Das Zirkuspferd, das keines mehr sein will

Dass er kurz vor Release seines zehnten Studio-Albums eine Tourpause einlegen muss, weil er beim Versuch, seine Bühnendeko zu erklimmen, unter den übergrossen Pistolen begraben wurde, ist ein zufälliges, aber dennoch unwahrscheinlich passendes Ereignis in der Geschichte des Marilyn Manson.

Noch immer träumt er davon, der grosse Antichrist zu sein – ist dann aber in vielen Momenten doch nur noch das Zirkuspferd, das er partout nicht sein will. Anlässlich seines neuen Albums, das diese Woche erscheint,  gilt es, sich erneut mit dieser zwiespältigen Person auseinanderzusetzen, die gleichermassen ihrem Schockrockerimage entwachsen zu sein und sich dennoch krampfhaft daran festzuklammern scheint.

„Männer, die dir gefallen, müssen möglichst verbraucht aussehen und ein ziemlich kaputtes Innenleben mitbringen“ so einst die Analyse meiner besten Freundin, was meinen Männergeschmack anbelangt. Beide Attribute treffen ziemlich genau auf Marilyn Manson zu, mit dem mich denn auch seit vielen Jahren eine Faszination verbindet, die von einer Schnittmenge aus Bewunderung, einem Faible für zwiegespaltene Persönlichkeiten und einer Portion Unverständnis genährt wird.

2001 war ich süsse 13 Jahre alt, als Marilyn Mansons Video zu „Tainted Love“ mich methaphorisch entjungferte: Mein hormongesteuertes Teenie-Ich fand sich sofort in der Rolle des unschuldigen Nerd- Girls wieder, das sich in schwarze Klamotten wirft, um mit dem bösen Musiker im Pool zu planschen. Für einen Teenie, der in einem behüteten Dorf aufgewachsen ist und sich gerade erst langsam bereit dazu macht, gegen Konventionen und Spiessbürgertum zu rebellieren, eine ungemein faszinierende Vorstellung.

Während ich in den folgenden Jahren die Auftritte von Marilyn Manson mit einem Gefühl von Faszination und Ekel zugleich verfolgte, bekam ich erst einige Jahre später wirklich die Gelegenheit, den selbst ernannten Antichrist Superstar live zu sehen und empfand dann nur noch Mitleid und Belustigung für diesen Mann, der sich auf der Bühne in einem viel zu engen Lederkostüm abstrampelte, ständig neue Accessories anschleppte und keuchend versuchte, die markante Kreisch-Stimme von einst zu treffen und sich nicht selbst mit einer pinken Federboa zu erdrosseln.

Bewusstes Enfant Terrible oder Opfer einer Rolle, die er nicht mehr ausfüllen kann?

Während die düstere Musik, die bibelverachtenden Lyrics und das verstörende Auftreten von Marilyn Manson und seiner Band in den späten 90er- und frühen 2000er-Jahren noch für Verwirrung, Aufsehen und protestierende Kirchenfanatiker sorgte, scheint Marilyn Manson heute mit der Rolle des Schockrockers überfordert. In einer Zeit, in der Autofunfälle schnell mit dem Handy auf Video aufgenommen werden und man vermutet, dass im Dark Web mit Menschenleben gehandelt wird wie mit Spielkarten, reicht es nicht mehr, drängend verstörende Videos zu drehen und sich mit immer abstruseren Erklärungen selbst zu mystifizieren.

Marilyn Manson ist mittlerweile mehr ein Schatten der Karikatur, die er zwar selbst erschaffen, deren Entwicklung er aber der Gesellschaft überlassen hat, von der er sich so sehr distanzieren wollte. Indem er die ihm aufgedrückte Rolle des Schockrockers zu erfüllen versucht, verliert er sich und seine Message immer offensichtlicher. So dass man nicht mehr weiss, ob sich Manson, der in letzter Zeit mit betrunkenden Auftritten und Schlägereien für Schlagzeilen sorgte, darin verloren hat, das „Enfant Terrible“ sein zu wollen, oder ob er sich diese Rolle bewusst zu Nutzen macht, um seinen Akt der Rebellion zu untermauern.

Luzifer als Rebellionsfigur

Sein neues Album „Heaven Upside Down“ scheint jedenfalls von dem Rebellen schlechthin inspririert zu sein: Luzifer, dem gefallenen Engel, den Manson nicht als religösen Satan, sondern als Widersacher Gottes sieht. Ebenso wie er sich selbst gern in der Rolle des Rebellen sieht, wenn es darum geht, fanatische Kirchengänger zu verärgern und ihnen mit scheinbar satanischen Botschaften einen Schock einzujagen. Dabei nennt sich Marilyn Manson – Ehrenmitglied der Church of Satan einen keineswegs religiösen Menschen. Er entsagt sich jeglichen Glaubensgerüsten.

Nachdem „The Pale Emperor“ eher als ein Werk eines alternden Musikers, der sich langsam auf Blues besinnt und seine Lederkluft in den Keller hängt, bezeichnet werden kann, katapuliert das Folgealbum den Zuhörer zurück ins letzte Jahrzehnt. Nur die geschickt platzierten Soundeffekte und elektronischen Zwischentöne lassen erahnen, dass dieses Werk ein neues Marilyn-Manson-Album ist und kein Zwischenton zwischen den 2000er Erfolgen „Holy Wood“ und „The Golden Age of Grotesque“.

Zunächst medienwirksam für den 14. Februar und mit dem vielsagenden Titel „Say10“ angekündigt, verging der Valentinstag ohne Release und auch ganz ohne Kommentar Mansons zum Verbleib des Albums. Erst kurz vor dem Sommer dann die Bestätigung, dass es am 6. Oktober 2017 unter dem neuen Titel „Heaven Upside Down“ erscheinen wird. Der Name stammt vom gleichnamigen Song, der zusammen mit den Tracks „Revelation #12“ und „Saturnalia“ nachträglich aufgenommen und schliesslich auf das zehn Songs starke Endprodukt gepackt wurde.

„Saturnalia“ spielt auf das zweite Thema an, das Manson auf „Heaven Upside Down“ nachhaltig beschäftigt: Seine Verbindung zum Planeten Saturn und dessen Verbindung mit vielen prägenden Momenten im Leben des Musikers, der einst als Brian Hugh Warner auf die Welt gekommen ist. Der Song sei eines der zentralen Elemente des Albums und vom Tod seines Vaters geprägt, der währender Aufnahmen verstarb.

Auf „Saturnalia“ zeigt sich der Schockrocker, der diesem Image längst entwachsen ist, beinahe romantisch:

When all your demons die
Even if just one survives
I will still be here to hold you
No matter how cold you are

Lyrisch bewegt sich Marilyn Manson ansonsten in gewohnten Gefilden, klagt an und wirft mit Kontroversen um sich. Zu alter Höchstform läuft er im einstigen Titeltrack „Say10“ auf: Das Wispern und der modernde Sound schaffen eine alptraumhafte Stimmung, die in einem catchy Chorus gipfelt, in dem Manson seine treue Fanschar wie gewohnt dazu auffordert, mitzusingen: „You say God, I say Satan“.

Mit „Tattooed in Reverse“ ist dem Künstler, der sein neues Album ebenso wie den Vorgänger zusammen mit Komponist Tyler Bates geschrieben hat, die wohl treffendste Bestandesaufnahme seines aktullen Schaffens gelungen. Die scharrenden Riffs, der treibende Sound – ein Song, der ähnlich schon dutzende Male auf Manson-Album zu finden war, aber immer noch funktioniert. Das Songwriting ist auch hier eher mässig und zuweilen sinnlos, und trotzdem lässt sich hier der eine Satz finden, der den inneren Zwiespalt von Manson am besten beschreibt:

I’m unstable, I’m not a show horse

Er will schon lange kein Zirkuspferd mehr sein, klammert sich aber trotzdem mit aller Kraft an seinen Kopfschmuck und tanzt die Choreografie, die von ihm erwartet wird. Die Fans werden „Heaven Upside Down“ lieben, ist es doch eine Art Rückkehr zu seinen Wurzeln  für alle anderen dürfte es eher ein schwacher Versuch sein, mit Altbekanntem zu neuer Grösse aufzusteigen.

MARILYN MANSON: „Heaven Upside Down“, 06.10. (Loma Vista/Caroline)

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