Bring back the Poodle-Hair

Erste Sek, Skilager, Disco-Setting: Die ersten zarten Annäherungsversuche zwischen Meitli und Buebe – wir hatten noch keine Handys, mit denen wir uns gegenseitig plumpe Nacktföteli zuschicken konnten – wurden von diesem einen neuen Song perfekt untermalt: „How you remind me“ von Nickelback.

Es war mein Herzschmerz-er-ist-so-süss-Song. Schliicher um Schliicher wurden damals zu Nickelbacks Überhit getanzt, und noch heute schwelge ich in bittersüssen Erinnerungen und drehe laut auf, wenn der massentaugliche Gassenhauer im Radio gespielt wird.

Nickelback sind Nummer 11 in der Rangliste der best-selling bands in history – imfall. Im Zuge der Bekanntgabe, dass die Kanadier einen Multi-Millionen-Dollar-Plattenvertrag mit BMG unterzeichnet haben, hat das neue Label Anfang 2017 ein paar Fakten herausgearbeitet, in deren im Subtext ein „nehmt das, Haters!“ mitklingt. Und deren gibt es ziemlich viele: „Warum Nickelback so gehasst werden“-Abhandlungen sind im Internet ein beinahe ebenso erfolgreicher Klick-Bringer wie Büsibilder. Wohl auch deshalb dachte sich Mark Zuckerberg 2016, er würde bei den coolen Kids gut ankommen, wenn er seinen digitalen Heim-Assistenten Jarvis einen ziemlich platten Witz über Nickelback machen liesse – uncool, Zucki.

Aber leider noch uncooler: Die Reaktion von Avril Lavigne, Ex-Ehefrau von Nickelback-Anführer Chad Kroeger, die sich prompt über Twitter an Mark Zuckerberg wandte und ihren Verflossenen verteidigen wollte. Wenn einem Mann etwas nicht zu mehr Credibility verhilft, dann eine keifende Ex, die für ihn die Wortkeule schwingt – erst recht nicht, wenn es Avril Lavigne ist. Dass einige Promiblätter dann auch noch titelten, die Kanadierin habe sich von ihm getrennt, weil sie ihn nicht sexy gefunden habe, war für Chad Kroegers Image als Rockstar nicht förderlich.

Solides Album mit Höhen und platten Tiefen

Lieber Chad, mein Teenager-Ich fand dein ikonisches Poodle-Hair und den wehmütigen Post-Grunge-Touch in eurer Musik einfach grossartig.

Das mittlerweile erwachsene, etwas härteren Riffs zugetane Ich findet „Feed The Machine“, den Opener des gleichnamigen neuen Albums, schon ziemlich gut. Song Nummer zwei, „Coin  for the Ferryman“, ist sogar ein richtig wuchtiger Stampfer mit ausgeklügelten Riff-Spielereien, der auch eingefleischten Hatern den Marsch bläst.

„Must be Nice“ verführt mit einem southern-rockigen Einstieg und frecher Attitude, und auch „For the River“ veranlasst den Hörer – ob gewollt oder nicht – dazu, den Kopf nicken und die Zehen wackeln zu lassen.

Aber während sich Nickelback einst mit einer wirklich guten, perfekt das Gleichgewicht zwischen Herzschmerz und catchy Rock-Sound haltenden Ballade ihren Weg in die Stadien dieser Welt geebnet haben, sind es heute für mich eben genau die Balladen, die der Band den Ruf als Hassobjekt eingebracht haben. Kaum ist man mit den ersten beiden Songs des Albums in Fahrt gekommen, und kaum hat sich die Frage gestellt, warum Nickelback eigentlich so viele Hater haben, da wird einem mit der Single „Song on Fire“ eine mögliche Antwort geliefert: Es ist eine Schnulze, wie sie im Lehrbuch steht. In das gleiche Brett schlagen „Home“ und „Every Time We’re together“.

Dass Nickelback auch sanfte Töne anschlagen können, ohne zu platt zu werden, beweisen sie dann aber doch noch: „The Betrayal (Act 1)“ ist ein gekonnter Instrumental-Track, der, ohne ein Hit sein zu wollen, zu den besten Kompositionen gehört, die die Kanadier je präsentiert haben.

Chad, pack deine Lockenpracht wieder aus!

Ein solides Stadion-Rock-Album, das den Mainstream bedient und mit dem einen oder anderen gelungenen Riff-Arrangement auch eingefleischte Rock-Fans begeistern wird – so mein Fazit zu „Feed The Machine“. Und mittlerweile sind die Herren Nickelback ja auch ein wenig älter und wollen vielleicht gar keine wilden Rockstars mehr sein.

Aber Chad- mir fehlt deine lockige Haarpracht. Komm, für Album Nummer 10 lassen wir sie wieder wild wuchern, packen die Schnulzen weg und holen deine Rampensau heraus – dann tanze ich mit dir vielleicht nach der Show auch noch einen ganz engen Schliiicher.

NICKELBACK: „FEED THE MACHINE“, out (Republic Records)

(Bilder: nickelback.com/BMG, pinterest)

 

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