Die Haut ist rein

Am Samstagnachmittag, in der Lobby des Zürcher Park Hyatt Hotels, spekuliere ich mit einer Berufskollegin darüber, wie unrein Cros Haut wohl von den Wangen an aufwärts aussehen und wie schweissig und fast schon lebendig es unter seinem Pandadeckel sein müsse. Da sagt sie, wir hätten das mit den Pickeln nachprüfen können, Cro sei doch gerade an uns vorbei gegangen. Ich hab ihn natürlich nicht erkannt, ohne Maske. Dafür fange ich gerade an, das ganze Versteckspiel des deutschen Puls-der-Zeit-Rappers ziemlich easy zu finden.

Nicht zuletzt deshalb, weil ich „Unsere Zeit ist jetzt“ zu dem Zeitpunkt schon gesehen habe. Diesen neuen Film mit und über Cro (und seine Maskerade), der aber kein Biopic ist, weil der Rapper nur eine Nebenrolle spielt. Er ist grossartig, und total abgefahren, doch mehr dazu später …

… denn gerade hör ich das Aufbruchskommando. Ich bin ja in diesem schicken Haus, weil ich mich (inkl. schriftlicher Argumentation, warum ein Musikblog an der Sparte Film interessiert ist, Offenlegung unserer Klickzahlen und dem Versprechen, nur projektbezogene Fragen zu stellen) zum Round Table am Zurich Film Festival angemeldet habe. Zu einem säuberlich durchgetimten Gruppengespräch mit Cro, dem Regisseur und den Hauptdarstellern. Bahnbrechende Fragen unter strenger Überwachung, so hätten es die Filmbrängscheler am liebsten. Die „Talents“, die sie promöuten, sind glücklicherweise …

entspannt. Als ich Cro, der auch jetzt keine Maske trägt, in dem säuberlich vorbereiteten Sitzungszimmer gegenübersitze, schaue ich natürlich ganz genau hin. Sein junges Häutchen ist rein. Überhaupt ist er ein Zarter. Ein Mutterinstinkte weckendes, freundliches Sensibelchen mit Schalk, aber auch einer gewissen Traurigkeit in seinen braunen Augen. Bestimmt riecht sein überübergrosser Kapuzenpulli ganz fein nach Waschpulver, denk ich.

Als Regisseur Martin Schreier wenig später erzählt, „der Carlo“ habe es in der Hip-Hop-Szene halt manchmal schwer, weil er so feinfühlig sei und das da wiederum nicht so gefragt, wird es Cro dann aber mal zu „schwul“. Er sei knallhart, sagt er. Also: „An alle Jungs: Ich bin knallhart. Aber wenn Mädchen da sind, dann wer ich halt nett, charmant und bescheiden.“

Der Film schafft es denn auch, alle diese Eigenschaften zu zeigen. Allerdings nicht nur in der Person Cros, der sich für den Film nie in den Vordergrund stellen wollte (Cro: „Opa meinte: Mach dich rar, Junge“). Sie werden aufgeteilt auf die drei Hauptfiguren Vanessa (Peri Baumeister), Ludwig (Marc Benjamin) und Dawid (David Schütter), was den Film auch für Nicht-Cro-Fans interessant macht. Vanessa ist eine Filmstudentin mit Asperger-Syndrom (Cro: „Ich bin auch irgendwie Authist.“), Ludwig ein schüchterner Zeichner (Cro: „Ich hab in mir einen, der sich überhaupt nicht traut.“), Dawid ein drehbuchschreibender Frauenheld (Cro: „Ich bin ein animalischer Dude.“). Die drei Persönlichkeiten, die sich mit ihren Projekten zu einem von Cro lancierten Filmwettbewerb beworben haben (also im Film!), repräsentieren nicht nur Cros Charakter, sondern auch je ein Genre: Den Hollywood-Film der 30er Jahre, den Animations- und den Dokumentarfilm. Der Film ist also ein Mix aus all diesen Stilrichtungen und zu allem hin spielt die Story dann auch noch auf mehreren Ebenen, aber das würde jetzt wirklich allen ablöschen.

Deshalb, vertraut mir einfach: „Unsere Zeit ist jetzt“ ist mal endlich wieder ein origineller, gewagter, durchweg witziger, schön gemachter und gut gespielter deutscher Film. Da haben sich ganz viele junge Menschen ganz viel überlegt. Und es ist ihnen damit auch gleich gelungen, in Tat umzusetzen, was sie im Film predigen: Nämlich, dass man seine Träume leben soll. Ach ja, und Til Schwieger … ist Til Schweiger.

„UNSERE ZEIT IST JETZT“: Kinostart 6.10.

(Bild: Facebook)

 

 

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