Dieser Song: „The First Time I Ever Saw Your Face“

Alle, wirklich alle Gedanken, die ich mir jemals zur Koexistenz von Liebe und Ehe gemacht habe, wurden einst in einem Song auf den Punkt gebracht: „The First Time I Ever Saw Your Face“. 

Es ist die allerschönste Liebesballade der Welt. Zum ersten Mal gehört habe ich sie von einer Band mit dem unappetitlichen Namen Appendix out, Blinddarm raus. Der Song wirkt schon sehr invasiv, aber eher in der Herzregion.

Nicht viel später ist mir ganz zufällig die Version der amerikanischen Soulsängerin Roberta Flack begegnet, durch die der Titel in den 70er Jahren so richtig berühmt wurde. Und wollt ihr wissen, wer ihn sonst noch gesungen hat? Elvis Presley, Nana Mouskouri, Johnny Cash, Engelbert, Tausend andere und: The Flaming Lips and Amanda Palmer – endlich mal ein bisschen anders.

The first time ever I saw your face
I thought the sun rose in your eyes
And the moon and stars were the gift you gave
To the dark and the empty skies, my love
To the dark and the empty skies

The first time ever I kissed your mouth
I felt the earth move in my hand
Like the trembling heart of a captive bird
That was there at my command, my love
That was there at my command

The first time ever I lay with you
And felt your heart beat over mine
I thought our joy would fill the earth
And last till the end of time, my love
And last till the end of time

Drei Strophen, eine klare Durchsage. Hier hat ein Mensch einen anderen Menschen getroffen, der für ihn die Welt veränderte. Der ihm zeigte, was es heisst, wenn alles Schöne auf einmal noch schöner wird. Wenn sich das Gefühl bei der ersten Begegnung mit dem ersten Kuss bestätigt und beim ersten Sex nur noch verstärkt. Ohne, dass es erkämpft, erzwungen werden muss, sondern weil es ganz einfach da ist.

Ewan McColl und Peggy Seeger.

Geschrieben hat den Song der britische Folkmusiker, Autor, Schauspieler und Produzent Ewan McColl („Dirty Old Town„). Für die amerikanische Sängerin Peggy Seeger. Irgendwo habe ich gelesen, dass die beiden zu dem Zeitpunkt noch gar nicht so gut miteinander ausgekommen sind, und das Lied lediglich als eine Ode ans Frischverliebtsein und für sie zum Performen gedacht war. Andere Quellen lassen einen vermuten, er habe sie beim Schreiben schon geliebt – und denen will ich glauben. Auch wenn sie Illusionen zerstören, unterstreichen sie eben auch meine Theorie, dass wir uns tendenziell eher zu früh im Leben ehelichen.

Denn jetzt kommts: McColl war zu dem Zeitpunkt, als er Seeger traf, mit einer anderen Frau verheiratet. Trotzdem gingen die beiden eine längere Affäre ein, bevor McColl sich scheiden liess, um seine 20 Jahre jüngere Geliebte zu heiraten. Und das ist es, was ich meine. Diese Ehe. Wird ja meistens in einem Alter geschlossen, in dem noch so viel passieren kann. Und dann trifft man mit über vierzig, wenn man seinen Gefühlen langsam einigermassen vertrauen kann, seine richtig, richtig wahre Liebe und es ist enorm kompliziert, sich aus dem Ehekonstrukt zu lösen, weil dieses mit Versprechen und Signaturen und Konsequenzen und Moralvorstellungen verbunden ist …

Wenn ich dann mal ein Gesicht zum ersten Mal sehe und schlagartig aufhöre, über solch unromantische Dinge nachzudenken, weil das Gegenüber den Himmel mit Sternen bestückt und die Welt mit Freude erfüllt, von der ich das sichere Gefühl habe, dass sie für immer währen wird, dann weiss ich: Diese Person ist es.

 

„DIESER SONG: …“ ist eine neue Rubrik, in der wir loswerden, was uns zu einzelnen Songs so in den Sinn kommt.

(Bilder: The Guardian/sheetmusicdirect.com)

Tags:

Schreibe einen Kommentar

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.