Der Himmel hängt voller Gitarren

In einem muffeligen Lagerraum in der Berner Lorraine, wo sich einst Stoffballen stapelten, hängen Dutzende wertvolle E-Gitarren und Bässe symmetrisch nebeneinander und warten darauf, gezupft, gespielt, gekauft und geliebt zu werden. Kein Schild, kein Schaufenster verrät den Laden mit den geschichtsträchtigen Instrumenten von aussen. Aber Yeahman’s Vintage & Used Guitars am Turnweg braucht auch keine Laufkundschaft: Wer eine gebrauchte E-Gitarre oder einen guten alten Bass sucht, findet den Weg hierher irgendwie, zu Michael Marti (35), promovierter Soziologe, Musiknerd seit Teenagertagen, Gitarrenhändler offiziell seit etwas mehr als zwei Jahren. Das mit dem Laden ist langsam gewachsen, einfach so passiert. Irgendwann reichte der Platz im Wohnzimmer nicht mehr für die angeschleppten Sammlerstücke. Irgendwann reichte das Geld nicht mehr fürs Studium. Also bisschen Gitarren dealen. Also Raum dazumieten. Also plötzlich mit bekannten Musikern korrespondieren.

Aber eins nach dem anderen.

Michael Marti, Yeahman’s Vintage & Used Guitars

„Die besten Platten der Rockgeschichte wurden auf solchen Instrumenten eingespielt.“

Das mit den Vintage-Gitarren sei heute ein wenig ein Trend, zurück zum Ursprünglichen, sagt Michael Marti. „Als Berufsmusiker muss man einfach einen alten Fender-Bass im Arsenal haben.“ Was macht denn diese Instrumente so besonders?, fragt der Gitarrentrottel. Zum einen ist das simple Ökonomie, Nachfrage und Angebot, die originalen Instrumente sind knapp, voilà. Aber nicht nur. „Die besten Platten der Rockgeschichte wurden auf solchen Instrumenten eingespielt“, sagt Michael Marti. Anfängerwissen für Gitarrendeppen: „Die Gibson Les Paul, das ist die Rockgitarre, Eric Clapton, Jimmy Page und Jeff Beck haben die gespielt.“ Die klinge tatsächlich besser. Wirklich besser.

Michael Marti, Yeahman’s Vintage & Used Guitars

Eine Gitarre für eine halbe Million.

So viel besser, dass eine alte E-Gitarre schon mal eine halbe Million Franken wert sein kann. So eine hat Michael Marti gerade nicht im Laden (vielleicht steht dann am Sonntag eine am Guitar Fest, aber dazu später). Aber immerhin eine Gibson ES-175 Jahrgang 1957 mit originalen PAF-Pickups, die für etwa 10’000 Franken gehandelt wird. Die soll trotzdem nicht als Sammlerstück verstauben, das wäre zu schade, die meisten von Michael Martis Käufern und Käuferinnen sind Berufs- und Herzblut-Musiker und spielen die Instrumente dann auch wirklich.

Der einzige ohne Blockflöte.

Generell sind Gitarren, die in den 50er- und 60er-Jahren gebaut wurden, auf dem Musikermarkt begehrt. Daneben gibt es noch viele gute Modelle aus allen späteren Epochen, die oft erstaunlich erschwinglich sind. Marti ist der einzige in der Schweiz, der sich allein auf den Handel mit diesen Instrumenten spezialisiert hat. „Andere müssen daneben noch Scheissgitarren verkaufen. Mein Geschäftsmodell erlaubt mir den Luxus, nur zu verkaufen, was ich selber wirklich gut finde und auch auf die Bühne mitnehmen würde.“ Er spielt selber Gitarre respektive Bass, bis vor ein paar Jahren bei Goodbye Fairbanks (ältere Leser erinnern sich), jetzt bei einer Ami-Punkband, The Gamits, und Dwayne, sowie seit einiger Zeit bei Midrake.

Michael Marti, Yeahman’s Vintage & Used Guitars

Seit das mit AC/DC war, googelt er die Käufer.

Seinen ersten berühmten Kunden hätte er beinahe gar nicht bemerkt. Michael Marti erhielt eine E-Mail aus Australien, in der jemand nach einem bestimmten Bass fragte, Michael hatte fast Mitleid mit dem Kunden, weil der Versand dahin so teuer ist. Deshalb bot er ihm an, das Porto zu teilen. Schliesslich verschickte er das Paket via einen Freund in Japan. Irgendwann kam ein Dankesmail mit einem Foto als Attachment, es zeigte den Käufer 1977 mit dem Originalbass in Kopenhagen. Marti schrieb zurück: Cool, in welcher Band er denn gespielt habe? Mark Evans antwortete, dass er damals Bassist gewesen sei bei AC/DC. „Seither google ich alle Kunden“, sagt Michael Marti.

Michael Marti, Yeahman’s Vintage & Used Guitars

Ein Pedal für Weezer.

Den Bassisten von Weezer musste er nicht googlen, das ist eine alte Lieblingsband von ihm. Auf Instagram bekundete Scott Shriner einmal Interesse an einem Bass von Yeahman, und als Weezer dann endlich mal wieder in Europa spielten, bot Marti ihm an, ein Pedal ans Konzert nach Amsterdam mitzubringen, das ihm gefallen dürfte. Sie trafen sich backstage, „nerdeten vom Strübschte“, Shriner kaufte das Pedal. How cool is that?

 

Ellie Gouldings Band kaufte während des Gurtenfestivals ein.

Manchmal schauen die Musiker auch bei ihm in der Lorraine vorbei, wenn sie gerade in der Schweiz spielen, wie die Band von Ellie Goulding, die grad ein bisschen einkaufte, vergangenes Jahr am Gurtenfestival. Dann wiederum klingelte das Telefon, und dran war einer von Patti Smith‘ Band. Oder Marti bringt schon mal um Mitternacht ein Instrument zur Übergabe zu einer Autobahnausfahrt, um einen Kunden auf Tour zu beliefern. Schweizer Musiker? Da seien wohl schon fast alle mal bei ihm gewesen, die man so kenne.

Scheiden tut weh.

Vom Handel mit den gebrauchten Gitarren kann Michael Marti inzwischen leben. Reich wird er davon nicht. Vieles sind Tauschgeschäfte. „Musiker sind halt schon chronisch knapp bei Kasse.“ Auch jene, bei denen man es vielleicht nicht erwarten würde, versuchen oft noch irgendwas auszuhandeln. In dieses Geschäft ist fraglos schon literweise Herzblut geflossen. Da ist Loslassen trotz Platzmangels nicht immer einfach. Manchmal hofft Michael Marti bei einem Instrument, dass es niemand kaufen möge, weil es ihm ans Herz gewachsen ist. Und ab und zu nimmt er eine Gitarre aus dem Laden wieder heim, weil er sich nicht vorstellen kann, sich von ihr zu trennen. Er ist eben selber ein Fan. Seit der ersten Klasse. Als die anderen blockflöteten, verlangte er nach einer Gitarre.

Michael Marti, Yeahman’s Vintage & Used Guitars

Die erste grosse Gitarren-Convention der Schweiz.

Diesen Sonntag wird er seine Leidenschaft mit ganz vielen Menschen teilen: Mit einem Freund hat er das erste Guitar Fest organisiert, in der Markthalle in Burgdorf treffen sich Händler und Hobbyisten zur ersten grossen Schweizer Gitarren-Convention. Das werde wohl ein „Nerd-Fest vom Strübschte“, sagt Marti mit einer gesunden Distanz. Aber auch für Gitarrendeppen ein schöner Sonntagsausflug, im Zentrum das beste Instrument von allen.

GUITAR FEST: Sonntag, 18. September, 9-17 Uhr, Markthalle Burgdorf, Eintritt 5.-, mit Bier, Foodtrucks usw. Wir verlosen am Dienstag auf Facebook 2×3 Eintritte, nicht verpassen!

YEAHMAN’S VINTAGE AND USED GUITARS, Turnweg 2, 3013 Bern, yeahmansguitars@gmail.com, geöffnet auf telefonische Voranmeldung (wenn möglich zu Bürozeiten): +41 (0)79 308 89 15.

Fotos: Enrique Muñoz García

Michael Marti, Yeahman’s Vintage & Used Guitars

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