Diskussionen über ihre reife Leistung für ihr zartes Teeniealter sparen wir uns, okay? Die US-Popsängerin Billie Eilish veröffentlicht heute ein verrückt geiles Album, das ist eigentlich gerade alles, was uns interessieren muss. 

Für einen kurzen Moment hatte ich Feuilleton-Panik. Das hab ich immer, wenn über eine Künstlerin, einen Künstler schon wahnsinnig viel diskutiert und geschrieben wurde, ich die Hälfte nicht gelesen und mir noch keine guten Argumente für meine mal wieder sekundenschnell gebildete euphorische Meinung überlegt habe. Ich aber darüber schreiben sollte, am besten sehr fundiert, denn es ist mir ja wichtig, seriöser Musikjournalismus und so. Doch ich finde auf die Schnelle keinen neuen, spannenden Aspekt zu diesem Menschen, den man (in diesem Fall) als „die neue Madonna“, „Pop’s Future“, „The next Big Star“ ankündigt – aber ich sollte, begründen, oder widerlegen, schnell, egal was, Hauptsache Feuilleton.

Bei Rockette öffnen wir in solchen Momenten eine Butilie Wein. Es wäre auch ziemlich komisch, jetzt, am Vorabend des Veröffentlichungstermins – das Album war früher nicht zugänglich so zu tun, als hätte man sich ein halbes Jahr damit auseinandergesetzt. Ich trinke Wein und höre los …

… nicht nur, denn schon bei „bad guy“, dem ersten Song nach dem Intro kommen mir all die Moves in den Sinn, die ich mal drauf hatte, als ich Tänzerin in Musikvideos werden wollte. Da ist viel Bass, da ist rhythmisches Einatmen, und es soll mir bitte keiner sagen, das erinnere ihn alles an Britney Spears, denn der Sound ist so viel roher, die Beats sind so viel fetter. So fett, dass meine gesamte Etage vibriert. Bis mich Billie Eilish mit Engelsstimme und Piano („xanny“) plötzlich ganz dumm dastehen lässt in meiner Bewegung. Aber nur, um mich sogleich mittels Syntie-Gewitter in irgendeinen Club zu katapultieren, in dem ich mit 17 sicher noch nicht rumgehangen bin („you should see me in a crown“). Das ist verwirrend, das ist grossartig und ganz sicher nie langweilig.

Langeweile ist vielleicht die einzige Empfindung, die die Singer-Songwriterin auf ihrem Debütalbum „WHEN WE FALL ASLEEP, WHERE DO WE GO?“ nie aufkommen lässt. Selbst ein Song wie „wish you were gay“, bei dem es um sehr tiefe amouröse Gefühle geht, kann nur durchgebounct werden. Ja, Billie Eilish ist der Traum aller zeitgenössischen Tänzerinnen und Tänzer.

Auch „I love you“, ein langsamer Song aus nicht viel mehr als Stimme und Gitarre, ist eine Aufforderung zum expressiven Tanz. So viel Gefühl kann anders gar nicht verarbeitet werden.

Ui, gerade hab ich ohne Recherche, ohne googeln, ohne Feuilleton-Stress, sondern lediglich mit Wein und Musik doch noch einen neuen Aspekt gefunden. Und zwar: Dieses Album ist kein besonders reifes Album für einen Teenie. Dieses Album ist sogar ein absolut klassisches Teenageralbum. Ein Album, das jeder talentierte Mensch zwischen 13 und 19 veröffentlichen würde, täte ihm nicht ein erwachsener, verkokster Kommerz-Naseweis reinreden und die furchtbar komplizierten Gedankengänge eines Heranwachsenden, die dramatisch tiefen Emotionen und der Drang, jede Angst und jedes Himmelhochjauchzen irgendwie auszudrücken, bis zur Unkenntlichkeit herunterschmirgeln. Billie Eilishs Produzent ist ihr Bruder Finneas O’Connell, 21 Jahre alt. Und ich bin ziiiiemlich betrunken gut drauf.

BILLIE EILISH: „WHEN WE FALL ASLEEP, WHERE DO WE GO?“, out (Darkroom, Interscope)

(Bilder: Facebook)

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