Mein wütendes Herz schlägt recht unbeschwert

Es begab sich zu einer Zeit, dass eine sehr junge Frau einen Sohn gebar, und dieser kam mit dem Talent eines grosses Songschreibers zur Welt, doch immer, immer plagte ihn dieses Gefühl, seiner Mutter einen Teil ihres Lebens gestohlen zu haben. Und so verdiente der junge Mann zwar bald sein Geld, indem er Lieder schrieb und in einer erfolgreichen Band spielte, doch das schlechte Gefühl wollte nicht weniger werden, ausser wenn er trank, viel trank, am Anfang machte das sogar Spass, bis es dann nicht mehr Spass machte, und der Mann ganz aufgedunsen war und von morgens bis abends trank.

Da trat eine schöne Frau und Geigerin in das Leben des Mannes, und sie sagte, fertig jetzt. „If you want help, we’re gonna get help. And if you don’t and you keep running from it, I’m not gonna be with somebody who’s a coward.“

Eine Woche später war der Mann in einer Reha-Klinik und schrieb der Geigerin jeden Tag Briefe. „Imagine who you think I would be if I never took another drink. I sure hope you’re still mine when you get this letter.“

Der Mann beendete die Reha, gab das Trinken auf und schrieb ein grossartiges Album, heiratete die Geigerin, veröffentlichte noch ein grossartiges Album, die beiden bekamen eine Tochter, und alle lebten hoffentlich glücklich bis ans Ende ihrer Tage.

So.

Der Mann ist Jason Isbell, die Band waren die Drive by Truckers, die Frau Amanda Shires, die Alben heissen „Southeastern“ und „Something More Than Free“, und die Musik ist prächtigster Alt-Country resp. Americana (Notiz an selbst: Unterschied googlen). Der Mann kann Lieder schreiben! Und der kann Melodien! Die schicken einen sofort nach Amerika, und ist das nicht immer noch und trotz allem das Land der Sehnsüchte? (Notiz an selbst: Das Wort „Sehnsucht“ nicht in jedem verdammten Text gebrauchen.)

You should know, compared to people on a global scale
Our kind has had it relatively easy
And here with you there’s always something to look forward to
My angry heart beats relatively easy

Aber das kann ja noch manch einer, so ein paar Düdelidü-Country-Lieder. Jedoch gibt es einen sehr schmalen Grat zwischen Gefühlen und Kitsch, zwischen Erhabenheit und Pathos, zwischen Roadtripsong und Truckerlied, zwischen Erfahrungsbericht und Seelenstriptease. Und Jason Isbell reitet darauf meisterhaft in den Sonnenuntergang.

Happy End.

JasonIsbell_Press_DavidMcClisterPhoto_5747-copy Jason Isbell kann nicht nur super Lieder schreiben, sondern tipptopp traurig in die Leere gucken. Foto: David McClister (All Eyes Media)

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