CLIP UND KLAR: Eine Björk im Kornfeld: Wer hören will, muss auch sehen

Björk hat mich kalt erwischt. Dabei war mir doch gerade so heiss. 

Dass ich mehrere Jahre, ja vielleicht Jahrzehnte eine Björk-Abstinenz ausübte, geschah eher zufällig. Vielleicht hatte ich „Joga“ fünfzehntausend Mal zu oft gehört, vielleicht gab es einfach anderes, vielleicht  wollte ich mich unbewusst abkoppeln von dieser ganzen Dramatik, die mich lange begleitet hatte, ich weiss es nicht. Jedenfalls suchte mich Björk dieser Tage ganz plötzlich heim, ich lag am Strand und das Beach-Wifi funktionierte zum ersten Mal seit Tagen, und ich so ein bisschen am Surfen und am Schwitzen, und dann whaaaammm.

„The Gate“ schwappte über mich wie eine besonders brutale Welle. Das hatte nichts zu tun mit dem Meeresrauschen, das sich mit dem neuen Song überlappte und vermischte, und auch nichts damit, dass ich kaum noch unterscheiden konnte, was Ägäis war und was Björk. Wie hatte ich nur so lange ohne sie sein können?

Dieses Glücksgefühl, das mich durchströmt, wenn ihre Stimme zu kippen droht.

Dieses Schaudern, wenn sie ein „R“ rollt, zum Beispiel in „receive“.

Diese völlig irrsinnige Sicherheit, dass sie nur für mich singt, vor allem, wenn der Text „I care for you“ lautet.

Ich vergass grad schnell, dass man Björk nicht nur hören muss, sondern immer auch sehen.

Holte das dann aber nach. Der Clip zu „The Gate“ ist kitschig. Sehr kitschig. Und extrem björkig. Sie sitzt in einem digitalisierten Heuhaufen und spielt Flöte, sie dreht sich um, hat eine Qualle im Gesicht (anscheinend trägt sie des öfteren Masken, nicht nur im Clip) und ein Gucci-Kleid am Körper. Und dann tanzen schwebende Alien-Björks durch die Luft. Überhaupt ist man sich nie sicher: Befindet man sich jetzt auf dem Meeresgrund? Im All? Oder einfach in Björks digitalisiertem Hirn?

Alles in allem ein bisschen verwirrend, auch wenn die Tonlagen sich kaum unterscheiden, und vertraut.

Und ich so grössenwahnsinnig denkend:

Care for me 

and then I’ll care for you

Björk hat mich wieder.

⭐⭐⭐⭐

(Das neue Album, das eine Art Tinder-Profil von ihr ist, soll im November erscheinen)

(Bild: Facebook)

 

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