Die Familienband (richtig) mit dem Scheidungsalbum (falsch)

Wer die Luzerner Band Silhouette Tales nicht live hört und erlebt, verpasst etwas. Nicht nur, weil ihre Konzerte eine Rarität sind. Ihr neues Video „Moonshots“ in einer Premiere…

Ich sitze an meinem Küchentisch und erkunde die Songs von „Moonshots“, dem neuen Album der Luzerner Band Silhouette Tales. „Kick You Out“: Ich habe eine Riesenwut auf dich. „Fly and Dive“: Du und ich, das passt überhaupt nicht, wir sind zu verschieden. „Moonshots“: Ich höre dir gar nicht mehr zu, meine Gedanken sind woanders. „Those Were the Days“: Früher, als wir noch glücklich zusammen waren.

Ist „Moonshots“ dein Scheidungsalbum, frage ich Irene Althaus, Sängerin, Kopf und Bauch der Band, als ich sie am nächsten Tag zum Interview treffe. „Nein, ganz und gar nicht“, sagt Irene, und lacht. „Ich habe einen Mann und zwei Kinder und alles läuft bestens. Das ist jetzt megainteressant, deine Interpretation, da kam ich selber noch nie drauf.“

Ihre Texte sind wie Bilder, erklärt mir Irene, und zu explizit ist sie auch nicht gerne. „Nimm ‚Fly and Dive‘ zum Beispiel, da geht es im Text zwar schon um Gegensätzlichkeiten. Aber es gibt auch eine versöhnliche Seite, die Passage, wo ich sage, ‚and we keep saying still‘. Trotz aller Gegensätze bleiben wir dran und versuchen, weiter zu gehen.“

Silhouette Tales sind eine Band, die Ohrwürmer schreiben kann, und „Fly and Dive“ ist so einer. Wieso werden diese Songs nicht öfters am Radio gespielt? Immerhin gewannen Silhouette Tales 2013 den Preis als SRF Best Talent für den Monat November und 2015 war ihr „Turning in Circles“ Titelsong der SRF-Serie Seitentriebe. Ein gewisser Bekanntheitsgrad ist also vorhanden, aber, sage ich zu Irene: “Für das, was ihr seid und könnt, sind Silhouette Tales viel zu wenig zu bekannt.”

“Das ist megaschön zu hören,” meint Irene Althaus. “Wir zweifeln manchmal an uns selber. Das Gefühl ‚hat es überhaupt einen Wert, was wir machen, es interessiert sich eh niemand dafür?‘, kennen wir sehr gut.”

Sie treten halt auch verflixt wenig auf, die Silhouette Tales. In den vergangenen fünf Jahren genau 18 Mal. Dabei stehen sie gerne auf der Bühne. Irene Althaus geniesst die Konzerte ganz besonders, sie ist voll dabei, voller Emotionen, und ihr Körper und ihre Stimme stehen unter Hochspannung. „Ich bin da eine andere Person als sonst“, sagt sie, „als würde ich eine Rolle übernehmen“.

Grundsätzlich würden Silhouette Tales ja gerne mehr live spielen, Das ist es, was sie alle sehr gerne machen. Dass sie es nicht machen, hängt mit zwei Sachen zusammen: Einerseits mit ihrer privaten Situation. Alle in der Band haben ihren Job und ihre Familien. Es wäre schwierig, das mit mehr Konzerten zu vereinbaren.

„Andererseits haben wir auch Mühe, überhaupt Möglichkeiten zu erhalten, um zu spielen“, erzählt mir Irene Althaus. Diese Aussage überrascht mich. „Wir machen Anfragen und bekommen entweder keine Antworten oder Absagen. Offenbar ist es schwierig, Silhouette Tales in eine Schublade zu platzieren. Wir sind keine typische Popband, aber auch keine richtige Indierockband. Für viele ist unser Stil nicht trendy genug.“

Silhouette Tales sind vielleicht nicht trendy, aber ganz bestimmt zeitlos. Ihre Musik passt eigentlich immer. Etwas das möglicherweise mehr kommerziellen Erfolg verspricht, könnte sie auch nicht schreiben, sagt Irene Althaus. „Grundsätzlich muss Musik von innen heraus kommen. Und meine Musik kommt mega von Herzen. Das tönt jetzt vielleicht kitschig, aber so ist es.“

Das neue Album Moonshots ist eine professionelle Produktion, ein Gemeinschaftswerk von Greg Obrist, der mit Gitarrenlinien startete, und Irene Althaus, die Melodien und Texte dazu entwickelte. Greg Obrist hat dann alles schön verpackt und die Band spielte im Studio, was Greg und Irene vorbereitet hatten. Gelitten hat dabei das Gemeinschaftsgefühl. Die Band ging nicht zusammen für eine Woche ins Studio, sondern spielte einen Grossteil der Musik einzeln ein.

Als Bonus haben Silhouette Tales etwas, was die wenigstens Bands haben: Eine verdammt gute Sängerin. Über die Stimme von Irene Althaus sind ja schon etliche Elogen geschrieben worden. Zu Recht. Ihre Stimme kratzt, wenn sie muss, und streichelt, wenn sie soll. Ihre Stimme ist wie eine Salbe, die beim Auftragen zuerst ein bisschen brennt auf der Haut, dann aber rasch einwirkt und die Wunden pflegt und gleichzeitig noch gut riecht.

Aber Irene Althaus ist eben auch stark, wenn sie nicht singt. Ihr Timing, ihr Rhythmus, ihre Pausen: Beim Konzert von Silhouette Tales in Luzern, das ich besuche, notiere ich mir – zugegebenermassen hochgegriffen – die Namen von Frank Sinatra und Miles Davis, meine beiden all time Favoriten. Hat sie schon einmal an eine Solokarriere gedacht? Auf der Webseite von Silhouette Tales findet man die offiziellen Fotos zum Release von „Moonshots“ und da ist Irene alleine im Bild, ohne den Rest der Band.

„Ich bin halt so etwas wie das Aushängeschild von Silhouette Tales“, sagte Irene Althaus dazu. „Wir hatten sehr viele Wechsel in der Band. Nur Timo Zemp, unser Bassist, ist ebenfalls seit Anfang dabei. Aber solo gehen? Silhouette Tales ist meine Identität als Künstlerin. Ganz alleine dastehen möchte ich nicht. Man versteckt sich auch ein bisschen hinter einem Bandnamen.“

Ganz auf die Karte Musik zu setzen, kam nie in Frage?

„Ja, nein, vielleicht, wenn das richtige Angebot gekommen wäre. Und wenn es gekommen wäre, hätte der Realitätscheck wohl gesagt, nein, das geht nicht. Es ist auch ein Vorteil, die Musik als Hobby zu haben.“

www.silhouettetales.ch

ALBUM: „Moonshots“, out (Little Jig Records)

LIVE: 18.01. La Capella, Bern (Support: Another Me); 16.02. Bar Berlin, Luzern**; 09.03. Schwarzer Engel, St. Gallen; 14.03. Kaffe Krà, Altdorf**; 29.03. Buffet Stans, Stans**, 15.05. Coq d’Or, Olten**, 25.05, Meyer Kulturbeiz, Luzern.

** als Duo

GUESTLIST: Kurt Werren lebt in Bern, der Libanon ist seine zweite Heimat. Er hat ein Flair für fruchtbare Begegnungen und ein Näschen für spannende Menschen und gute Musik. Und er ist der Rockette-Mann mit Tiefgang.

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