Die Kelly Family und ich

Postkarte aus dem Rockette-Fundus. In der Mitte Angelo.

Es war irgendwann 1994, ich war gerade mal acht Jahre alt, als ich zum ersten Mal „An Angel“ von der Kelly Family gehört und mich unsterblich in diesen blonden Jungen verliebt habe.

Angelo. Der Dreizehnjährige mit der engelsgleichen Stimme.

Das grosse Geheimnis

Ich erinnere mich noch ganz genau, wie eine Freundin zu mir meinte: „Der sieht ja aus wie ein Schwein mit seiner komischen Nase“. Mit dem Wissen, auf nicht sonderlich viel Verständnis zu stossen, behauptete ich also, ich sei total verliebt in Paddy.

Insgeheim schwärmte ich aber für den blonden Engel mit der in meinen Augen absolut perfekten Nase. Das sollte jedoch ein lange gewahrtes Geheimnis bleiben.

Die BRAVO wurde abonniert (ich war die Erste in meiner Klasse und unfassbar stolz), mein Zimmer tapeziert und meine Eltern mit Kelly-Songs tyrannisiert. Auf und ab. Von hinten nach vorne und wieder zurück.

Kelly Family all day long.

Mein kindliches Ich – der englischen Sprache natürlich nicht mächtig – sang mit wie eine Weltmeisterin. „Sountaaaaaauuuuns, ei wisch ei was än Einscheeeeeeeeeeeeel“ – Tag für Tag.

Jeder Schnipsel wurde an die Wand GEKLEBT (das fanden meine Eltern supertoll, damals in der Mietwohnung. Ich glaube, dass bereits da der kleine Punk in mir zum Vorschein kam. Leim. Wände. LEIM. Ach herrje) und nebst meiner absurden Idee, auf einem Hausboot leben zu wollen, bettelte ich auch nach Akkordeon-Stunden. Diese wurden allerdings abgeschmettert, und ich beherrsche bis zum heutigen Tag kein Instrument.

Selbstverständlich lebe ich auch nicht auf einem Hausboot. Und Angelo hat eine andere geheiratet.

Es war eine schöne Zeit mit den Kellys.

Bis die Backstreet Boys kamen.

Als ein Jahr später diese gecasteten Buben aus den USA auftauchten, und meine Mitschülerinnen ebenfalls begannen zu pubertieren, da war es vorbei mit dem schönen Kelly-Leben.

99 Kieselsteine fallen auf die Kelly-Schweine

Die Kelly Family war schon immer dafür bekannt, dass sie einen, nennen wir es mal „alternativeren Lebensstil“, pflegten.

Die langen Haare, die durchaus etwas spezielleren Klamotten und – wenn ich ehrlich bin – neun nicht unbedingt fantastische Sänger und Sängerinnen. Ich glaube aber, dass genau diese fehlende Perfektion meine Liebe zu dieser Band ausgemacht hat. Es waren Geschwister, die zusammen musiziert haben. Nicht mehr und nicht weniger. Da sass der eine oder andere Ton einfach mal nicht. Aber das war total irrelevant.

Ich war in der Kelly-Blase und duldete keine Kritik an meinen Helden. Da musste man sich durchaus Sprüche aus der Umwelt anhören.

Als die Backstreet Boys ihre erste Single veröffentlichten, entbrannte auf dem Pausenplatz der grosse Krieg zwischen den Anhängerschaften beider Musikgruppen. Backstreet Boys vs. Kelly Family. Zickenkrieg von Neun- bis Zehnjährigen. Die Jungs hat das damals nicht interessiert, die spielten lieber Fussball. Ich jedoch, bewaffnet mit Kelly-Shirt und Kelly-Mütze, stellte mich dem Kampf und sang mit meinen Freundinnen in der 10ni-Pause.

Das erste Konzert

Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der Schule; die Kellys kommen in die Schweiz!

Und ich habe gestürmt. Und gestürmt. Solange bis mir meine Eltern ein Ticket gekauft haben, und sich mein Vater beinahe widerstandslos dazu hat überreden lassen, uns an das Konzert zu begleiten.

Noch heute erinnert er sich an die eine Familie im Letzigrund und erzählt: „Das glaubt einer alleine nicht. Da waren Mutter, Vater und fünf Kinder. Es sah aus, als hätte die Mutter eine Puppe im Rucksack – aber nein! Da war noch ein Kind! Unglaublich!“

Und dann kamen sie. Meine Helden.

Kathy, Johnny, Jimmy, Patricia, Joey, Barbie, Maite, Paddy … und Angelo.

Kelly Family
Angelo (und Paddy).

Mein Angelo. Mein geheimer Schwarm. Live und in Farbe. Ich war hin und weg. Kreischen, singen, tanzen. Ich war im Himmel.

Ich konnte meine Schwärmerei für das Kelly-Nesthäckchen sehr lange geheim halten. Niemand schöpfte Verdacht. Bis zu dem einen Samstagabend, als dieser blöde Idiot seine wunderschönen Haare nach einer verloren Wette abschneiden liess.

Ich traute meinen Augen nicht. Jeden Schnitt dieser Schere spürte ich in meinem Herzen und ich brach in Tränen aus. Meine komplette Familie im elterlichen Wohnzimmer wurde Zeuge meines Zusammenbruchs. Die Tatsache, dass es sich bei Angelos Haaren um eine Perücke handelte, nützte dann auch nichts mehr; ich hatte mich geoutet.

Relativ schnell konnte ich jedoch feststellen, dass es eigentlich absolut egal war, für wen ich schwärmte. Somit war ich nun offiziell stolzer Angelo-Fan und in erster Linie einfach bloss froh, hatte er seine Haare noch.

Das Ende

Jahr für Jahr, Album für Album blieb ich den Kellys treu. Ich kann noch heute alle Songs auswendig, allerdings nur in Kinderenglisch.

Als ich mit zwölf Jahren die Schule wechselte und Nirvana entdeckte, änderte sich auch mein Musikgeschmack und ich frönte von da an den etwas härteren Gitarren. Trotzdem freue ich mich jedesmal, wenn ich etwas über die Kelly Family lese und selbstverständlich habe ich mir, jetzt, über 20 Jahre später, ein Ticket für das grosse Reunion Konzert in der Dortmunder Westfalenhalle gekauft. Auf meinem Dachboden liegen irgendwo noch die alten VHS-Kassetten, und hätte ich noch einen VHS-Rekorder würde ich mir wohl das Konzert von 1994 nochmal ansehen, während ich mich freue, am 19. Mai noch einmal zehn Jahre alt zu sein und ganz laut bei „Sountauns“ mitzusingen. In Kinderenglisch. Als bekennender Angelo-Fan.

Ganz ohne Tränen.

Und die Backstreet Boys?

Wen interessieren schon die Backstreet Boys …

 

THE KELLY FAMILY: „WE GOT LOVE“, out

LIVE: 11.03.2018, Hallenstadion Zürich

 

Melanie Gubser* DJ Rosettli aka Melanie Gubser aus Züri Downtown outet sich exklusiv für Rockette als Kelly-Family-Angelo-Expertin. Kennen tun wir sie aber eigentlich wegen harter Gitarrenmusik, mit Sin Silvie legt sie an legendären Abartparties und anderen namhaften Gitarrenevents auf (sie soll auch gerne Pop auflegen, das können wir aber nicht bezeugen). Zudem ist sie Präsidentin der Turbojugend Turicum resp. Vize im Zürcher Chapter und sie nimmt gerne Trinkgeld in der Poli Bar.

 

 

(Bilder: privat/Screenshot youtube.com)

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