Ein Hintern steht im Walde

Sportelli ging in den Wald und zog sich aus. So entstand das Cover seiner neuen CD „Fear and Courage“. Es sei repräsentativ für das ganze Album.

Wir hatten es ja schon. Wenn es um Micha Sportelli geht, denke ich ans Haareschneiden. Lange kannte man ihn in Biel als den Coiffeur, der mit seiner Ibanez-Gitarre Musik machte. Heute ist es umgekehrt: Micha – der sich mittlerweile einfach Sportelli nennt – ist Musiker, der hin und wieder Leute frisiert. Aber darüber will er eigentlich nicht sprechen. Viel lieber über sein neues Album „Fear and Courage“.

Als ich ihn anrufe, ist er etwas ausser Atem. „Ich habe einen Schlitten auf dem Rücken und bin unterwegs nach Magglingen, um von dort nach Biel runterzufahren“, sagt er. Endlich habe er Zeit für sowas. Er sei sehr beschäftigt gewesen mit den ganzen Promo-Auftritten zum Album. Nun nutze er die Zeit, um draussen zu sein.

Die Nähe zur Natur ist zentral für Sportellis neues Album.

Die Natur sei auch ein wichtiger Aspekt seines Albums. Das merkt man schon beim kurzen Reinhören. Etwa am Vogelgezwitscher, oder am Song „High-Tide“, der in Thailand entstanden ist und vom Meer und den Krebsen handelt. Die Klänge auf der ganzen CD sind weitgehend natürlich und ohne künstliche Effekte. Man hört Gitarren, Drums, einen Bass und Keys. Sportelli hat alle Instrumente selbst eingespielt. Nur das Cello in einigen Songs stammt von Musikerin Lea Meyer. Sportellis Gesang klingt ebenfalls natürlich. Seine Stimme ist klar, unverzerrt, manchmal leicht schleppend.

Während die ersten Stücke noch Tempo haben, sind die nächsten ruhiger. Es sind angenehme Popsongs, die zwar sanft aber nicht unbedingt melancholisch klingen und immer eine gewisse Leichtigkeit haben. Sie scheinen in Winter und Schnee den Frühling anzukündigen. Wie die Sonne, die durch kahle Äste scheint.

Das Album ist aber nicht nur eine Reise in die Natur, es ist auch ein „Selbsterforschungstrip“, wie Sportelli sagt. Drei Jahre hat er an den Songs gearbeitet, einmal war das Album schon so gut wie fertig.

„Dann habe ich gemerkt, dass es nicht passt“, erzählt Sportelli. „Ich war nicht zufrieden mit der Songauswahl, und irgendwie hat es mir nicht ganz entsprochen.“ Man müsse ja „200 Prozent dahinterstehen können, wenn man etwas rausbringe“. Deshalb hat er einiges verworfen, ein paar Songs neu geschrieben und alles neu eingespielt. Und Züri-West-Mischer Oli Bösch hat das Album gemischt.

Dieses Foto ziert Sportellis neues Album.

Sportelli hat bei der Arbeit an den Songs tief in sich hineinhorchen müssen, und er entblösse sich in seinen Texten. Deshalb passt auch das Cover: Man sieht ihn mitten im Wald. Nackt mit einer Decke. Die Decke hat er aber nicht um sich geschlungen, er schwingt sie vielmehr auf, so dass sie alles preisgibt. „Für dieses Album musste ich wirklich die Decke hochheben, ich habe nichts verborgen“, sagt er. Und so singt er in seinen Songs kaum über Anekdoten oder Situationen aus seinem Alltag (ausser in „Blame“, in dem er mit einem Regisseur abrechnet, der bei einem Schultheater komplett ausgerastet sei, weil die Schüler improvisieren wollten). Vielmehr geht es darum, wie man sich als Mensch richtig ausdrücken, wie man auf sich selbst hören kann, und darum, wie wichtig es ist, sich selbst zu lieben. „Das Album ist jetzt 200 Prozent ich“, sagt Sportelli. Er könne wirklich dahinterstehen, höre es noch immer und es gefalle ihm sehr.

Es soll aber natürlich nicht nur ihm gefallen, sondern auch einen Effekt auf die Hörer haben. „Fear and Courage“ solle Mut machen, sagt Micha. „Die Leute sollen merken, dass im Leben noch mehr da ist als das, was wir auf den ersten Blick sehen. Wir alle tragen einen einzigartigen Diamanten in uns, wir müssen uns nur trauen, ihn zu suchen. Denn wenn alle das Einzigartige an sich selbst entdecken, gibt es keinen Konkurrenzkampf mehr.“ Bevor Sportelli noch philosophischer wird und fast etwas ins Paolo-Coelho’sche abdriftet, unterbricht er sich, weil er ein Bus-Ticket lösen muss. Dann sagt er noch, dass er mit diesem Album seinem inneren Diamäntchen ein Stück nähergekommen sei.

Als wir aufgelegt haben, stelle ich mir vor, wie mein ehemaliger Coiffeur mit seinem Schlitten den Hang runterfährt, in den Ohren seine Musik und im Herzen ganz viel Selbstliebe.

SPORTELLI: „Fear And Courage“, out

LIVE: 08.02. La Capella, Bern; 13.02. Hafenkneipe, Zürich; 14.02. Atlantis, Basel; 15.02. Kreuz, Nidau

(Bilder: Anita Vozza)

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