Dirty Barbarie #1

Wir haben uns mal kurz überlegt, mit Mike Shiva an die diesjährige Barbarie zu gehen – zwei Wochen bevor sie stattfindet. Und dann gemerkt, nein, die besten Geschichten hat das Bieler Festival selbst geschrieben in den letzten „30“ Jahren.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass im Barbarie-Kommitee keiner weiss, in welchem Jahr die erste Barbarie stattgefunden hat. Aber heuer dirty years zu feiern, ist ganz sicher nicht falsch. Und gut ist auch, an dieser Stelle noch einmal zu betonen, dass das Festival gratis ist. Vor ein paar Jahren hat das ein Besucher nicht gewusst. Und weil er nichts zahlen wollte, kletterte er über den rund zwei Meter hohen Fussballzaun aufs Gelände, verhedderte sich dabei wohl irgendwie im Gitter und riss sich beim Runterspringen den Finger aus (der im Spital wieder angenäht werden konnte). Noch einmal: An der Barbarie sollte man erst gar nicht zu geizen versuchen.

Hier Teil 1 der grandiosesten Erinnerungen von Leuten aus dem Barbarie-Umfeld an vergangene Festival-Wochenenden:

Beisshilfe

Auf unserem Festivalgelände findet man so allerlei. Nebst den gängigen Fundgegenständen wie Taschen, Pullis, Schirmen, Schlüsseln, Ausweisen und sonstigem von mehr oder weniger Wert, sticht ein Objekt ganz besonders heraus. Wir konnten uns seinerzeit kaum mehr vom Lachkrampf erholen, und das war damals DIE Barbarie-Story des Jahres. An unserer Bar wurde mal die obere Hälfte eines Gebisses (aka dritte Zähne, Vollprothese, usw.) abgegeben. Der Finder hat das Teil irgendwo auf dem Gelände zwischen Plastikbechern (heute haben wir natürlich Mehrweg-Gebinde), Zigistummeln, Papptellern und dem üblichen, von der Konsistenz her sehr unterschiedlichen, Party-Siff aufgelesen und mit einem ultrabreiten Grinsen dem nächstbesten Barmitarbeiter übergeben. Das Team hat die Zahnprothese natürlich gewissenhaft abgespült und in einem Becher in feinstem Mineralwasser (ohne Gas) vor dem Zerfall durch Austrocknung bewahrt.

Unser Speaker (das war damals noch Mättu von den Animal Boys) hat dann vor der nächsten Ansage die Besucher informiert, dass das Gebiss unversehrt und bestens konserviert sei und dem rechtmässigen Besitzer an der Bar ausgehändigt werden könne. Kurze Zeit später meldet sich tatsächlich ein Herr (nicht mal so fortgeschrittenen Alters) und meint, er vermisse die obere Hälfte seines Gebisses. Unter nur schlecht unterdrücktem Gelächter wurde ihm das wertvolle Stück ausgehändigt und der arme Tropf schlich sogleich von dannen. Etwa eine Stunde später steht derselbe Herr wieder an der Bar, in der Hand das besagte Objekt, welches er uns retournieren wollte, und meinte trocken: „Sorry, ist nicht meins.“ Wir kringeln uns heute noch jedes Mal, wenn die Geschichte auftaucht!

Anm. der Organisatoren: Das Corpus Delicti befindet sich immer noch in unserem Besitz und hats auch ganz offiziell unter der Bezeichnung „1 Gebiss (Oberteil)“ auf unsere Inventarliste geschafft. Auch wenns die Speakers jedes Jahr wieder von neuem ausrufen, wir werden es einfach nicht los. Und mittlerweile wollen wir das auch gar nicht mehr.

Mäsi vom Barbarie-Team

Ausdrucksbumsen auf dem Chessu-Dach

Dass Biel eine Stadt mit ziemlich viel Sexappeal ist, weiss man ja spätestens seit Puts Marie. Dass in Biel Garagenbands die Chance erhalten, ins Live-Softporno-Soundtrack-Business einzusteigen, war uns damals neu. „Uns“ bedeutet in diesem Fall The Monofones – „damals“ war an einem heissen Sonntagabend anno 2010.

Wir taten auf der Bühne der Barbarie das, was wir immer tun: garagenrumpeln, hopsen und Zeugs abfackeln. Normalerweise funktioniert das ziemlich gut, bzw. vermag das Publikum zumindest eine Konzertlänge bei Laune zu halten. An diesem Sonntagabend war aber alles anders. Nach und nach wandten sich immer mehr Leute von uns ab und das, obwohl wir nicht wesentlich schlechter spielten, als wir das sowieso schon tun. „Ja sind denn diese Bieler alles Jazz-Schüler, taminomau?!“ So oder ähnlich interpretierten wir das offensichtliche Desinteresse des Publikums, als ein kleiner Bub mit gestrecktem Zeigefinger und fragendem Blick auf das Dach des nahen Gaskessels deutete. Ohalätz!

Auf besagtem Dach verlustierte sich ein Pärchen im Adamskostüm. Oder salopper fomuliert: zwei Begattungswillige betrieben Ausdrucksbumsen auf dem Coupole-Dach und zwar so, dass ungefähr die ganze Stadt Biel, wenn nicht gar die ganze Schweiz und Frankreich noch dazu hingucken musste. Wollte. Nicht wollte und trotzdem musste. Obwohl unsere prüden protestantischen Seelen ja in den Grundfesten erschüttert waren ob diesem zügellosen Treiben, liessen wir Monofones uns nichts anmerken. Ganz im Gegenteil: Drummer El Miguel stimmte einen seiner zwei verfügbaren Beats an – puff-tä puff-tä puff-tä – selbstverständlich im Takt des schneeweissen, sich auf- und abbewegenden Hinterns, derweilen Gitarrist Sir Hamesly lustig auf den Saiten herumquitschte und Miss O.O. mit ihren hochroten Ohren das Lichtkonzept auf der Bühne erweiterte. Irgendeinmal war dann der Schuss in der Frau Schluss mit lustig, der Begatter und die Begattete kletterten unter tosendem Applaus vom Chessu-Dach herunter, und wir spielten unser Konzert in gewohnter Manier zu Ende.

Seitdem ist viel Wasser die Schüss hinuntergeflossen. Und doch: jedes Mal, wenn wir mit dem Mono-Bandmobil nach Biel kurven, sprechen wir mit grosser Ehrfurcht von der zügellosen Unverkrampftheit der Bieler und Bielerinnen. Respect, mes amies! Auch wenn wir ja ehrlich gesagt jetzt immer etwas verkrampft die Hosen festhalten, sobald wir bei euch aus dem Auto aussteigen.

Frau Feuz aka Olive Oyl, The Monofones-Sängerin

Olive Oyl und die schönste Seite der Personenfreizügigkeit.

Undercover-Sascha

Eigentlich hätte ich Hunderte Geschichten aus zehn Jahren als Booker, Techniker, im Marketing, Merchandise und weiss ich was alles. Zu viel darf ich aber nicht erzählen, weil ich ja nicht weiss, wer mit wem zusammen ist oder es nicht mitbekommen hat, welche ausserehelichen Aktivitäten da stattgefunden haben. Ich kann es auch Selbstschutz nennen… Eines weiss ich aber sehr genau, meine beiden Kinder sind an je einem Barbarie-Wochenende gezeugt worden, das beschafft mir schon mal für zwei Jahre ein Alibi.

Es gibt auch einen in Biel bekannten Mann, der an einem Sonntag vor uns allen im Bar-Backstage auf das Sofa gepisst hat, dem gleichen Mann wurde auch immer montags das Handy geklaut, unglaublich ist das. Dann wäre da auch noch der Wullä, der speziell für Saschu weissen TipEx kaufte, damit man beim fröhlichen Anmalen auch etwas sieht. Zum Verständnis, Saschu ist schwarzer Herkunft, Wullä immer der erste, der abkackt auf dem Sofa und so kam es wie es kommen musste. Wullä wurde eines nachts in Schwarz und Weiss bemalt. Dumm gelaufen.

Damit das auch Leute mit normalem Leben nachvollziehen können: Wenn an der Barbarie jemand betrunken auf dem Sofa einschläft, wird er mit Gaffa-Klebeband, Stiften, Seilen, Essen, und was man sonst noch so findet, dekoriert. Das finden dann die anderen zehn Leute wirklich lustig, nach drei Tagen trinken und nicht schlafen.

Backstage lieber nicht einschlafen.

Besagter Mann dunkler Herkunft, der neben seinem Barbarie-Job einem speziellen uniformierten Job nachgeht, war übrigens früher auch oft beim Bühnenaufbau dabei. Wir haben seinerzeit die Nüssli-Bühne am Freitagmorgen aufgebaut. Ein Nüssli-Mitarbeiter deutscher Herkunft hat den lieben Sascha immer wieder gefragt, woher sie sich kennen. Sascha hatte keinen blassen Schimmer. Als es darum ging, die letzten Stangen einzusetzen, waren die beiden zuoberst auf dem Gerüst und unser nördlicher Nachbar konnte sich auf einmal erinnern: Du hast mir meinen Fahrausweis abgenommen wegen zu viel Alkohol am Steuer, du Arschloch. Für eine kurze Weile hatten wir Angst, es könnte eskalieren. Ist zum Glück nix passiert und beide sind heil heruntergekommen.

Und dann fällt mir gerade noch ein sagenumwobener Sonntag ein, an dem zwei Herren den Konsum von Poppers massiv lanciert haben. Da haben Leute an einer Flasche geschnüffelt, die nicht mal kiffen. Ich schätze, alle rund 50 anwesenden Personen haben ohne nachzudenken mitgemacht. Ich habe noch Bilder, darf die aber nicht verwenden. Tut mir leid…

Jessi, Rockstar-Tagebuchschreiber und Barbarie-Urgestein
– steht am Samstag, 1. Juli, mit Treekillaz“ auf der Bühne

In der Kommentarspalte könnt ihr liebend gerne weitere Anekdoten posten, sofern ihr sie noch wisst. Oder neue Geschichten schreiben – an der BARBARIE 2017: 30. Juni bis 2. Juli. Am Freitag veröffenlichen wir auch noch welche.
(Bilder: Barbarie)

 

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