„Ich war die unbeliebteste Person der ganzen Uni“

Das Interview mit Clare Bowen war eigentlich nicht viel anders als eine Folge „Nashville“ schauen. Die Sängerin und Schauspielerin ist genau so nett und sensibel wie Scarlett O‘ Connor, die sie in der US-Erfolgsserie spielt, ihr wahres Leben aufregend und wahnsinnig traurig zugleich, ihre persönliche Liebesgeschichte: filmreif. 

Ich habe ehrlich gesagt ein bisschen damit gerechnet, dass ihr Debütalbum „Clare Bowen“ total aufgeplustert und kommerziell daherkommen würde. Wie man es von einem internationalen Serienstar wie Ihnen halt so erwartet.

Ich weiss, was Sie meinen.

Doch das Gegenteil ist der Fall. Es ist zart, persönlich, bescheiden.

Es kommt definitiv von Herzen. Und es erzählt die Geschichte meines Lebens, und der Menschen, die ich liebe. Dass ich es nach fünf Jahren Arbeit endlich veröffentlichen konnte, ist ein Meilenstein. Ein Traum, der in Erfüllung geht.

Mentor Linden, Ehemann Young, Clare Bowen (v.l.n.r.).

In den letzten fünf Jahren stand die Australierin hauptsächlich als Scarlett O’Connor vor der Kamera. Ihre Rolle in der Countryserie „Nashville“ hat das Album geprägt, wie sie sagt. So ist ihr wichtigster Mentor und ihre grösste Inspiration etwa der Kanadier Colin Linden (Mitglied der Band Blackie an the Rodeo Kings und ehemaliger Gitarrist von Bob Dylan). Jeden Gitarrenpart, den man auf dem „Nashville“-Soundtrack hört, hat er eingespielt – und jetzt ist Linden mit Bowen auf Tour. Grossen Einfluss auf die Künstlerin hatte auch „Nashville“-Produzent Buddy Miller. „Er hat mich gelehrt, wie man ein Mikrofon benutzt“. Der operngeschulten Bowen ist der Umgang damit noch beim Dreh der Pilotfolge im Bluebird Café nicht vertraut gewesen.

Wer hat sie eigentlich dazu ermuntert, Australien zu verlassen und in die Staaten zu gehen?

Mein kleiner Bruder Timothy James Bowen, er ist ebenfalls Songwriter. Ich hatte vier Jobs, um meine Miete bezahlen zu können. Abends arbeitete ich hinter der Bar, tagsüber ging ich zu Auditions. Eines Tages hat er mich zur Seite genommen, nach einem ziemlich miesen Tag … das muss ich kurz erzählen. Ich arbeitete damals in einem Lokal namens The Metro in  Sydney. Es war vier Uhr morgens und ich musste etwas wirklich sehr ekliges vom Boden aufwischen, klebrig-nasse Federn oder sowas. Es war extrem kalt und als ich frisches Wasser holen wollte, rutschte ich aus und leerte den ganzen Kübel mit dem Dreckwasser und den hässlichen Federn über mich, es war ekelhaft. Anyway, ich rief meinen Bruder an, der ein paar Häuser weiter ein Konzert spielte, und sagte ihm, ich hätte die Nase gestrichen voll. Auf dem Weg nach Hause fragte er mich, warum ich nicht mehr singe, nicht einmal mehr unter der Dusche.

Ach, Sie haben gar nicht immer gesungen?

Nein, aus der Opernklasse wurde ich rausgeschmissen, ich war die unbeliebteste Person der ganzen Uni. Mein Bruder war einer der wenigen, die immer an ich geglaubt haben. Also habe ich auf seinen Rat hin mein Hab und Gut verkauft, bin nach Nashville geflogen und ein paar Jahre später kehrte ich zurück und spielte im ausverkauften Metro. Die Geschichte habe ich während des Konzerts natürlich erzählt.

Als kleines Kind hatten Sie Krebs und keine grossen Überlebenschancen. Jahre danach musste sich ihr Bruder einer Chemotherapie unterziehen. Wie war es für Ihre Eltern, ihre Tochter nach diesen Schicksalsschlägen in die weite Welt ziehen zu lassen. 

Es war sehr hart, doch sie wussten, dass ich das tun muss. Sie haben mich immer unterstützt. Mein Vater ist Flight Attendant, dank seinem Rabatt konnten ich es mir überhaupt erst leisten, in die Staaten zu fliegen. Meine Eltern sind zweifellos die stärksten Menschen, die ich kenne.

Clare Bowen erinnert sich daran, wie ihre Mutter ihr von dem Moment erzählte, als man sie mit der Krebsdiagnose ihres Kindes konfrontiert hatte. „Sie ging davon aus, beim Aufstehen Einschusslöcher hinter sich in der Wand zu finden. Jedes Wort des Arztes habe sich wie ein Schuss in die Brust angefühlt“, sagt sie. Dafür, dass vor nicht allzu langer Zeit auch Bowens Bruder Timothy an Krebs erkrankte, gibt es keine Erklärung. Die Sängerin braucht sie auch nicht. In einigen ihrer Songs, speziell aber in dem ihren Eltern gewidmeten „Doors and Corridors“ (hier in einer Version mit ihrem Bruder und ihrem Ehemann), singt die 33-Jährige davon, dass sie trotz der Schicksalsschläge nichts an ihrer Vergangenheit ändern möchte.

Ihr Ehemann, der Musiker Brandon Robert Young, weicht scheinbar nie von ihrer Seite.

Touren ohne Brandon – unvorstellbar. Es hat so lange gedauert bis wir uns gefunden haben, dass wir es nun einfach geniessen, alles zusammen zu machen. Wir schreiben zusammen, wir singen zusammen, wir haben Spass zusammen …

und Sie haben viele Kinder, allerdings haben alle „vier Beine und einen Schwanz“. Bowen und Young sind sich übrigens in der Garderobe der Bridgestone Arena in Nashville zum ersten Mal begegnet. Gewissermassen in einer Notsituation, denn Clare Bowen hatte innerhalb von 24 Stunden einen Duettpartner für den Song „If I Didn’t Know Better“ (hier mit ihrer Serienliebe Gunnar aka Bruce-Springsteen-Lookalike Sam Palladio) auftreiben müssen. Ihre Managerin beorderte einen gewissen Brandon Robert Young her, der den Song vorher noch nie gehört hatte. Der Amerikaner und seine heutige Ehefrau probten zweimal in der Garderobe, ach, Clare Bowen kann die Story besser erzählen:

 

 

CLARE BOWEN: „Clare Bowen“, out (BMG)

(Fotos: Facebook)

 

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