Dark Sky Mine

An der Riviera vom Neuenburgersee flanieren, in den Liegestühlen rumhängen und Cocktails schlürfen, neue Bands entdecken und vor allem Midnight Oil abfeiern, das war unser Plan fürs Festi’Neuch vergangenen Samstag.

Es war für einmal ziemlich durchdacht, das Vorhaben, la Romande Lo sollte mir und euch das Welsche Laisser-faire und Laisser-fêter vorleben, ich würde das Spektakel mit dem Deutschschweizer Bünzliblick beäugen. Mais bon. Wir haben den Plan ohne das Wetter gemacht, mein Gottimeitschi würde jetzt sagen, es gibt nichts Langweiligeres, als über das Wetter zu reden, aber es gibt nichts Bestimmenderes, als eine üble Sturmwarnung mit Hagelvorhersage an einem Festivalmorgen. Also die Sturmwarnung bekomme ich von Lo frei Haus geliefert.

„Sch….. “ (Was übersetzt heisst: Willst du wirklich hin?)

Der Samstag strahlt vorerst nur vor sich hin, mein Blick schweift regelmässig dem Jura Richtung Westen entlang, aber nein, weder über Biel noch über Neuenburg scheint sich was zusammenzubrauen. Also, ich packe in mein Festivalsäckli ein Baseball Cap (Empfehlung an alle Brillenträger*innen) und Pelerine und montiere die einigermassen wetterfesten Schuhe. In Biel steigt Lo in den Zug zu, Sonnenbrille, keine wetterfesten Schühchen, am Glace essen. So viel zur Sturmwarnung am Morgen.

17.20 Uhr: Leichter Wind. Aussicht auf Hagel.

An der Abendkasse hört Lo das Gespräch des Staffs mit. „De la grêle dans 45 minutes!“ Fortan habe ich meinen persönlichen Wetter-Live-Ticker neben mir herlaufen. Das wars mit dem Battle zwischen den Kulturen, es wird ein Wetter-Battle. Ich, eher wetterfest (mein heftigster Sturm war am ersten Greenfield-Festival 2005, da war danach einfach alles pitschnass. ALLES, Zelt, Schlafsack und Ersatzkleidung). Lo hingegen war vor sechs Jahren in der Nähe des Eidgenössischen Turnfests in Biel, als ein verheerender Sturm über das Gelände fegte und bekam die Rettungsmassnahmen vor Ort mit. Ihr Respekt vor dem Sturm ist also verständlich. Und es hilft in diesem Moment auch nicht, dass die Organisatoren des Festi’Neuch anfangen, die Zeltbeschilderungen abzumontieren.

17.30 Uhr: Dark Sky, böiger Wind.

Nach einem kurzen Abstecher zu The Gardener & The Tree zieht es uns an den See. Vielleicht war das ein Fehler. Weil da ist der Blick frei Richtung Westen und der Himmel formiert sich dort mehr als düster. „Qu’est-qu’on fait“, fragt mich Lo. Ich gehe zuerst einmal die Sturmwarnung fötelen. Zurück bei Lo, Rapport der aktuellen Wetterlage: „Ils annoncent violence 4 sur 5“ und hält mir erneut die Online-Wetterkarte unter die Nase.

Lo macht noch Föteli

18 Uhr: Heftiger Wind, gefährlicher Himmel.

Kurz vor dem Konzert der Parcels, mal wieder eine Band, die komplett an mir vorbeiging, wird von Lo eine Lagebesprechung einberufen. Sie schwankt zwischen Schutz in der Metrostation in der Nähe des Festivalgeländes suchen und direkt wieder nach Hause gehen. Ihr Blick lässt mir eigentlich keine Wahl. Aber ich zeige auf das Zelt. Ich geh da rein. Brummelnd stapft mir Lo hinterher.

Ca. 18.25 Uhr: Parcels, heiter bis disco.

Vom Sturm draussen kriegen wir im dunklen Zelt nicht viel mit. Nur Rinnsale von Wasser fluten langsam das Zelt. Das Konzert wird jedoch nicht nur aufgrund des Schuhwerks zur Hüpfpartie, der Sound der Parcels lädt mit ordentlichen Discobeat zum Mitschwofen ein.

(Insta-Story-Format, sorry. Musste aber rein. Hier geht es zum gesamten Festi’Neuch Story Highlight)

19.30 Uhr: Bindfäden

Ein Blick nach draussen: Der Sturm scheint vorüber, war da überhaupt was? Es regnet aber Bindfäden. Ich muss trotzdem aufs Klo. Ich montiere die Mütze (immer noch die beste Empfehlung für Brillenträger*innen), Regenmäntelchen und wage mich ins grosse Nass. Lo bestellt bei mir noch eine Pelerine, falls ich jemanden was verteilen sehe. Davon gibt es bei BCN mehr als genug. Merci beaucoup.

Altin Gün

20.00 Uhr: Leichter Regen. Durst.

Wir wollen irgendeinen Drink, finden aber auf Anhieb nichts, was das ganze anstehende Konzert über gesüffelt werden kann. Und eine ganze Bouteille de Vin wäre dann auch etwas viel. Womit wir bei den kulturellen Unterschieden bei Festivals wären: Bei den Welschen gibt es ganze Weinflaschen zu kaufen. Aus Glas. Wo gibts denn sowas in der Deutschschweiz?

20.30 Uhr: Öl. Und Frauenstreik.

Wir sind immer noch auf der Suche nach unserem Drink, als Midnight Oil schon anfangen. Ausgerechnet mit „Dead Heart“, einem meiner Lieblingslieder. Mission Alkohol wird sofort abgebrochen, und wir stopfen uns in das überfüllte Zelt. Mit ein paar findigen Tricks schaffen wir es bis ein paar Meter vor die Bühne. Das Wetter? Tempi passati. Auf das Schuhwerk aufpassen ebenso. Wir sind noch verliebter in die Band, als wir feststellen, dass der Drummer Rob Hirst einen Badge vom Frauenstreick am Revers trägt. Und es wird Liebe, als Sänger Peter Garett sein Hemd auszieht und sein Messageshirt mit einem Aufruf gegen die Gewalt an Frauen zum Vorschein kommt. Im Übrigen ist auch am Festi’Neuch der Frauenstreik allgegenwärtig, viele Staffs tragen einen Frauenstreik-Badge und im Medienzelt ist an verschiedenen Stellen der Geschlechteranteil der einzelnen Teams plakatiert.

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21.45 Uhr: Himmel trocken, Boden und Kehlen nass.

Wir kommen endlich zu unserem Drink und schlendern wie ursprünglich geplant über das Gelände. En Effet, bei schönem Wetter muss es hier wirklich fantastisch sein, direkt am See, perfekte Lage, superbe Ambiance. Mais leider müssen wir schon auf den Zug. Aber vielleicht schaffen wir es nächstes Jahr, unser biellingues Projekt zu realisé.

Bonne Nuit, Festi’Neuch

 

(Bilder: Lo & LaDomi)

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