Eng und Tanz

Bosse_Engtanz_2016_Credit Benedikt Schnermann (4)

Telefoninterviews sind ja unberechenbar: Dem Gesprächspartner die Würmer aus der Nase ziehen zu müssen, ist das Schlimmste. Angenehmer schon das routinierte Frage-Antwort-Pingpong. Im allerbesten Idealfall aber hat man Menschen wie Bosse am Draht – also Axel Bosse, man kann auch Aki sagen. Und aus dem Interview wird ein lebhafter Austausch, bei dem an Stimmungsmache nichts fehlt – ausser Wein!

 

Bosse: Wo bist du denn eigentlich gerade?

Ich sitze im Zimmer meiner ältesten Tochter und hoffe, dass die Kleinste nicht gleich aufwacht.

Das wäre kein Problem, dann machen wir später weiter. Ich muss zwar noch mit meinem Kind zum Kieferorthopäden – aber auch da könnte ich noch mit dir telefonieren.

Ich muss später noch mit der grossen Tochter zum Hand-Chirurgen. Sie hat den Finger gebrochen.

Ach wie ist das denn passiert? Bei der Tür?

Nein, beim Fenster. Sie ist da hängen geblieben. Mit Kindern ist immer was los.

Definitiv.

Aber gut, kommen wir zum Thema. Wann bist du das letzte Mal zum Engtanz aufgefordert worden?

Ich war in den letzten zwei Jahren bestimmt 15 Mal engtanzen.

Echt?

In Hamburg gibt es einen Laden, der heisst „Krug“, da gibt’s eine offene Küche und an einem Samstagabend – wir hatten alle schon ein paar Gläser Rotwein drin – hat der Betreiber irgendwann geschrien, alle Tische zur Seite, dann hat er Musik aufgelegt und alle haben angefangen engzutanzen. Alle waren so alt wie ich, etwas älter vielleicht, und plötzlich total amurös – aber jetzt nicht so swingerclubbig.

Ich stelle es mir auch nicht swingerclubbig vor, Engtanz hat ja eher was Unschuldiges.

Na ja, zumindest in der Zeit, in der man noch die Flasche dreht.

Mochtest du diese Engtänze damals?

Du meinst, so mit 14? Ich fand das gut. Ganz ehrlich, das fanden wir doch alle supergut.

Ich wusste ja am Anfang gar nicht, was das Wort Engtanz bedeutet. Es klingt ja so nach beengt sein. Bei uns in der Schweiz sagen wir dem „einen Heissen tanzen“.

Ach echt? Okay.

Warum hast du eigentlich dein neues Album so genannt?

Dieses Mal ist es mir megaschwer gefallen, etwas zu finden, das allumfassend ist. Und es sollte ja nicht wirken, als käme es von jemandem, der gerade im ersten Semester Philosophie studiert. Ich hab gedacht, ok kuck mal, wenn man das was ich singe wirklich fühlen möchte, dann muss man sich schon irgendwie nah sein. Also eng. Dann hab ich gedacht, es hat aber schon auch ganz schön viel Energie. Es ist schon mein energiegeladenstes Album, weil es ganz schön Speed hat und zerrt, man muss sich dazu bewegen. Also Tanz.

Ich dachte an einen Engtanz mit dem Leben, als ich das Album hörte.

Genau. Es geht um die Nähe zur verpassten Chance, um die Nähe zum Glücklichsein. Es geht ziemlich oft darum, auf welche Art und Weise man glücklich sein kann, wenn man vielleicht nicht sagen kann: Ich habe keine Verantwortung, mir ist alles egal.

„Ahoi, Ade“ ist im Fall total mein Thema. Die Sehnsucht nach der Jugend. Geht dir das auch so? Dass du Dinge von früher vermisst, weil man sie einfach nicht mehr fühlen kann?

Wie auch? Obwohl nein, ich glaube schon, dass man Dinge wieder fühlen kann. Halt einfach anders. Früher habe ich immer gesagt: Scheisse, ich hab so viel Zeit mit mir selber, ich muss Leute sehen. Heute denke ich ganz oft: Boah, ich hab zu wenig Zeit mit mir selber, ich muss Leute sehen.

Weisst du was ich heute manchmal vermisse? Dieses unbekümmerte, endlose Beim-Feierabendbier-Sitzenbleiben. Sobald man eine Familie hat, muss man irgendwann ganz einfach nach Hause – oder beim Trinken zumindest ganz fest an den nächsten Morgen denken.

Ich weiss nicht. Ich führe ja schon ein Leben, in dem es manchmal noch passiert, dass ich mich treiben lassen kann. In Berlin zum Beispiel. Da treffe ich manchmal auf Leute, die sind noch immer genauso wie damals, als ich noch dort gelebt habe. Sie geben mir dieses alte Berlingefühl zurück. Und es ist wie damals, als ich da rumgestromert bin, nichts weiter besass als ein Billy-Regal und einen Pappkarton. Ich muss dann schmunzeln, weil ich denke, das ist so eine Art Selbstverarsche. Aber ich finds schon auch ein bisschen gut – und es fehlt mir manchmal auch.

Und am Ende möchte man dann doch mit keinem tauschen. Ich zumindest bin immer froh, wenn ich nach einem guten Ausgang in die volle Bude heimkehren kann. Aber na ja, zurück zu dir….Schreibst du eigentlich erst die Texte oder hast du zuerst die Melodien im Kopf?

Ich habe schon versucht, Texte zu irgendwelchen Melodien zu machen, die ich mal gut fand. Doch ich kam mir vor, als hätte ich Handschellen um und ein Korsett. In der Regel gibt es Sachen, von denen ich weiss: Darüber möchte ich jetzt einen Song schreiben. Da hab ich dann zuerst den Text im Kopf und im besten Fall nach einer guten Zeile schon die Gitarre im Arm.

Deutschsprachiger Pop ist ja sehr populär. Es gibt in dieser Sparte so viele Bands, manchmal weiss ich grad nicht mehr von wem welcher Song ist. Was machst du, um nicht einer von vielen zu sein?

Ich habe beim Schreiben diesbezüglich keinerlei Erwartungshaltungshaltung. Ich muss das für mich machen und nur ich muss sagen können, ich finde das richtig gut. Dadurch weiss ich natürlich auch was es bedeutet, wenn man sich ganz viel Mühe gibt und es interessiert niemanden. Aber auch das ist echt durchaus ok. Was für mich zählt ist, dass ich machen kann, was ich liebe.

Meine Worte. Apropos: Du gibst ja hier ein Interview für einen Blog, dessen Erfolg noch überhaupt nicht absehbar ist. Und dennoch sind wir, die hinter dem Projekt stehen, voller Zuversicht und Euphorie!

Ja, und am Ende geht es dann aber doch nur um Klickzahlen. Also natürlich nicht, aber du weißt schon. Wenn es keinen interessiert und du in einem Jahr noch immer keine Klicks auf diesem Interview hast (was dann vermutlich eher an mir liegt als an dir), ist es dann für dich so, als wäre die Halle leer gewesen und du hättest trotzdem gespielt?

Vielleicht, aber ich würde trotzdem weitermachen. Denn am Ende hat mich ja genau diese Lust auf Unabhängigkeit von Verkaufszahlen dazu bewogen, diesen Blog zu machen.

Gucke mal….schick mir doch einfach mal eine Mail, wenn das Ding rauskommt. Dann teile ich es auf Facebook und du hast schon drei, vier Klicks.

Hey, das wär super, danke!

 

BOSSE: „ENGTANZ“ Out: 12.02.2016, Universal Music;

Konzert: 01.03.2016 – Exil, Zürich)

(Bilder: Universal Music/Benedikt Schnermann)

Tags:

One thought

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.