Drei Sprachnachrichten von Gimma

Ich bin inzwischen derart abgebrüht, dass ich mir für Interviews keine extra Zeit mehr freischaufle, sondern sie mit ganz alltäglichen Pflichten verbinde. Der Bündner Rapper Gimma, der eeendlich sein Album „Kartellmusig“ veröffentlichen konnte, hätte mich beispielsweise beim Turnschuh-Einkaufen begleiten müssen. 

Gimma in meinem künftigen T-Shirt.

Also eigentlich hatte ich ja einfach extrem Angst, ihm in einer künstlich hergestellten Interviewsituation an einem Tisch gegenüber zu sitzen und Fragen zu stellen, die ihn langweilen. Es gibt ja so Leute, bei denen will man nicht nur drauskommen, sondern auch noch sehr originell sein. Gimma ist so einer. Was er tut, beeindruckt mich, und das nicht, weil er eine schwere Kindheit und Drogenprobleme hatte. Ich fand Gian-Marco Schmid von Anfang irgendwie lustig, lange bevor ich realisierte, dass er auch super Texte schreibt – und heute mag ich ausserdem seine selbstironische, reflektierte Art. So jemandem will man dann auch irgendwie in Erinnerung bleiben.

Aber item, das Treffen hat nicht geklappt. Gimma hat den Release-Termin von „Kartellmusig“ wegen logistischer Probleme zwei Mal verschieben müssen, was die Terminfindung deutlich erschwerte. Netterweise beantwortete er meine Frage, was man gegen stinkende Sneakers machen kann, via Sprachnachricht.

 

(Ist ja klar, dass Gimma nicht so gerne Sneakers poschtet. Hört euch mal „Chris von Rohr“, eine seiner „Anekdota vuma Ex-Promi“ auf Spotify an. Da erfahrt ihr, dass seine Nikes, zumindest zu Zeiten, als er noch berühmt war, gesponsert wurden.)

Gimma ist 2019 nicht nur kein Promi, er ist auch kein „trauriges, degeneriertes Archloch“ mehr, wie er sein früheres Ich auf SRF 3 mal selber nannte. Heute schreibt er Bücher, liebäugelt mit der Politik, er hat (glaubs noch) einen geregelten Job, und er veröffentlichte fünf Jahre nach „Mensch si“ wieder ein Rap-Album, das genauso ein Pop-Album mit einer Prise Jazz ist. Und ausserdem ein Stück Heimat, ein bisschen Clubnacht, ziemlich viel Melancholie und eine Sammlung schöner Worte.

Das Titel gebende Thema der Platte: Der Bündner Baukartell-Skandal (hier könnt ihr mehr dazu lesen, wenn ihr wollt). Gimma verarbeitet ein Thema, das ihn bewegt, musikalisch und nicht minder kritisch. Die Texte kommen aber längst nicht mehr so rüpelhaft daher wie einst, als seine Sprache noch derber, sein Ego – zumindest gegen aussen – noch grösser und seine Scheissegal-Mentalität wirklich stark ausgeprägt war. So stark, dass es mich interessierte, ob ihn seine Mitbürgerinnen und -bürger eigentlich noch nie mit Mistgabeln aus seinem Dorf vertreiben wollten.

Diese Baukartell-Geschichte ist ja eigentlich nur ein Strang auf dem neuen Album. In den allermeisten Songs geht es um die Sphäre zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Es geht um Liebe, Licht am Ende des Tunnels, Rettung in Form eines Menschen und darum, dass alles guat kunnt. Ich gebs zu, Gimmas Musik ist lange an mir vorbeigegangen. Eigentlich beschäftigte ich mich erst so richtig damit, als der Song „Holz vor dr Hütta“ von der Churer Spasstruppe Platzhirsch erschien, bei der er Mitglied ist. Ja, was ist eigentlich aus seiner Schlagerkarriere geworden?

 

Aktuell bin ich einfach nur froh, dass Gimma wieder als Rapper in Erscheinung tritt. Ich mag „Kartellmusig“ wegen seiner unaufdringlichen Kraft, ich mag den Sound (zu dem ich meiner Tochter extrem gut zeigen kann, mit welchen Tanzschritten ich in den 90ern den Parkett salbte) und Gimma wegen seiner neuen, klugen Bescheidenheit und seinem huere geilen T-Shirt.

(Uuuuh, noch schnell was zu „Anekdota vuma Ex-Promi“: Da gibt es diese eine Geschichte, die heisst „A Foti mim David Hasselhoff“. Und da möchte ich eine persönliche Zeile an Gimma richten, in der Hoffnung, dass er sie liest: I know what you mean by aaaaaaaawesome.)

Some awesomes and The Hoff.

GIMMA: „Kartellmusig“, out (Zytglogge Verlag)

(Foto: Oceana Galmarini)

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