Der Schwermütigkeit entwachsen

Mit ihrem Album „Mojave“, das heisst treibenden Drums, verspielten Synthies und krachenden Gitarren, wirbeln WeRDust in der Schweizer Musiklandschaft Staub auf. Die ehemaligen Mephistosystem-Musiker haben sich mit dem Ziel, tanzbare Rock-Elektro-Musik zu machen, von der einstigen Industrial-Schwermut befreit.

Mephisto, der Widersacher der Menschen, der sie um ihr Seelenheil bringen will. Der gefallene Engel, der mit seiner nihilistische Ablehnung alles Positiven, aller Werte, ein Sinnbild der Sinnlosigkeit darstellt. Die Schwere dieser Inspirationsquelle konnte Mephistosystem nie abgesprochen werden. Aber ihre stilisierte Düsterheit machte die Schweizer Band zu einer Ausnahmeerscheinung, über die international gesprochen wurde. Vergleiche mit den Nine Inch Nails waren nicht von der Hand zu weisen – auch wenn die Band um Gründer und Mastermind Abele Franzé ihre eigene Handschrift entwickelte.

Damals (erste Formation, Abele Franzé in der Mitte, Foto: laut.de)

Vor einigen Tagen besuchte ich die zweite Formation der Band in ihrem Tübacher Proberaum. Es begrüssten mich zwei Musiker, von denen sich insbesondere einer komplett von seinem alten Leben und damit von Mephistosystem getrennt hat.

„Mephistosystem, das war ich. Das war meine persönliche Geschichte. 2014 musste ich einen neuen persönlichen Weg finden, Musik war kein Thema für mich in dieser Zeit. Als ich langsam wieder Licht sah, wusste ich, dass ich einen Strich ziehen musste. Mephistosystem war wie ein altes Leben, mit dem ich abschliessen wollte. Mit meinem jetzigen Leben hätte das nicht mehr funktioniert“, so Abele Franzé. Wer die Industrial-Rocker früher kannte, wusste, dass Mephistosystem vom kreativen, teilweise obsessiven Genie Abele Franzé lebte. Als Multiinstrumentalist nahm er vieles selbst auf, feilte bis zur Perfektion an Konzept, Sound, Melodien.

So viel Zeit, wie damals, möchte er heute, der Balance im Leben zuliebe, nicht mehr in die Musik investieren. „Aber ich brauche die Musik.“

„Wir sind alle aus Sternenstaub“

Der früheren Schwermut wich die Vision tanzbarer, rockigerer Musik. Diese Vision teilte der ehemalige Drummer von Mephistosystem, Chris Schiavone. Noch ohne Namen, aber mit neuer Energie und Lust auf Musik, machten sich er und Abele (der sich mittlerweile Billy nennt) plan- und konzeptlos an Neues. „Ein Jahr lang machten wir einfach Musik, ohne Ziel. Dann nahmen wir die EP mit zwei weitern Musikern auf, die uns aber wieder verliessen. Irgendwann fragten wir uns: Gut, warum also nicht zu zweit? Es ist doch modern, mit einem guten Backtrack als Duo Musik zu machen.“ Mit einer eigenen musikalischen Handschrift, die nicht vergleichbar mit Duos wie den White Stripes oder Royal Blood sein sollte, realisierten Abele und Chris ihr Debut-Album „Mojave“, das heute digital erscheint.

Der Schwermut entwachsen, zelebriert Abele Franzé nun die pure Freiheit, geniess beim Proben die neue Leichtigkeit seiner Musik – und überlässt vieles, etwa das Schreiben der Lyrics, seinem musikalischen Partner. Reisen in die USA, insbesondere eine Fahrt durch die Wüste Mojave, haben ihn beflügelt und zum neuen Bandnamen WeRDust inspiriert. „Diese Umgebung ist so faszinierend, so grossartig – aber auch so bedrohlich. Ein cooler Kontrast. Und dieser Gedanke – wir sind schliesslich auch alle irgendwie aus Sternenstaub – das passte einfach.“

Ihre neue Musik – neun Songs sind es für das Debüt „Mojave“ geworden – wirkt geradezu befreiend. Die treibenden, verspielten Synthies, die perfekt pointierten Drums, die oft auch die Hauptrolle in dem Soundgerüst von WeRDust spielen – schon nach dem ersten Song kann ich mich kaum auf meinem Zuhörer-Thron mit rotem Samtbezug halten. Ich will tanzen, leben, geniessen, feiern, stampfen, springen. Besonders „There is more“ mit seinem krachenden Gitarren-Einstieg hat es mir eingetan. Die spielt Abele Franzé selbst, bevor er mühelos zu Gesang und Synthie wechselt. Immer angetrieben von Chris‘ hypnotisierenden Drums.

Das Universalgenie hat seinen idealen „Gegenspieler“ gefunden, um die neue Lebensfreude zu zelebrieren.

WERDUST: „Mojave“, out now (Vertrieb via Bandcamp).

(Bilder: Album-Cover und Titelbild, zVg)

 

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