Bonaparte kann auch tags

Tobias Jundt alias Bonaparte

Ihr denkt, ein Bonaparte-Konzert gehöre zum Abgefahrensten, das ihr je erlebt habt? Dann trefft Tobias Jundt, wie der Musiker richtig heisst, mal zu einem Interview.

Erst einmal war es ja ein Glück, dass Bonaparte nach einem unfreiwilligen Irrweg mit dem Zug überhaupt in Bern angekommen ist. Vom Timing her aber auch ein bisschen Pech. Denn ich hatte kaum Stimme und aus Gründen so gut wie keine Zeit, vorab in das neue Album „The Return Of Stravinsky Wellington“ reinzuhören.

Gut. Ein Freizeitler, der mein miesest vorbereitetes Interview schon nach dem ersten Satz unterbrach, weil er Jundt am Vortag mit Büne Huber im Radio gehört und sofort erkannt hatte, kam mir schon mal sehr gelegen. Und auch der junge Typ, der uns kurz darauf um Geld anbettelte und von den angesagtesten Drogenverstecken erzählte, war willkommen. Dass meine Spende in Jundts Salatschüssel fiel und der Empfänger sie dort mühsam herausfischen und erst einmal abtrocknen musste, hab ich allerdings nicht beabsichtigt.

Wäre unser Treffen auf einer Berner Beizenterrasse ein Bonaparte-Konzert gewesen, dann hätte Tobias Jundt jetzt schon keine Kraft mehr gehabt – und es wäre egal gewesen. „Wir waren jeweils nach zehn Minuten schon an der Grenze, dann haben wir 2 Stunden und 50 Minuten darüber hinausgeschossen“, erinnert er sich an die exzessiven, trashigen, drogenrauschähnlichen Auftritte der letzten Jahre. Der Musiker, der für seine schrillen Kostüme und punkigen Live-Flashs bekannt ist, hat über eine lange Zeit mehr Energie verpufft, als er tanken konnte. Damit ist seit einiger Zeit Schluss. Jundt hat Familie, Frau und zwei kleine Töchter, um genau zu sein, und das Bedürfnis, einen Gang herunterzuschalten. Den Tag mit den Morgenstunden zu beginnen und mit dem Sonnenuntergang zu beenden.

Das äussert sich in Bonapartes Musik. Seine unverkennbare Stimme, die immer ein bisschen klingt, als würde er durch das Loch eines Massagetischs singen, kommt auf seinem fünften Studioalbum wieder richtig zur Geltung. Weil eben der Rest ruhiger ist, mit „Wolfenbüttel“ oder „Kinfolk“ sogar sehr ruhig. Die anderen Songs sind aber hell, wach, antreibend – “ sie funktionieren sehr gut mit dem Sonnenaufgang“. Bläser geben dem Ganzen ausserdem eine angenehme Wärme. Aber nicht zu viel, denn es ist nicht mehr so, dass Jundt beim Songschreiben wie früher „an den Club und die darin schwitzende Menge denkt“. „The Return of Stravinsky Wellington“ sei ein Album für den sonnigen Sommertag.

Wer Bonaparte bisher geliebt hat, wird Bonaparte weiterhin lieben. Denn so, dass ihm der Wahnsinn, der schräge Spirit, die in aufmüpfigen Sound verpackte sozialkritische Ader der letzten Jahre abhanden gekommen wären, ist es ja nicht (wir erinnern uns an den 2016 vorabveröffentlichten Song „White Noise„). Das einstige Neuland, wie Jundt den bisher so physischen Sound von Bonaparte beschreibt, sei ganz einfach zur Komfortzone geworden, aus der er nun wieder raus will. „The Return of Stravinsky Wellington“ ist also weder Müdigkeitserscheinung noch Midlife-Crisis, sondern eine lustvolle Party im „Halfway House“.

So dürften auch die Konzerte, die Jundt im Moment noch „wie schlecht aufgegossener Kaffee“ vorkommen, schon bald wieder richtig einheizen. „Ich muss einen Song immer mindestens hundert Mal spielen, bis ich ihn kennenlerne.“

„Oder, Cédric?“

Cédric Monnier, bekannt als ehemaliger Bonaparte- und Lunik-Keyboarder, ist während des ganzen Treffens mit am Tisch gesessen. Nicht als stiller Beobachter, eher als eine Art persönlich anwesender Telefonjoker. „Cédric kennt mich in- und auswendig und erinnert sich im Gegensatz zu mir immer an alles“, so Jundt, der beispielsweise Leute nie am Gesicht, sondern höchstens dann wiederkennt, wenn er ihnen „an die Schenkel greifen darf“.

BONAPARTE: „THE RETURN OF STRAVINSKY WELLINGTON“, out (Belive Digital / Bonaparte)

LIVE: 15.07, Gurtenfestival, Bern / 11.08. Lethargy Festival, Zürich

(Bilder: Melissa Jundt)

Tags:

Schreibe einen Kommentar