Cruise Ship Misery: So hat man einen Geilen

Sie nennen sich das Berner Mundart Pop Duo des Grauens: Cruise Ship Misery. Und das sind sie auch, für alle, die auf leicht durchschaubaren Mainstream-Pop und Texte über geile Boyfriends stehen. Im zweiten Teil unserer Bern-Serie* erfahrt ihr die künstlerischen Absichten der Musikerinnen und Schreiberinnen Milena Krstic und Sarah Elena Müller.

Letzte Woche mal nach Feierabend. Als ich Cruise Ship Misery in einem Berner Hochhaus treffe, schifft es. Ich komme mehr oder weniger direkt aus einem deprimierenden Regenwaldfilm, es ist dunkel und ich bin erkältet. Auf mich wartet ein Gespräch über Songtexte, die nicht selten vom Gefangensein handeln, von Schwere, Schatten, Überwachung, Kontrolle. Dabei will das Pop Duo des Grauens letztlich vor allem eins: einen Geilen haben. Milena Krstic, die die von Sarah Elena Müller geschriebenen Texte singt, bringt diesen Ausdruck immer wieder. Ich will auch.

Cruise Ship Misery kommen von der Bühne. Also nicht in diesem Moment, sondern allgemein. Zwei Wochen nachdem Müller Krstic ihre Texte und Soundideen gezeigt und sie spontan „eine Kollektivierung“ beschlossen hatten, gaben sie ihr erstes Konzert. Das war vor ein paar Jahren. Und danach verselbständigte sich das „Cruise Ship“. Die beiden spielten eine Show nach der anderen, wofür sich das Publikum mit viel Liebe bedankte. „Irgendwann dachten wir, es wäre schade, nichts aus den Tracks zu machen“, so Milena Krstic. „So haben wir die Songs quasi von der Bühne ins Studio gebracht.“ Das Album „Urteil“ ist im vergangenen Februar erschienen. Und wahnsinnig geil!

Für alle, die sich fragen, was das ist, Literatur oder Musik, und wenn Musik, dann was für welche – Cruise Ship Misery sind sich diese Fragen gewohnt. Und sagen: es ist „Pop-Pop“. Sehr wohl überlegt und schnell kreiert. „Ich bringe jeweils meine Textsammlung mit, und ein bisschen Musik, dann kitten wir das alles zusammen, Mile arrangiert um und sucht nach Mörderhooks“, erklärt Sarah Elena Müller. Ja, Milena Krstic ist „für den Mariah-Carey-David-Guetta-Teil zuständig“, wie sie sagt.  „Ich schaue, dass es einen Refrain gibt, den man 70 Mal singen kann. Ich liebe es, ich liebe Pop und R&B … und Sarah kommt dann mit ihren Sehnsuchtsakkorden.“ Die seien „so schön triefend, und ich kann einfach drüberjaulen“.

Die Musik von Cruise Ship Misery darf man kantig nennen. Sie ist sicher nichts für unflexible Tänzer, die nicht innerhalb von einer Sekunde auf die andere den Move wechseln können. Sollte das jemanden abschrecken: Für die Live-Shows werden die Tracks jeweils fetter gemacht. Man müsse den Leuten auch einmal über längere Zeit einen Beat geben, in dem sie sich sicher wähnen können, sagt Milena Krstic. Der Konzerte sollen schliesslich in einer Party enden. Für alle.

Weil trotz allem Spektakel der Text im Zentrum steht, der zwar Mundart ist, aber nie „in Gmögiges, Gäbiges, gerade noch gut Verständliches abrutscht“ (Müller), läuft im Hintergrund jeweils der auf 600 pdfs verteilte, hochdeutsche Originaltext. „Ich kann ja kein Berndeutsch“, so die Ostschweizerin Sarah Elena Müller. Und die Texte auf Hochdeutsch zu singen, sei kitschig. „Was wir machen, ist eine totale Neudenkung der Sprache“, so Krstic. Sie übersetzt den Hochdeutschen Text nahezu wortwörtlich auf Mundart, was ungewohnte Ausdrücke und nie gehörte Satzstellungen hervorbringt. Genau so soll es sein – „Berndeutsch hat einfach Rotz“.

* In der von der Burgergemeinde Bern unterstützten Bern-Serie stellen wir Musikerinnen und Musiker aus der Hauptstadt vor. Lo & Leduc kommen nicht vor. Sorry. Eher Neu-Entdeckungen. Das nächste Mal gehts um das Duo The High Horse. Alle anderen Teile sind hier zu finden.

(Bilder: Sarah Wimmer)

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