Der süsse Schmerz von Stacheldraht auf nackter Haut

Nachdem er, offensichtlich mit sich und seinem eigenen Erwartungsdruck hadernd, die Veröffentlichung auf unbestimmte Zeit verschoben hatte, präsentiert Casper nun ein Album, das ebenso süss wie schmerzhaft ist.

Mit „Lang lebe der Tod“ hat Casper seine inneren Kämpfe vertont, seine Existenzfragen für die Ewigkeit festgehalten und der Gesellschaft seine Meinung zu ihrem Verhalten entgegen geklatscht.

Bisweilen gibt es Momente im Leben, zum Beispiel Geburtstage, an denen man inne hält, zurückblickt und sich fragt, ob der aktuelle Status, in dem sich das Leben befindet, die Eckpunkte, um die man seine Existenz gesteckt hat, dem entsprechen, was man erreichen wollte. Erfolg, Ruhm, Liebe – selbst, wenn man scheinbar alles hat, wonach der Mensch sich in seinen ureigensten Instinkten so sehnt, kann man mit sich hadern und lautstark um sich schlagen, um darauf aufmerksam zu machen, dass längst nicht alles so schön und leicht ist, wie es scheinen mag.

Der Mensch Benjamin Griffey hadert trotz seines übermächtigen Erfolgs der letzten Jahre sehr öffentlich und sehr ehrlich damit, Casper zu sein.

Mein Erfolg verfolgt mich, merk es häufig deutlich,
wenn ich denn mal unter Leute geh

Bitte keine Fotos, heute nicht!
Die schreien mich an, wenn ich draußen bin
Fühl mich gejagt wie von Tausenden
Klingeln nachts wenn ich zuhause bin
Werde verdammt nochmal wahnsinnig!

Der sensible Künstler hinter dem Hitgaranten, der mit „Der Druck steigt“ die Hymne einer Generation, quasi das „The Wall“ der Millenials geschaffen hat, zeigt sich auf seinem neuen Album erneut von seiner sozialkritischen, und noch stärker als in der Vergangenheit, von seiner verletzlichen Seite. Obwohl auch er von einer hit- und erfolgsabhängigen Industrie im Rücken angetrieben wird, hat der Rapper mit der rauen Stimme im letzten Jahr deutlich gemacht, wie schwer er sich mit der neuen Platte tat. Die erste Single war bereits veröffentlicht, die Club-Tour stand kurz bevor, da riss er von einem Tag auf den anderen die Reissleine und kündigte an, sein Album noch zurückhalten zu wollen.

Auch in dem fröhlichen Deutsch-Rapper, der mühelos stundenland über die Bühne hüpft und, scheinbar immer gut gelaunt, ein Spässchen über die Lippen bringt, scheint eine manische Künstlerseele zu stecken, die während der Albumproduktion zur Hochform aufläuft und ihren Eigner dazu bringt, sich Tag für Tag zu hinterfragen, Release-Dates zu kippen und fertige Songs vom Album zum droppen.

Mit der düsteren Anklage „Lang lebe der Tod“ legte Casper die Messlatte bereits hoch. Zu neu, anders, 80er-Jahre-Wave-nach-kalter-Krieg-Stimmungs-geschwängert präsentierte sich dieser Song, den man zwar suchtartig immer wieder hören muss, der aber eigentlich jedes Mal dieses unangenehme Gefühl im Magen auslöst, dass man sich am liebsten übergeben würde, aber nicht kann, weil es einem dann doch noch nicht genug übel ist.

Auch das dazugehörige Video war hart an der Grenze. Gewalt, Blut, Stacheldraht – der Vorbote des Albums, das am 1. September gut ein Jahr nach der ersten Single-Auskopplung erschienen ist, liess erahnen, dass dies keine Wohlfühl-CD werden würde.

Der Stacheldraht findet sich auch auf dem Cover der neuen Platte. Eine überaus passende Symbolik – grundsätzlich durchlebt man beim Durchhören eine Art Selbstgeisselung, während derer man sich für seine Sünden bestrafen möchte, obwohl man den Schmerz zuweilen aber als süsse, lustvolle Reinigung empfindet.

Mittlerweile ist Casper Mitte 30, hat klammheimlich geheiratet und war in den USA mit Portugal. The Man auf Tour, was er im grossen Interview mit Diffus als „erdende Erfahrung beschreibt“.

Mehr als eine Stunde lang beantwortete der Künstler darin Fragen – dies auch, weil er ankündigt, ein wenig schüchtern geworden zu sein und nicht allzu viele Interviews zur neuen Platte geben zu wollen.

Seine Texte zwischen Hip-Hop-Fun und Depression haben den Musiker dorthin katapuliert, wo er heute ist. Und dennoch – dass er zuweilen so stark mit sich, mit psychischen Problemen, Ruhelosigkeit und Ängsten kämpft, war bisher eher eine Vermutung aufmerksamer Beobachter, als ausgesprochene Wahrheit. Mit der kann und will Casper aber nicht mehr hinter dem Berg halten:

„Ich geh‘ nicht raus, ich geh‘ nicht raus
Ich bleib‘ zuhaus‘, allein zuhaus‘
Stell dich tot, wenn alles andere versagt
Hier werden Stunden zu Sekunden und ’n Jahr zu ’nem Tag“

Und so zeigt sich Casper auf seinem perfekt vermarkteten, mit einem Knall, diversen Cover-Stories und Tour releasten neuen Platte schon fast aufdringlich von dem Dasein belastet, dessen nächstes Kapitel mit dem neuen Album geschrieben wird.

Der Erfolg scheint Benjamin Casper manchmal über den Kopf zu wachsen.

„Bin langsam schon müde von Hasen in Hüten
Ballons halten üben und dem
Ewigen doppelten Boden, Lockern der Knoten
Dem Hokuspokus unterwegs“

„Bin und war kein Held den ihr braucht“ – in „Meine Kündigung“ singt der Künstler dann sogar, er wolle endlich hier raus. Und trotzdem gewinnt man nicht den Eindruck, dass Benjamin Casper in nächster Zeit beerdigen möchte.

Hin und wieder macht „Lang lebe der Tod“ auch Spass 

Der Rapper mit den Pophits und der Hardcore-Metal-Stimme liess sich noch nie richtig in Genre-Schubladen stecken. Auf der neuen Platte wirft er aber mit einer noch variableren musikalischen Diversität um sich: In der Verschwörungstheorie-Hymne „Morgellon“ wird stretchy geflowt, während der Closer „Flackern.Flimmern“ mit einem prasselden Gitarren-Regen auffährt, der vielen Stadion-Rock-Bands Konkurrenz machen könnte.

Insgesamt versteht man vielleicht erst mit dem zweiten, dritten, vierten Hören, warum sich Casper bei der Entstehung der elf Songs des Albums derart schwer getan hat – der zähe Prozess hat sich aber in den persönlichen, ehrlichen Momenten, die das Album zum Meilenstein in Caspers Karriere machen, manifestiert. Und selbst hinter leichteren Konzert-Krachern wie „Sirenen“ und „Lang lebe der Tod“ verstecken sich deepe Gedanken eines zerbrechlichen Künstlers, der alles hat, aber nicht mehr alles mit der jugendlichen Leichtigkeit von einst zu tragen vermag.

CASPER: „LANG LEBE DER TOD“, out (Sony Music)

KONZERT: 03.11., Samsung Hall, Dübendorf

(Bilder: Facebook)

 

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