Die Reise geht so weit, wie sie geht*

Madrugada an der Baloise Session: Und dann wurde es mir zu viel. 

*Die Reise geht so weit, wie sie geht, sagte Sido letzten Sonntag bei „The Voice of Germany“. Es war Halbfinal, wenn ich das richtig verstanden habe beim Zappen, und die Schweizerin Freschta qualifizierte sich für den Final. Item. Meine Reise ging letzte Woche nach Basel, physisch, aber eigentlich viel weiter in den Norden. Im Rahmen der ominösen Baloise Session traten Madrugada auf. Und Krokus, super Halloweenscherz.

Ich war zum ersten Mal an dieser Cupliveranstaltung. Und das le … ah, never say never! Ich kann mir Schlimmeres vorstellen, als an einem Tischchen zu sitzen und ganz viel Alkohol in mich hineinzuschütten und mit dem leeren Pommes-Chips-Päckli zu spielen. Aber es war schon die schrägste Veranstaltung des Jahres, in meiner Agenda, mein ich. Und Madrugada überhaupt nur Teil davon, weil sie ihr Konzert im Sommer kurzfristig absagen mussten (Sivert Høyem musste ins Spital), das sagte die liebe A.B. die mit mir nach Basel reiste.

Man muss sich das so vorstellen: Viele kleine Tischchen und noch mehr Stühle, Stimmung gedämpft und erwartungsvoll, und man spürt es einfach: Hier sitzen nicht KonzertgängerInnen, sondern Kunden von Sponsoren. Mit ihren Frauen. Schon okay. Aber das schlägt halt auf die Stimmung.

Meine Freundin musste an ein Tischli rechts vorne sitzen, das sagte ihr Ticket, ich war bei den Medien einquartiert, dort, wo kein Weinkühler stand. Die beiden Basler Kollegen, beides alte Hasen, sassen schon da, als ich hinstolperte. Es war ja schon dunkel. Ich hatte so lange fasziniert am Merch-Stand herumgelungert und mich daran erfreut, dass fast alle einen Blick auf die Krokus-Shirts warfen und dann fragten: Und Madrugada-Sachen? Wo sind die? Sie (die alten Hasen) waren total entspannt und taten den ganzen Abend, was man hier eigentlich tun sollte: Augen schliessen und Musik lauschen. Völlig unbeeindruckt (vom Setting) und nicht wie ich, hibbelig und nach vorne rennend, zurückrennend, Kopf schüttelnd ob all dieser Dekadenz, und den Universe-By-Ear-Gitarrist nervend, der war nämlich auch noch da.

Ich also bei Madrugada nach vorne, kaum wurde die Abschrankung geöffnet, und zwar direkt vor Sivert Høyem. Schräg hinter ihm sass James Blunt, es sah jedenfalls so aus, und Gitarre spielte Benny von ABBA, also von ABBA in den 70ern. Das irritierte mich beides, bis ich Sivert in die Augen blickte. Weil das tat er immer wieder, mir in die Augen sehen, und allen andern auch, die vorne standen, viele waren es ja nicht, weil eben, die Cüpli an den Tischen.

Benny von ABBA. James Blunt ist rechts. Nicht.
Benny von ABBA. James Blunt ist rechts. Nicht.

Aber so ein Madrugada-Konzert macht natürlich noch viel mehr mit einem. Also mit mir. Die Norweger spielten unbeirrt, und es war, als ob tausend Nadeln auf mich einstechen würden. Als ob da mal eben mal jemand schnell all meine Eingeweide nähme und nach aussen stülpte. Ja, sorry. So fühlt es sich halt an. Immer. Dieses Mal wars aber noch was anderes: Schaffte man es, sich von Sivert Høyems Blick zu lösen und die Augen zu schliessen, reiste man. Zuerst mal nach Oslo. Madrugada spielten Songs aus ihrem Erfolgsalbum „Industrial Silence“, und dorthin wurde man geschubst, irgendwie.
Oder wie klingt das für euch?

Und dann raschelt es hinter mir: ein Chips-Päckli. Aber das kann ich ganz schnell ignorieren. Vor allem, weil Sivert erklärt, dieses Album sei in einer „very romantic time in our lives“ entstanden. Und ich schmelze dahin,  was überhaupt nicht stimmt, ich schnappe eher nach Luft, und dann geht es weiter, und ich sehe nordische Landschaften vor mir, dunkle Wiesen, auf denen Regentropfen glänzen, schwermütig alles, aber schön, so schön.

Madrugada haben ja eine schwere Vergangenheit, die ich hier jetzt nicht aufrolle, denn es spielt keine Rolle. Wenn es jemand schafft, diese ganze sterile, künstliche Champagnerathmosphäre vergessen zu machen, dann gehört ihm die volle Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt.

Und dann wird mir das zu viel. Mir ist es zu gewaltig, so viel Reisen ertrage ich nicht. Ich husche zurück, setze mich brav an den Tisch, mache die Augen zu und öffne sie erst wieder, als Krokus loslegen. Dann fahre ich nach Hause.

Die Reise geht so weit, wie sie geht, sagte Sido.

(Fotos: Rockette)

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