Ein Brückenkind wird Rockstar

Er wollte berühmt werden. Als Drummer von Pegasus hat Stefan Brønner das geschafft. Aber er wollte auch ein Soloalbum rausbringen. Deshalb schrieb er Songs und nahm sie in seinem Badezimmer in Brügg auf. Bei den Aufnahmen hat er getrunken, gekotzt und geschrien – als bridge.kid veröffentlichte er am 18. Oktober die EP „Super“. Jetzt zelebriert er sich als Rockstar.

„Bevor ich dreissig werde, bringe ich ein Soloalbum raus“, hat Stefan Brønner immer gesagt. Und er hat es gemacht.

Als wir uns treffen, sitzt er bei dem plätschernden Brunnen auf dem Kopfsteinpflaster zwischen Saint Gervais und Commerce in der Bieler Altstadt. Sein dichtes blondes Haar sieht man schon von Weitem, obwohl es draussen dunkel ist. Diesen Haarschopf kennt man. Er leuchtet sonst während Konzerten von Pegasus hinter den Drums hervor. Warum hat er als Schlagzeuger einer erfolgreichen Band nun ein Soloalbum veröffentlicht? „Ich wollte mir und allen anderen beweisen, dass ich so etwas ganz alleine schaffe“, erzählt Stefan. Deshalb habe er das Projekt ganz unabhängig von seiner Band gemacht. Er hat weder das Label, noch die Bookingagentur oder das Management von Pegasus einbezogen und macht nun alles selbst.

Als Drummer von Pegasus kennt man Stefan schon lange. (Bild: Ueli Frey)

Kinder- und Badezimmer als Studio

Im Sommer fing er an, Songs zu schreiben und die Instrumente aufzunehmen. In seinem Kinderzimmer in Brügg (deshalb auch der Name bridge.kid). Nach und nach spielte er Drums, Klavier, Gitarre und Bass ein. Die Instrumente beherrscht er alle gut genug, um nach einigen Takes brauchbares Material zu haben. „Ich habe ganz ungezwungen daran gearbeitet.“

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Bis es um den Gesang ging. „Das kann ich nicht“, habe er gedacht. Er habe sich vor sich selbst geniert, und es hinausgezögert. Eines Tages merkte er aber „fuck, morgen ist der Videodreh. Wie soll ich das Zeug lipsync auf Video bringen, wenn noch nichts eingesungen ist?!“ Ihm blieb eine Nacht für die Aufnahmen. Er hat sich im mit Plättli ausgekleideten Badezimmer in Brügg installiert. Die ganze Nacht hat er gesungen. Es waren nicht nur schöne Stunden. „Irgendwann wurde ich aufgeregt. So sehr, dass ich zu viel getrunken habe und erbrechen musste.“ Mit der Zeit sei er aber auch immer hemmungsloser geworden und habe „einfach gemacht“, wie er sagt. „Die Töne waren nicht alle korrekt, und manchmal habe ich gar nicht mehr gesungen, sondern geschrien vor Verzweiflung über meine eigene Unfähigkeit“, erzählt er.

Am Morgen um halb acht war er schliesslich fertig. Um acht wurde er abgeholt, um die Videos aufzunehmen.

Nach dem Dreh der Videos wollte er die Songs noch einmal einsingen. Tat es aber nicht. „Ich hatte ja in der Zwischenzeit keine Gesangsstunden; wie hätte es also besser werden können?“ Zudem sei der Moment in dieser Nacht so besonders gewesen und das sei zu spüren. Die Songs hätten alle eine grosse Dringlichkeit. „Man merkt, da hat sich einer, der nicht singen kann, an ein Mikrophon gestellt und sich richtig fest Mühe gegeben. Das ist irgendwie viel cooler, als wenn es perfekt getönt hätte.“

Antithese zu Pegasus

„Ich wollte von Anfang an kein Mainstream-Album machen. Es würde mich zwar freuen, wenn meine Songs am Radio gespielt würden, aber das war nie meine Hauptmotivation.“ Er spiele ja bereits in einer Band, deren Songs in den Rotationen seien. Aber ihm gefalle eben auch Musik, die nicht auf SRF3 zu hören sei. Und das war seine Motivation: Er wollte ein Album, das vor allem ihm selber richtig gut gefällt. Deshalb erstaunt es nicht, dass seine Songs jetzt an jene der Bands erinnern, die er gerne hört. Oasis und Blur.

Sein Album tönt aber nicht nur nach Britpop, sondern auch nach Biel. Die guten alten Zeiten von Melonmoon oder Carnation kommen einem beim Hören in den Sinn. „Ich habe mich eher an den Briten orientiert“, sagt Stefan dazu. „Melonmoon und Carnation haben das aber ebenso gemacht. Deshalb ist es kein Wunder, dass es ähnlich tönt.“

Trashig und schön

Es ist jedenfalls eine schöne, melodiöse EP geworden mit unerwarteten Wendungen und eben – einer gewissen Dringlichkeit. Die trashige Note, die der einfachen Produktion geschuldet ist, passt, und die musikalischen Ungenauigkeiten verzeiht man gern. Denn die EP berührt. Nicht nur wegen der Musik auch wegen der Texte. Während der Titel des ersten Songs „Fat Birds Coming Home“ nach einer Skurrilität klingt, geht es eigentlich ums Auswandern oder Flüchten. Ums Fremdsein und Zurückkehren. Die Vögel waren weg von zu Hause, haben sich nie gemeldet und kommen dann wohlgenährt zurück. Das Ringen um die eigene Identität in einer Beziehung wird in „Change Me“ verhandelt; „Dervish“ erzählt vom Tänzer, der sich auf der Stelle dreht, „ebenso wie ich mich manchmal einfach im Kreis drehe“. In „I Don’t Know“ geht es um Verlust und Abschiedsschmerz und „Lonely“ ist einfach ein Drogenlied, wie Stefan sagt.

Zirkusmusiker und Rockstar

Das Wasser des Brunnens plätschert, während Stefan erzählt. Die Glocken der Stadtkirche läuten den Abend ein und es beginnt zu regnen. Trotzdem will ich noch wissen, was es mit den Bildern auf Instagram und den Videos auf sich hat. Stefan inszeniert sich darin als Rockstar, als arroganten protzigen, dem Luxus frönenden Typen. Passt das zu den einfachen Mitteln, mit denen er die Songs eingespielt hat? Oder soll es wiederum dagegen eine Antithese sein? Nein. Der Grund ist ein nostalgischer und einer, der bis zu einem gewissen Grad Kritik übt an der Gratismentalität der Musikkonsumenten und an der Musikindustrie im Allgemeinen.

„Als ich klein war, wollte ich Zirkusmusiker werden“, erzählt Stefan. Dann entdeckte er die Beatles mit Ringo. „Dem Geilsten überhaupt“, und er sah den Film „That Thing You Do“ über eine aufstrebende Band in den 60ern mit einem coolen Drummer.

„Da wusste ich: Okay, genau das möchte ich sein. Ich wollte berühmt werden.“ Und irgendwie hat das ja auch geklappt. Das meiste, was er sich mit 14 vorgenommen hatte, habe er mit Pegasus zumindest in der Schweiz erreicht. Vor 20 Jahren hätte er sich eine Villa kaufen können. „Jetzt vielleicht ein Velo an der Velobörse“, sagt er und lacht. „Nein, ich lebe ganz gut“, aber selbst die richtig weltweit erfolgreichen Musiker lebten nicht mehr das Rockstardasein, wie er sich das vorgestellt hatte. „Die Rockstars der 60er, 70er, 80er oder vielleicht 90er gibt es nicht mehr“, sagt Stefan. Heute seien an ihre Stelle Ed Sheerans getreten, die mit ihrem Velo durch London fahren und ihren Freunden im Pub ein Bier zahlen. „Das finde ich kacke. Ich möchte lieber eine weisse Limo und einen Fahrer, der mich überall hinfährt.“ Heute sei aber genau das fast unmöglich geworden, weil sich das Musikbusiness so gewandelt habe. Also tut er jetzt in seinen Videos und Fotos so, als wäre er der grösste Rockstar aller Zeiten.

Und es funktioniert: Schaut man die Promobilder zu „Super“ und die Videos zu den Songs an, nimmt man dem Brückenkind ab, dass es zum Rockstar geboren ist.

(Bilder: Ueli Frey, zvg und Instagram)

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