Charlotte for ever!

Um 21.37 Uhr am Montagabend war es schon fertig, das Konzert von Charlotte Gainsbourg im Kaufleuten. Für Charlotte gerade rechtzeitig zum Znacht, für mich ideal, um vom Zürcher Grossstadtgroove wieder zurück in die Berner Provinz zu fahren und trotzdem nicht viel später als die Hühner ins Bett zu kommen.

Vor 21.37 Uhr: Ein wirklich gutes Konzert, eine ausgezeichnete Band mit einem ausbalancierten Sound, nicht zu laut und nicht zu leise, man hört alle Instrumente und versteht sogar die Texte (und das nicht nur, weil Charlotte Gainsbourg ja zuallererst Schauspielerin ist). Es ist ein keyboardlastiger, airiger (da meine ich die Band Air damit) französischer Discofunk, der geboten wird. Ab und zu driftet dieser ab ins Melodiöse der Teenager-Klamotte La Boum. Man möchte der Drummer sein in dieser Band und die knackigen Beats schlagen dürfen; bei „Deadly Valentine“ allerdings wäre dann der Job des Bassisten gerade recht.

Die Songauswahl war schon vor dem Konzert aus dem Internet bekannt, von Charlotte Gainsbourgs Konzerten in Amsterdam und Luxemburg in der vergangenen Woche, und machte mich neugierig. „Lemon Incest“ von 1984 sollte dabei sein und „Charlotte for ever“ von 1986, beides kontroverse Aufnahmen, zusammen mit ihrem Vater Serge. Charlotte war zu dieser Zeit noch ein Kind. Was will sie uns 30 Jahre später mit diesen Liedern sagen? Die Kritiker von damals verdammten Gainsbourg, den Vater und Agent Provocateur, als Pädophilen, der mit dem Inzest spielt.

Wusste sie damals, was sie genau zu ihrem Vater sang und was es bedeutete? „L’amour que nous ne ferons jamais ensemble.“ Kommt das überhaupt drauf an? Jeder kann seine Worte für sich so zurechtlegen, wie er oder sie das will. Jeder baut mit denselben Worten seine andere, seine eigene Geschichte. Doch gilt das auch für ein kleines Mädchen? Oder war Charlotte Gainsbourg eine frühreife Künstlerin mit einer frühreifen Fantasie? Bei den Genen ihrer Eltern wäre das nicht verwunderlich.

Auf der Setliste steht auch „Runaway“ von Kanye West, eines seiner bekanntesten und besten Stücke. Je nachdem, wen man fragt, bezeichnet sich Kanye West in diesem Song selber, oder seine Haters, als Arschloch. Da war dann die Frage, schon vor dem Konzert, wer ist denn bei Charlotte Gainsbourg das Arschloch? Sie selber? Wohl kaum, dazu gibts keinen Grund. Obwohl: Die grundsätzlich reflektive Charlotte könnte sich wohl glaubwürdiger selber ein Arschloch nennen als es der prollige Kanye je tun wird.

Charlotte Gainsbourg hat ihre Bühne als Neonröhrengarten eingerichtet und steht mittendrin, nicht vorne am Rand. Eine Rampensau ist sie ganz bestimmt nicht. Alle Musiker sind gleich angezogen – Jeans, Jeansjacke, weisses T-Shirt – auch Charlotte, die man immer wieder auf der Bühne suchen und finden muss. Sie ist scheu, sie ist auf eine berührende Weise zerbrechlich, und die grosse Show ist nicht ihr Ding.

Das Keyboard, das Charlotte Gainsbourg spielt, ist zunächst einmal ein Musikinstrument. Aber auch ein Instrument, um sich daran zu halten. Um ihre Unsicherheit zu beherrschen. Immerhin: Ihre Stimme ist eindeutig selbstbewusster als zu ihren Anfängen. Zwischendurch haucht sie wie ihre Mutter Jane, provoziert aber auch, und ist sensibel, so wie ihr Vater.

Schon etwas bizarr dann, Charlotte Gainsbourg bei „Charlotte for ever“ von sich selber singen zu hören. Oder über sich? Man kann den Song auch als Hommage an ihren Vater interpretieren, oder als eine Hommage an sich selber, die Serge schrieb und von seiner Tochter singen liess. So oder so, das passt gut. Charlotte Gainsbourg ist mehr als nur eine Person. Meint ja auch Lars von Trier, ihr Regisseur.

Schon bald kommt „Runaway“ vorbeigeflogen, eben die Coverversion von Kanye West. Charlotte spielt das fast solo am Keyboard, singt „let’s have a toast for the douchebags, let’s have a toast for the scumbags“. Man hält diesen Song ja auch für Kanyes I-don’t-give-a-fuck-statement (gerade nach dem Taylor-Swift-Gate an den Grammys ein halbes Jahr zuvor). Und in diesem Punkt trifft er sich prinzipiell mit Charlottes Vater, der tat das nämlich auch.

Bei „Lemon Incest“, dem Skandalsong und Schlussbouquet des Konzerts, ist es dann aber Charlotte, die absolut keinen Fuck gibt. Sie macht aus der new-wavigen, trashigen 80er-Jahre-Nummer einen kräftig schwofenden Discostomper. Hey! Es ist 2018. Was kümmert mich das #MeToo von gestern? Die Liebe zwischen mir und meinem Vater, die war echt, pur und edel. Er ist tot, meine Schwester ist tot, aber ich, Charlotte Gainsbourg, ich lebe noch. For ever!

 

GUESTLIST: Kurt Werren lebt in Bern, der Libanon ist seine zweite Heimat. Er hat hat ein Flair für fruchtbare Begegnungen und ein Näschen für spannende Frauen und gute Musik. Und über Charlotte Gainsbourg schrieb er nicht zum ersten Mal.

 

 

(Bilder: Facebook / privat)

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