Ein echter Ronin

Nik Bärtsch’s Ronin machen minimalistischen Jazz mit maximalem Groove. Ihr an japanischen Kampfsportarten orientierter Zen Funk hat mittlerweile auch die Schweizer Albumcharts erreicht. Unser Gastautor Kurt Werren traf Ronin im Exil in Zürich.

Ich hätte diesen Artikel auch über Mich Gerber schreiben können und sein wunderbares neues Album „Shoreline“. Sein kürzliches Konzert in der Mühle Hunziken war bewegend, und seine neue Musik hat mich auch schon zuhause in der einen oder anderen angenehmen Stunde begleitet. Aber dann war es doch der Groove, nothing but the groove, der mich gepackt und nicht mehr losgelassen hat.

Der Groove kam von Nik Bärtsch und seiner Formation Ronin. Das Album „Awase“ ist ihr erstes konserviertes Lebenszeichen seit sechs Jahren. Interessant für einen wie mich, der im Abspann eines Films immer alle Namen bis hin zum Assistenten des Oberbeleuchters durchliest: Andi Pupato, Mich Gerbers musikalischer Partner und Hansdampf auf allen Perkussionen, tat früher jahrelang bei Ronin mit.

Peter Rüedi, der grosse Musikphilosophe der Weltwoche, arbeitet sich schon jahrelang an Ronin ab und berichtet regelmässig über die Musikerzeugnisse der Band. 2006 betitelte er seine Plattenkritik mit „Top Zen“, 2008 mit „Das Lauern des Samurai“ (später dann „Das Filigrane und die Wucht“ sowie „Die Band als Über-Ich“). Damit spielt Rüedi auf die japanischen Bezüge an, die bei Nik Bärtsch, dem Japan-Kenner und Aikido-Kämpfer, und bei Ronin (benannt nach den herrenlosen Samurai, die geächtet und arm ausserhalb der Gesellschaft leben und deshalb alle Freiheiten geniessen) allgegenwärtig sind.

Bei „Awase“ ist das nicht anders. Awase ist ein Begriff aus den japanischen Kampfsportarten, wie mir Nik Bärtsch bei unserem Treffen erklärt. Es bedeutet gemeinsam vorgehen, aber nicht synchron, sondern in individuellen, aufeinander abgestimmten Bewegungen. Was in der deutschen Sprache Kampfsportart heisst, und so an Blut und Prügel erinnert, findet in der englischen Sprache mit martial arts eine Bezeichnung, die viel mehr die Kunst bei dieser Ertüchtigung für Körper und Seele hervorhebt. Und genau so, alleine zusammen, soll auch das musikalische Interplay von Ronin sein. Wenn man Awase-mässig improvisiert, wird es ganz spannend. Das ist dann, wie wenn man einen unerwarteten Angriff gekonnt und kunstvoll abwehrt, sagt Bärtsch.

Nik Bärtsch zu treffen, ist nicht schwierig. Seit 14 Jahren spielt er jeden Montagabend ein Konzert in Zürich, seit mehreren Jahren schon im Exil, einem Club fast unter der Hardbrücke. Ich besuche Konzert #703 und Bärtsch steht gleich am Eingang, als ich den Club betrete, ganz in schwarz gekleidet, man könnte ihn für einen Wandermönch halten. Ihre Kompositionen tragen keine eigentlichen Namen, sage ich zu ihm, sondern werden Modul genannt und sind nummeriert. Können Sie Ihre Module noch auseinanderhalten? Natürlich, sagt Bärtsch, und lächelt. Die Kompositionen sind chronologisch durchnummeriert, so wie sie entstanden sind. Sie sind wie Sonaten. Er hat ihnen bewusst keine Namen gegeben, damit die Zuhörer nicht durch einen Titel vorprogrammiert werden, sondern selber die Musik mit ihren geistigen Assoziationen und ihren Inhalten füllen.

Ein Stück wie „41_17“ auf Ihrer Live-Platte enthält dann also Teile von „Modul 41“ und Teile von „17“? Und „Modul 17“ gibt es ja dann als Ganzes auch noch auf diesem Doppelalbum. Korrekt, sagt Bärtsch, und zeigt sich erstaunt und erfreut zugleich ob meinem mathematischen Verständnis.

Die Musik von Nik Bärtsch’s Ronin nur auf den Groove zu reduzieren, wäre aber falsch. Bärtsch selber nennt sein musikalisches Konzept „Ritual Groove Music“. Und tatsächlich gibt es in seiner Musik auch das langsamere, kontemplative Element, das respektvolle, eben das Ritual. Wenn dann zum Ritual der repetitive Groove hinzukommt, dann wird es ekstatisch, dann werden alle Türen geöffnet zu einem Zustand der Trance und es entsteht etwas, dass mich trotz der vielen fernöstlichen Anspielungen auch an den Funk amerikanischer Kirchenmusik erinnert, wie in beispielsweise Charles Mingus in „Wednesday Night Prayer Meeting“ zelebriert hat. Bärtsch, der sanftmütige Samurai vom Eingang, wird dann am Klavier zum Ronin, der den Kampf führt, wenn er muss, mit allen Waffen, die ihm zur Verfügung stehen.

Wieviel Japan ist in der Musik von Nik Bärtsch drin? Was halten denn die Japaner von Ronin und „Awase“? Ich kontaktiere Yusuke Morita, meinen japanischen Freund, der als Jazzbassist in mehreren Formationen in Tokio spielt. Die Japaner findens gut, meldet mir Yusuke zurück, wir hören bei dieser Musik klare Bezüge zu unserer Kultur. „Modul 58“? Ist wie Regen, der auf auf einen Stein fällt. Man stellt sich einen Kämpfer vor, der aufmerksam auf die fallenden Regentropfen hört und damit Informationen über seinen Gegner gewinnen möchte. „Awase“ als Ganzes? Hat uns an Kendo erinnert, den japanischen Schwertkampf. Da stehen die Kämpfer oftmals lange still, halten die Schwerter in der Luft und beobachten sich gegenseitig. Für den Zuschauer passiert vordergründig nichts, aber die Intensität zwischen den beiden Kämpfern ist riesig. Der Groove von „Awase“ vermittelt genau dieses Gefühl von Dringlichkeit.

Es ist Pause im Exil, ich sitze an der Bar, trinke ein Bier und mache mir Notizen. Daneben diskutiert Kaspar Rast, Ronins Schlagzeuger, über den knapp verlorenen Eishockey-WM-Final der Schweizer. Nik Bärtsch kommt vorbei, fragt mich, wie ich es bisher gefunden habe – ausgezeichnet! – und sagt mir noch einmal danke für den Besuch. Hey, möchte ich ihm sagen, ich bin nicht der grosse Rüedi von der Weltwoche, nur der kleine Kurts Korner vom Startup-Musikblog Rockette. Es besteht kein Grund, mit mir so nett zu sein. Aber ein echter Ronin macht da keinen Unterschied.

 

GUESTLIST: Kurt Werren lebt in Bern, der Libanon ist seine zweite Heimat. Er hat hat ein Flair für fruchtbare Begegnungen und ein Näschen für spannende Menschen und gute Musik.

 

 

 

(Pressebild)

 

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