Der Skandal wird 30!

Trudi Gersters „Geischtergschichte“ waren grauslig, da war ich 4. Für Hühnerhaut vor dem Einschlafen sorgte auch die „Gänsemagd“ der Gebrüder Grimm – da kann doch der abgehackte Kopf von Pferd Falada tatsächlich sprechen! Da war ich 5. Und „Jeanny“ von Falco ging rein wie der erste Tequila. Da war ich 15. Und der Song bereits 10 Jahre alt. Vor 30 Jahren, am 18. Februar 1986, stand die dunkle Hymne des hedonistischen Ausnahmekünstlers aus Österreich auf Platz 1 der deutschen Singlecharts, wochenlang.

 

Jeanny, quit livin‘ on dreams

Jeanny, life is not what it seems

Such a lonely little girl in a cold, cold world

There’s someone who needs you

 

Der Song ist düster wie Februartage ab 17 Uhr. Und löste einen der grössten Skandale der deutschen Popgeschichte aus. „Jeanny“ von 1985 (ab 1986 „Jeanny Part 1“ genannt, das Stück war erstes eines Mehrteilers) handelt von … ja wovon denn?! Von einem psychopathischen Stalker und Mädchenmörder? Von einer tragischen Liebe? Einer jungen Frau, die einen alten Herrn zum Opfer macht, in den Wahnsinn und die Gummizelle treibt? Von einer Vergewaltigung! War sich die empörte Masse in den 80ern einig.

 

Jeanny, komm, come on

Steh auf – bitte, du wirst ganz naß

Schon spät, komm – wir müssen weg hier,

Raus aus dem Wald, verstehst du nicht?

Wo ist dein Schuh, du hast ihn verloren,

Als ich dir den Weg zeigen mußte

Wer hat verloren? Du dich?

Ich mich? Oder, oder wir uns?

 

Falco wurde vorgeworfen, Vergewaltigung zu verherrlichen. Frauenorganisationen riefen zum Boykott auf, unzählige Radiosender spielten den Song aus ethischen Gründen nicht mehr, die Welle der Empörung schwappte aufs Fernsehen über, Thomas Gottschalk verkündete: „Falco ist ein Wiener Würstchen, das Schwachsinn produziert.“ Und, und, und. Der Skandal war perfekt.

 

Es ist kalt, wir müssen weg hier, komm

Dein Lippenstift ist verwischt

Du hast ihn gekauft und ich habe es gesehen

Zuviel rot auf deinen Lippen und du hast gesagt:

„Mach mich nicht an“

Aber du warst durchschaut, Augen sagen mehr als Worte

Du brauchst mich doch, hmh?

 

Doch Falco hatte die Antwort längst parat. „Jeanny ist ein Liebeslied. So ist es konzipiert und durchgeführt“, sagte er. Und: „Jeanny lebt, das geht aus dem Text und dem Video eindeutig hervor. Teil II wird beweisen, dass der Mann das eigentliche Opfer ist. Nicht umsonst landet er zum Schluss, von Jeanny völlig fertig gemacht, in der Klapsmühle, aber mehr wird nicht verraten.“ Der auf der Platte Falco 3 befindliche Teil ende bewusst an einem Punkt, der beim Zuhörer Spekulationen auslöse und eine Fortsetzung offen lässt.

 

Alle wissen, daß wir zusammen sind ab heute

Jetzt hör ich sie! Sie kommen

Sie kommen, dich zu holen

Sie werden dich nicht finden

Niemand wird dich finden, du bist bei mir!

 

Tatsächlich versuchte Falco danach einen Gang zurück zu schalten und in Teil 2 seine polemische Geschichte zu relativieren. „Coming home“ (Jeanny Part 2) erzählt von Liebe auf den ersten Blick – „doch niemand wollte uns verstehen. Du und ich gegen die Welt. Sie haben uns verurteilt.“

Tja. Provokant. Polarisierend. Geschmacklos. Verstörend. Man kann Falcos Skandal-Song betiteln wie man will. Die verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten aber zeugen von der Genialität dieser schillernden und narzisstischen Kunstfigur. Nicht ohne Grund haben zig Bands versucht, den Jeanny-Erfolg und Falcos Aufmüpfigkeit zu kopieren (Triggerfinger, Stahlhammer, Reamonn, um nur 3 zu nennen).

Und übrigens, um das Gemüt nach dieser Reise durch die februardüstere Nacht etwas aufzuhellen: Zeitgleich mit Falco tanzte 1986 an der obersten Spitze der US-Charts Whitney Houston mit How will I know (if he really loves me)? Kenner wissen: Der Text dreht sich um die drängende und universell gültige Frage, ob ES denn nun wirklich Liebe sei oder nicht. Wie bei Falco also.

(Bild: Falco Privatstiftung / Twitter)

 

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