Uns versagt die Stimme

Yeeeeeeeeeeahhhhhh, eine Liste, die alles bringt: Nie Gehörtes, Mitreissendes, Psychedelisches, Grossspuriges, Wundergeiles – und das ohne, dass in den zehn Songs jemals gesungen wird. Danke, oh ihr grossartigen Mitglieder von Dick Laurent, für diese berauschende Zusammenstellung von Instrumentalmusik.
  • NINE INCH NAILS – „Just Like You Imagined„: Was haben wir das Album „The Fragile“ anno 1999 abgefeiert (und tun das immer noch). Wobei uns zu Beginn vor allem die instrumentalen Songs zusagten („The Mark Has Been Made“ ist ein weiterer grossartiger Song auf diesem Album). Den Beat der Drums und das Klaviersolo in „Just Like You Imagined“ darf man sich gerne antun.
  • PAUL GILBERT – „Propeller„: Paul Gilbert gehört zu den technisch versierten Gitarrenhelden. Das oftmals als selbstbefriedigende Tätigkeit abgetane schnelle Spiel findet sich bei ihm in bedächtigt dosierten Happen. Darauf kann man sich freuen. Der Song ist modern, frisch, melodiös und sehr groovy. Was will man mehr?
  • AND SO I WATCH YOU FROM AFAR – „Set Guitars to Kill„: Aufgrund des Namens (uuuh, der Name ist ja super, die MÜSSEN gut sein) war ich (Harry) tatsächlich unter jenen 200 Personen (ok, zugegeben, dass ist untertrieben), die es beim Nova Rock Festival 2009 in Österreich geschafft hatten, um 12 Uhr (ja, Mittags!) die Band zu sehen. Und schon da, beim ersten Auftritt der Iren ausserhalb Grossbritanniens überhaupt, konnte man erahnen, was noch alles kommen würde. Für Liebhaber instrumentaler Musik, die auch ruhig mal ein bisschen heftig und verspielt sein darf, unbedingt ein Anspieltipp.
  • GODSPEED YOU! BLACK EMPEROR – „Piss Crowns Are Trebled„: Das erste Mal so richtig auf diese Band aufmerksam, wurde ich 2011 in London. Sie eröffnete um 12.30 Uhr (ja, wieder mittags!!) den zweiten Tag eines Festivals – das Lineup mit Konzerten von Grinderman, PJ Harvey und Portishead ist von Portishead zusammengestellt worden – mit einem Set von über zwei Stunden. Und mit dem 2015 erschienen „Asunder, Sweet and other Distress“ haben Godspeed You! Black Emperor ein wunderschönes Album abgeliefert, das in diesen epischen Track mündet und damit ausklingt.
  • MICHEL CAMILO – „Caribe„: Latin und Jazz, zwei anspruchsvolle Musikrichtungen, vereint in einem unglaublich spannenden Mix von komplexen Rhythmen. Faszinierend, wie Perkussion und Melodie ineinander verschmelzen, ohne dabei Lücken entstehen zu lassen. Michel Camilo ist einer der besten zeitgenössischen Pianisten und besticht mit seinen Kompositionen voller Farbenvielfalt. In seiner Karriere hat er mit Grössen wie Dizzy Gillespie sowie versierten Drummern wie Dave Weckl und Horacio Hernandez gespielt. Seine Musik erfordert unglaublich viel Kommunikation zwischen allen Musikern, was man deutlich zu spüren bekommt.
  • CRIMSON JAZZ TRIO – „In the Court of the Crimson King (by King Crimson)„: Das Crimson Jazz Trio wurde 2004 vom ehemaligen Schlagzeuger der Band King Crimson, Ian Wallace, gegründet. Das Ziel war die jazzige Neuinterpretation von King-Crimson-Songs – und es wurde auf jeden Fall erreicht. Wenn man die alten Songs direkt mit der Jazzvariante vergleicht, ist es extrem spannend, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu entdecken. Beispielsweise übernimmt der Bass gewisse Parts, die im Original gesungen werden. Andere Parts hören sich dann wiederum komplett neu und erfinderisch an. Diese Freiheit in der instrumentalen Musik ist genau das, was für mich als Schlagzeuger einen sehr hohen Stellenwert hat.
  • O (CIRCLE) – „Laura Palmer Theme„: Angelo Badalamenti sollte jedem, der bereits einen Film von David Lynch gesehen hat, zumindest ein Begriff sein. Er verstand es immer, die düstere Atmosphäre, welche von Lynch erschaffen wurde (z.B. in Filmen wie „Blue Velvet“ oder „Lost Highway“), musikalisch zu untermalen. Bei der Serie „Twin Peaks“ schaffte er gekonnt den Spagat zwischen herausragenden Melodien und ambient-artigen Soundlandschaften. Die Band O wagte sich an die Umsetzung des Songs „Laura Palma Theme“ von Twin Peaks, der auch im Bandkontext hervorragend funktioniert.
  • LIQUID TENSION EXPERIMENT – „Acid Rain„: Experimentell, rhythmisch und extrem tight, melodiöse Parts, abwechselnd mit groovigen Cooldowns. Der Bandname ist Programm! 1997 rief der damalige Schlagzeuger von Dream Theater, Mike Portnoy, das Projekt Liquid Tension Experiment ins Leben. Dazu holte er weitere Musiker derselben Band sowie von King Crimson ins Boot. Die Musik ist geprägt von komponierten Parts sowie längeren Jamsessions innerhalb der Songs.
  • JIMI HENDRIX – „Jelly 292„: Er wird immer wieder als bester Gitarrist aller Zeiten gefeiert, obwohl er live mehr musikalische „Fehler“ gespielt hat als so manche Schulband. Wieso verzeiht man ihm das? Sein Gitarrenspiel strotzte nur so vor Kreativität und auch er neigte dazu, seine Songs live immer wieder neu zu interpretieren und mit dem Publikum unbekannte Universen zu betreten. Dies führte zwar teilweise zu Fremdschäm-Situationen, anderseits entstanden so Gänsehautmomente, die den Hörer bis heute berühren und faszinieren. Seine Gitarre nutzte Hendrix wie eine zweite Stimme, und er liess das Gespielte sehr organisch und lebendig klingen. Wenn er mit ihr im Dialog stand, erkannte man seinen Dialekt, bemerkte die Momente, in denen er kurz Luft holen musste oder einfach nur herzzerreissend schrie. Die Art, wie Jimi Hendrix sein Instrument sprechen liess, hat Dick Laurent geprägt wie eine Münzpresse einen Taler.
  • DEEP PURPLE – „Wring That Neck„: Eine genüssliche Mischung aus Rock, Klassik und Blues, gepaart mit viel Freiraum bei Solis und der Interpretation der eigenen Songs ist es, was mich bei Deep Purple stets erfreut. „Wring That Neck“ wurde von Ritchie Blackmore, Jon Lord, Ian Paice und Nick Simper geschrieben und besteht im Grunde nur aus dem Thema und den individuellen Soli der Musiker. Live wurde diese Tatsache oft auf die Spitze getrieben. In Stockholm (1970) schlug „Wring That Neck“ mit über 30 Minuten Spielzeit zu Buche. Die Freude am Improvisieren und am spontanen Kreieren von Neuem wird heute kaum mehr von Rockbands zelebriert. Schade.

 

Und jetzt haben wir noch immer nicht von Dick Laurent gesprochen, der Basler Psychedelic Bluesrock-Band, die diese Liste geschrieben und sich ebenfalls auf das gesangslose Musikmachen spezialisiert hat, mit ihrem Sound durch Deutschland, Belgien, Österreich und die Schweiz getourt ist und kürzlich eine EP veröffentlichte. Macht nichts. Verbales ist in diesem Post, und auch in ihrer Single „Hello“, eh verboten:

DICK LAURENT: „HELLO“ EP, out

(Bild: Dick Laurent)

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