Der unsichtbare Mark Lanegan

Mark Lanegan ist in der Schweiz! Zweimal hat ihn Gastautor Marcel dieses Jahr schon live gesehen. Einmal als Vorgruppe von Guns N’Roses in Irland und letzte Woche im Mascotte Zürich. Fazit: Mark Lanegan ist immer super. Das irische Publikum hat aber nicht nur ihn irritiert. Das Zürcher Publikum jedoch war erstaunlich euphorisch.

Das Mark-Lanegan-Drama (27. Mai 2017, Slane Castle, Irland)

Slane Castle
84’999 und Marcel.

Zum Auftakt der Guns N’Roses Tour „Not in this Lifetime“ reisten wir nach Irland, Slane Castle. Slane liegt etwa eine Stunde ausserhalb von Dublin und ist ein grossartiges Festivalgelände, sofern es nicht regnet. Klar, Guns N’Roses waren auch für die Schweiz geplant, aber einerseits ist das Slane etwas Spezielles, andererseits reizten uns im Gegensatz zum Letzigrund auch die Vorgruppen: Mark Lanegan Band und Royal Blood.

Wir waren an diesem Tag frühzeitig unterwegs, so dass wir auch noch die dritte Vorgruppe, die lokale Band Oathbreaker, von Anfang an mitbekommen haben. Diese No Names im Line Up freuten sich überschwänglich, dass sie am Slane Castle auftreten durften, schliesslich standen hier schon die ganz Grossen auf der Bühne, U2, Thin Lizzy, Bruce Springsteen, David Bowie u.v.m … Zwischen den Konzerten lief Thin Lizzy in Dauerrotation.

Langsam füllte sich das Gelände rund um das Castle. Mit 85’000 Personen war es komplett ausverkauft.

Irgendwann war es dann Zeit für Mark Lanegan und seine Band. Und damit nahm das Drama seinen Lauf. Mark kam auf die Bühne und stieg sofort in sein Set ein. Kein Hallo, kein Nichts. Kann man machen. Es kann dann halt aber sein, dass sich das Publikum eher darum kümmert, Hamburger zu bestellen oder die Pellerine an- oder auszuziehen. Strafverschärfend trug Lanegan schwarze Kleidung und eine schwarze Sonnenbrille. So habe ich ihn schon oft auf der Bühne gesehen. Aber auf einer Riesenbühne, wo alles andere mit grossen schwarzen Tüchern abgedeckt ist, machte ihn seine Kleidung praktisch unsichtbar. Keine Chance, Mark irgendwo auszumachen.

Mark Lanegan Slane Castle
Wo ist Mark Lanegan?

Ich bekam Mitleid und schämte mich etwas fremd. Ich meine, er ist einer meiner grössten Grunge-Helden, ich hab ihn x-Mal live gesehen, und jedes Mal wirkte er mit seiner stoischen Art und seiner Coolness, als würde er weit über den Dingen stehen. Doch nun wollte ich am liebsten auf die Bühne gehen, um ihm ein Publikum zu zeigen, dass er doch nur abzuholen brauchte. Selten habe ich einen meinen Helden vor meinen Augen so auf Normalgrösse schrumpfen sehen wie ihn diesem Moment.

Nein, ich bin nicht der Meinung, dass man als Musiker den Kasper geben muss, aber beim eigenen Konzert unsichtbar zu sein, das kann es ja auch nicht sein. Irgendwann merkte wohl auch Mark, dass vor den Essständen mehr los war als bei ihm, und verliess mit hängendem (!!!) Kopf die Bühne.

Wir, und wohl auch Mark, waren froh, dass es vorbei war. Beim Rest des Publikums waren wir nicht sicher, ob sie überhaupt bemerkt hatten, dass da während 45 Minuten nicht Thin Lizzy lief (dass das Publikum nicht kaputt war, zeigte sich bei den nachfolgenden Konzerten von Royal Blood und Guns N’Roses. Es konnte klatschen, singen und sogar ausgelassen feiern).

Black is my Name (Mascotte, 28. Oktober 2017)

Es hatte mich wirklich hart, Mark Lanegan in Irland zu erleben, wo er quasi von 85’000 Leuten ignoriert worden war.

Darum war ich froh, als ich sah, dass er mehrere Konzerte in der Schweiz geben würde, darunter eines im Mascotte Zürich. Ich freute mich darauf, denn ein Club, das war der Ort, wo er funktionieren würde. Und als Headliner kamen sicher nur Leute, die seine Musik ebenfalls zu schätzen wissen. Taten sie auch. Und wie. Der Club war fast ausverkauft. Einerseits finde ich beeindruckend, wie Lanegan seinen Sound über die Jahre immer wieder sanft abgeändert hat, aktuell hat es einige elektronische Einsprengsel, anderseits seine Konzerte ein gewisses Niveau nie unterschreiten. Ich hätte zwar wirklich gerne den einen oder anderen „Sweet Oblivion“-Knaller seiner früheren Band Screaming Trees gehört. Aber Nein, „Hit the City“, den er auf dem Album „Bubbelgum“ mit PJ Harvey singt, ist der einzige bekanntere Song, den er an diesem Abend spielt. Aber irgendwie finde ich das auch cool, dass er seine Setlist nicht nach Hits ausrichtet.

Und wenn man gezielte Dunkelheit als Effekt begreift, dann war sogar eine Lichtshow vorhanden.

Die Band spielte satt und gab den dunklen Lanegan Songs eine Power, die einen mitwippen liess.

Ansagen gab es nicht, warum auch. Trotzdem dünkte mich das sonst eher dezente Schweizer Publikum bisweilen richtig euphorisch. Mir gefielen vor allem die Songs des vorletzten Albums „Phantom Radio“.

Am Schluss ergatterte ich sogar noch eine Setlist, welche ich von Mark himself noch unterschreiben lassen konnte. Denn wie verkauft man als mittelkleine Band heutzutage Merchandise? Indem man nach dem Konzert an den Stand geht und Autogramme gibt. Auch wenn es dem Künstler im grellen Licht sichtlich unwohl ist.

Mark Lanegan

Eigentlich wollten wir nach dem Konzert früh nach Hause, aber uns wurde von unserem Zürcher Sozialleben spontan ein Zimmer aufgeschwatzt, weil „es isch Samschti!“, da geht man nicht auf den letzten Zug Richtung Heimat. So durften wir dann passend zum Abend eine einschlägige Rocktour durch Züri machen. Hafenkneipe und Le Cactus, wo DJ Beck in Black und DJ Wildchild so richtigen R.O.C.K. auflegten. Auf Danzigs „Mother“ Skid Row’s „Monkey Business“  folgen zu lassen, ist doch schon ein sehr smarter Move. Den Absacker gab es zur fortgeschrittenen Stunde in der neuen Bar Minirock. Nachdem wir alle zu „Alive““ von Pearl Jam mitgegröhlt haben, war es dann auch Zeit, in fremden Federn zu nächtigen.

Mark Langegan Band: 3.11.2017, Kaserne Basel; 4.11.2017, Les Docks, Lausanne.

PS: Mark Lanegans neue Platte „Gargoyle“ kam im April raus und ist wirklich gut.

 

Slane Castle
Marcel und die 84’999.

Gut, es stecken immer noch viele Texte von Rockette-Man Marcel (ihr erinnert euch: Er leidet, weil seine Rockette-Lady so viel arbeiten muss und weniger rocketten kann, gerne aber mehr rocketten möchte, aber nicht kann, usw.usf.), aber immerhin: Mark Lanegan hat er sich jetzt endlich von der Seele schreiben können. Die Iren würden dazu sagen: THANKS A MILLION, MARCEL.  

Tags:

Schreibe einen Kommentar

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.