Ein Rockgewitter zieht auf

Darum sollte man sich das neue Album von Nothing But Thieves unbedingt anhören. Sofort. Alle Songs. In gegebener Reihenfolge:

„Broken Machine“ heisst das zweite Album der britischen Band Nothing But Thieves. Verliebt in den Sound von Conor Mason (Gesang), Joe Langridge-Brown (Gitarre), Dom Craik (Gitarre/Keyboards), Philip Blake (Bass) und Drummer James Price, haben wir uns am Gurtenfestival. Nach grossartiger Liveerfahrung und dem anschliessenden Rauf- und Runterhören des Debütalbums, war unsere Vorfreude auf die zweite Platte gross. Jetzt ist sie da und übertrifft sogar noch unsere Erwartungen.

„Broken Machine“ ist kein Gute-Laune-Album. Es ist voller düsterer, schwermütiger Rocknummern, von denen jede ihren ganz eigenen Charme hat. Die fünf Jungs aus Southend-on-Sea, Essex, liefern uns ein wunderbares, abwechslungsreiches Album für den Herbst, dessen Stärke seine Gesamtheit ist. Wer „Broken Machine“ zum ersten Mal hört, sollte dies unbedingt in der vorgegebenen Reihenfolge tun – und am besten in voller Lautstärke, damit auch die Nachbarn etwas davon haben.

Der kraftvolle Opener „I Was Just a Kid“ zieht einem sofort in seinen Bann und macht Lust auf mehr. „Afterlife“ gibt dem Gesamtwerk ein harmonisches Ende, quasi einen Abspann, wie Leadsänger Conor Mason selbst sagt: „Like the end credits of a Tarantino movie.“

„Broken Machine“ entstand auf Tour durch die USA und Asien: „Das Album beinhaltet alle Erfahrungen und die Sachen, die wir auf Tour gelernt haben“, sagt Conor Mason. Intensive Gespräche im Tourbus über Themen wie Religion („Afterlife“), Politik („Live Like Animals“), Liebe („Sorry“) und mentale Gesundheit („Get Better“) lieferten die Basis für die Songtexte. Die fünf Jungs in den Zwanzigern verarbeiten in ihren Songs, was sie selbst beschäftigt, belastet oder wütend macht. Der Titeltrack „Broken Machine“ fasst all dies zusammen und steckt voller Energie. Auch die Artwork auf dem Albumcover hat eine tiefere Bedeutung, die perfekt ins Gesamtkonzept passt. Die Frauenbüste mit den goldschimmernden Rissen steht für die japanische Kunstform Kitsungi. Eine Reparaturmethode für Keramik, bei der Bruchstücke mit flüssigem Gold wieder zusammengeklebt werden. Das Endprodukt ist dadurch schöner und wertvoller als das Original.

Produziert hat das Album Mike Crossey, der bereits mit Bands wie Foals oder Arctic Monkeys zusammenarbeitete. „He was the first person who just let me do what the f*** I wanted with my voice“, sagt Conor in einem Interview vom Independent. Und dafür sind wir Herr Crossey sehr dankbar. Denn die jauchzende, schluchzende Rockstimme des 25-Jährigen sorgt bei uns immer wieder für Gänsehaut. Zum Beispiel bei der ersten Single-Auskoppelung „Amsterdam“: ein echter Knaller, den man einfach immer wieder hören will „… and agaaain, and agaaaain …“.

Bei der zweiten Single „Sorry“, wird Conors Ausnahmestimme deutlich sanfterer. Ein solider Popsong, der auch wunderbar auf den Soundtrack einer meiner absoluten Lieblingsserien „O.C. California“ gepasst hätte.

„Live Like Animals“ ist dagegen schon deutlich stärkerer Tubak. Ein heftiger Song, wie ein aufziehender Sturm. Doch angesichts der wütenden, kritischen Lyrics, befinden wir uns ja schon mitten im Gewitter (Hello, President Trump). Zu „Soda“ kann man fast schon gemütlich schunkeln, während Conor von der Sehnsucht singt, manchmal einfach aus der eigenen Haut fahren zu wollen – im wortwörtlichen Sinne – („I don’t wanna be myself, it’s making me so unwell“). Und beim kraftvollen „I’m Not Made By Design“ dürfen wir dann im Refrain wie die Wölfe mitheulen „Ahuuuu“. Auf der Deluxe Version gibt es übrigens noch zwei zusätzliche Titel (darunter die treibende, sexy Rocknummer „Number 13“) plus eine Akustik- und eine Pianoversion.

Ich habe meinen perfekten Herbstsoundtrack gefunden. „Broken Machine“ ist tiefgründig, experimentell und abwechslungsreich und dennoch ein wunderbar stimmiges Gesamtwerk, bei dem kein Song aus der Reihe fällt (Ed, ich habe dir „Bibi Be Ye Ye“ noch immer nicht ganz verziehen).

Übrigens: Nothing But Thieves sollte man UNBEDINGT live erlebt haben! Gelegenheit dazu gibt’s am 3. Dezember 2017 im Dynamo in Zürich.

(Foto: Facebook)

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