Die beste Band der Welt

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Wir* waren 15 Jahre alt und dilletierten in unserem Vorort als Punkband, als unser Gitarrist eines Tages im Bandraum das neue Bad-Religion-Album „Stranger than Fiction“ abspielte. Seither bin ich der Band treu geblieben. Und wenn mich heute jemand fragen würde, welches die beste Band der Welt sei, würde ich immer noch sagen: Bad Religion. Ich habe meine Gründe.

  1. Mehr als Musik. Die Melodien, die Harmonien, der Chorgesang (die Oozin‘-Aahs) machen Bad Religion aus. Doch das ist nicht alles. Gegründet aus Protest gegen Ronald Reagan, haben sich Bad Religion seither an fünf US-Präsidenten abgearbeitet und stets auch an den Vereinigten Staaten, dieser Nation an der Grenze zum Wahnsinn, zwischen Weltmacht und Schwellenland. Klug und manchmal auch zynisch ist die Kritik.
  2. Englisch lernen. Dank Bad Religion habe ich Wörter wie Anthropocentric, Anxiety und Endogenous gelernt.
  3. Vermächtnis. 15 Jahre alt waren Greg Graffin, Jay Bentley und Brett Gurewitz, als sie im San Fernando Valley, nahe Los Angeles, Bad Religion gründeten. Das Album „Suffer“ war 1988 bahnbrechend. Aus dem Melodic Punk entstand der Skatepunk. Ohne Bad Religion wären The Offspring und Green Day nicht zu Musik-Millionären geworden. Bad Religion selber blieben immer aussen vor und gehörten nie einer bestimmten Szene an. Zum Glück.
  4. Erinnerungen. Heute Abend spielen Bad Religion im Z7 in Pratteln. Es ist mein ungefähr 15. Konzert, so genau weiss ich es nicht mehr. Die Erinnerungen haben sich inzwischen vermischt. Geblieben ist das erste Mal, als die Rote Fabrik längst ausverkauft war und ich und mein Freund Stefan nur dabei waren, weil uns der Schlagzeuger auf die Gästeliste setzte. Und auch für den Auftritt im House of Blues in Los Angeles gab es im Juni 2005 keine Tickets mehr. Bad Religion feierten damals eine Art Homecoming, nachdem sie lange nicht mehr in ihrer Heimatstadt aufgetreten waren. Patrick – ein Schauspieler aus Colorado, der in LA als Kellner arbeitete – gab mir dann aber das Ticket seines Kollegen, der nicht kommen konnte. Letztes Jahr spielten Bad Religion in der Schweiz. Brütend heiss war es in der Genfer Usine an diesem Augustabend, und Sänger Graffin sagte nach zwei Liedern: „Open the doors. I’m sweating like a whore in church.“ ticket
  5. Bataclan. Ein Jahr vor dem Anschlag auf das Konzert der Eagles of Death Metal spielten Bad Religion in Paris im Bataclan. Beim Eingang wunderte ich mich über den Grundriss des Lokals: Man öffnete die Tür und stand gleich im Konzertsaal, inmitten des Publikums.
  6. Alter. Über 50 Jahre alt sind die Bandmitglieder mittlerweile. Bassist Jay Bentley hindert das nicht daran, Konzert für Konzert die Rampensau zu geben, stündlich seine Ansichten zu allem zwischen Politik und Eishockey zu twittern und auf Instagram sein (zweites) Familienglück mit einer jungen Künstlerin, die vor allem nackte Frauen malt, zu dokumentieren. Sänger Greg Graffin kommt mit Bauchansatz und fortschreitender Glatze gemütlicher daher. Auch er ist zum zweiten Mal verheiratet, seine Frau arbeitet als Marketingbeauftragte der Stadt Ithaca in Upstate New York. Auf der Bühne trägt Graffin mittlerweile ein Brillenband und gut gefederte Turnschuhe. Und nach den Konzerten greift er unterdessen nach einer Flasche Gatorade, um den Elektrolythaushalt auszugleichen.

  7. Doktor Graffin. Neben den Aufnahmen und Touren mit Bad Religion studierte Greg Graffin Biologie und schmückt sich seit einigen Jahren mit einem Doktortitel. Unterdessen hat er sich auf Evolutionsbiologie spezialisiert und versucht mit seinen Studien und Büchern aufzuzeigen, dass es keinen Gott brauchte, um Menschen, Tiere und Pflanzen zu erschaffen, sondern dass sich alles mit der Evolution erklären lässt. Graffin gehört mittlerweile zu den Leitfiguren des Atheismus in den USA und lehrt ab und zu an der Universität von Los Angeles.
  8. Soloalben. Aktuell arbeitet Greg Graffin an seinem dritten Soloalbum.Während er für Bad Religion seit 35 Jahren treibende, kompromisslose Punksongs schreibt, liess er es auf seinen beiden bisherigen Soloalben ruhig angehen. Auf „American Lesion“ und „Cold as the Clay“ singt Graffin Folksongs und greift in seinen Texten etwa die Great Depression der 30er-Jahre und die damit verbundene Landflucht auf.
  9. Wette verloren. Greg Hetson ist vor zwei Jahren aus der Band ausgestiegen. Grund war ein hässlicher Scheidungskrieg, der dem Gitarristen offenbar den letzten Nerv und sämtliche Inspiration geraubt hatte. Auf Touren mit Bad Religion wettete Hetson jeweils mit einem Roadie, dass er sich nach dem Konzert an der Bar ein Bier kaufen könne, ohne dabei erkannt zu werden. Im Berner Bierhübeli hat er diese Wette verloren.
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  10. Epitaph. Keine Plattenfirma wollte Bad Religion unter Vertrag nehmen, da gründete die Band ihr eigenes Label. Epitaph Records ist heute eines der grössten unabhängigen Labels der (Rock-)Musikbranche und wird von Bad-Religion-Gitarrist Greg Gurewitz geführt. Er ist aus Zeitmangel nicht auf den Touren dabei und spielt nur auf jenen Bad-Religion-Konzerten, die in Los Angeles und Umgebung stattfinden, wo er lebt.
  11. Propheten. „The whole damn world is going insane“ singen Bad Religion im Song „Los Angeles is Burning“ aus dem Jahr 2004. Nie lagen sie damit richtiger als 2016.

BAD RELIGION live: Heute Montag, 11. Juli, Z7 Pratteln.

*GUESTLIST: Alexander Wäfler spielt inzwischen nur noch für seinen kleinen Sohn Gitarre. Er mag nebst Sport und Musik auch Los Angeles und Lesen und ist verheiratet mit einer der Rocketten.

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