Erleuchtung in Bümpliz – der Tag, an dem ich „Crooked For You“ zu hören bekam

Bänz Friedli* will einige Kinder von Death by Chocolate. Eine Liebeserklärung.

Keine liebliche Wohngegend, der Stadtrand von Bern, schon gar nicht an einem garstigen Novembertag. Die Wohnung so, wie es sich junge Menschen halt leisten können. Karg eingerichtet. Aber Hauptsache: Die Boxen sind erstklassig! Und dann das Volume voll aufdrehen…

Bümpliz an diesem Nachmittag ist ein Ort zum Vergessen. Doch ich werde mich immer erinnern an den Tag, da ich „Crooked For You“, das neue Album von Death by Chocolate, zum ersten Mal in voller Länge hören durfte. Und in voller Lautstärke.

Es! ist! einfach! nur! geil!

Wie ich ein ums andere Mal vom Sofa aufjuckte, wie ich Laute der Verzückung von mir gab und dem Sänger, der nicht persönlich anwesend war, Albernheiten wie „Ich will ein Kind von dir!!!“ whatsappte… Diese Szenerie werde ich genausowenig vergessen, wie ich nicht vergessen werde, wann und wo ich zum ersten Mal Züri West hörte.

Im Sommer 1984 muss es gewesen sei. Ein freier Mitarbeiter von Radio Förderband, wo ich damals arbeitete, präsentierte einmal wöchentlich Musikneuheiten aus der lokalen Szene. Ein umständlicher Kerl war er, der auch sommers Pullover aus Alpaka-Wolle trug und offenbar kein Freund von Wasser und Seife war. Eigentlich war es ja verboten, bei offenem Fenster auf Sendung zu gehen – doch wenn man nach ihm Sendung hatte, kam man ums Lüften nicht herum. Aber liebenswert war er, und nur schon, ihm durchs Studiofenster zuzuschauen, wie er ungelenk Kassettli aus der Plastikhülle fingerte und sie ins Abspielgerät einlegte, war eine Wonne. Meist waren die Aufnahmen dann von geringer Qualität und die präsentierten Gruppen eher obskur. Eines Sommerabends nun fingerte er aber eine Tonbandkassette hervor, die mit „Z. W.“ angeschrieben war, das Demo einer jungen Band, scheints… Es war vermutlich die erste öffentliche Ausstrahlung eines Züri-West-Titels ever. Und wir, die wir alle bei laufendem Radio irgendwo in den Studioräumen herumlümmelten, drehten durch.

Das Riff, der Gesang, die Wucht…: „Isch es Bärn, isch es Basu, isch es … Züri Wescht?“ Wir stürzten in den Senderaum und fragten: „Was war das gleich?!“

Ich schweife ab, aber der Vergleich musste sein, um die Bedeutung des Moments darzulegen. Denn auch wenn man sich über längere Zeit mit Musik beschäftigt, sind die Wow-Momente am Ende rar. Und der Nachmittag, an dem ich auf einem Bümplizer Sofa zum ersten Mal „Crooked For You“ hörte, war so einer.

Es sind diese elektrisierenden Momente, die nur mit einem Wort zu umschreiben sind: Rock’n’Roll. Wenn Musik einem buchstäblich einfährt.

Wie damals, als ich als Tourist im Sun-Studio in Memphis stand, just in jenem Raum, wo Elvis 1954 seine allererste Aufnahme gemacht hatte, „That’s All Right, Mama“, und nun lief diese Aufnahme über die Studiolautsprecher, ich fühlte mich irgendwie in jene Zeit zurückversetzt, und ich begriff zum ersten Mal, dass Musik eine körperliche Erfahrung ist, die einen vollends erschüttern kann – aufwühlen und beglücken zugleich. Ich begriff die Urkraft des Rock’n’Roll, der hier mit „That’s All Right, Mama“ offiziell seinen Anfang genommen hatte, und was es heisst, wenn volle Kraft aus dem Becken kommt, zugleich aber auch aus dem Bauch, aus dem Kopf.

Mit einem Wort: Rock’n’Roll.

Ich schweife schon wieder ab. Nur, um die Bedeutung des Moments zu umreissen: Für mich gehört der Tag, an dem ich „Crooked For You“  kennenlernte, zu den ganz grossen Tagen meines Lebens als Hörer und Musikliebender. Ich kann mich nicht erinnern, je ein solch starkes Schweizer Rock-Album gehört zu haben.

Wobei die Einschränkung „Schweizer“ eigentlich schon falsch ist. Das gönnerhafte „gut für eine Schweizer Band“ war für mich bei Death by Chocolate nie nötig. Für mich stimmte diese Band von Anfang an in den grossen amerikanischen Kanon ein. Die sind einfach am falschen Ort zur Welt gekommen. Sie sind nicht „noch gut für eine Schweizer Band“, sie sind damned fucking good. Diese Gruppe hat Weltformat, man kann sie in einem Atemzug mit Kings of Leon und The Black Keys nennen. Sie spielt in der Geschichte geerdeten, zukunftsweisenden Rock’n’Roll, wie ihn nur die Besten machen, Punkt.

(Und live sind sie, damit dies auch gleich noch gesagt wäre, eher noch ein bisschen besser als die Black Keys.)

Wie jene haben sie die amerikanische Musik aufgesogen, haben sie sich ihren Muddy Waters angehört, ihren Sonny Boy Williamson reingezogen. Teils ab alten Vinyl-LPs. Sie kennen das Spektrum von Little Richard bis Prince. Wann immer man Death by Chocolate trifft, zu jeder Tages- und Nachtzeit, sie reden nicht über Frauen und nicht über Drogen und schon gar nicht über Fussball, sie diskutieren über Musik. Okay, manchmal auch über die eine oder andere Frau. Aber vor allem über Musik. Sie sind beseelt, besessen davon. Stets zückt einer ein Handy und spielt den Track eines neuen, unbekannten Country-Querkopfs vor. Stets hat einer gerade wieder einen alten Soul-Kämpen entdeckt: „Muesch mal lose …!“

Sie lieben die Musik. Sie leben darin.

Death by Chocolate haben die Urmusik der USA so verinnerlicht, dass sie mit Leichtigkeit einen eigenen Ton finden. Alles, was sie machen, ist kundig, nichts davon klingt je nachgeahmt.

Und wie viele Schweizer Bands gibt es, gerade auch aus Biel und vor allem aus Basel, ob denen man meinen könnte, die Pop- und Rockgeschichte bestünde einzig aus den Beatles, allenfalls The Who, vielleicht noch aus den Kinks? Viel zu viele. Immer das ewiggleiche refrainlastige britische Popgedudel!

Ganz anders Death by Chocolate. Sie kennen die ganze Geschichte, und die Geschichte der Popmusik gründet nun mal in den USA. Diese Geschichte muss man natürlich erst einmal verdauen, ehe man zu einem eigenen Ausdruck finden kann.

Und genau davon zeugt „Crooked For You“. Death By Chocolate schöpfen aus dem Fundus, ohne jemals nostalgisch zu wirken, sie stehen in einer Tradition, ohne zu kopieren. Sie sind geschichtsbewusst und klingen jederzeit gegenwärtig.

Es ist ohnehin selten und in der Schweiz noch seltener: dass eine Band einen „signature sound“ hat, dass man sie nach dem ersten Akkord erkennt: am unvergleichlichen eigenen Tonfall. „Crooked For You“ tönt vom ersten Ton an nach Death By Chocolate. Und was für ein Auftakt das ist! „Give Us a Reason“, ein elektro-schmissiger Rockkracher mit sirenenartigen Störgeräuschen. Was für ein Sound! Was für ein Song!

Hier kommt Vance Powell ins Spiel. Wie manche Bands from Switzerländ haben sich schon mit angeblichen oder wirklichen „Grössen“ aus den USA geschmückt? Hier ist es ganz anders: Powell war derjenige, der nach einem ersten Zusammentreffen in Nashville darauf bestand, mit diesem Quintett ein Album aufzunehmen. Nicht, weil er sie „noch gut für eine Schweizer Band“ fand. Sondern weil er sie uneingeschränkt damned fucking great fand. Und Powell ist nicht einer, dem es an Arbeit mangelt, der Mann ist gefragt, er arbeitete mit dem grossen Blueser Buddy Guy genauso wie mit Jack White, er wurde mit vier Grammys prämiert, zuletzt 2015 für sein Mitwirken am stupenden Country-Album „Traveller“ des säuselnden Rauhbeins Chris Stapleton.

Country? Aber ja doch. Powell war der richtige Mann, weil er wie Death by Chocolate die amerikanische Urmusik als ein Erbe begreift, aus dem sich schöpfen lässt. Hier folkige Anklänge, da etwas Countryeskes, dort eine bluesige Grundierung – alles nahezu beiläufig aus dem Ärmel geschüttelt. Und schliesslich der Southern-Soul-Heuler „And I Try“, der…

… mir! die!! Schuhe!!! auszieht!!!!

Was für ein Song! Ein Sound, als befänden wir uns im Muscle Shoals der späten Sechzigerjahre; eine Stimme, als wäre O. V. Wright selig aus der Gruft gestiegen. Was für eine absolut umwerfende Nummer! Und wir reden hier nicht von der obligaten „Radio-Ballade“, die sich die meisten Schweizer Bands dann jeweils noch halbherzig abnötigen, um auf SRF3 gespielt zu werden. Wir reden von einer herzhaft wunderbar beseelten Schnulze, die in die Vollen geht. Und wen sie nicht berührt, der ist ein Zyniker.

Powell brachte die Jungs dazu, die Wucht ihrer Live-Konzerte ins Studio zu transponieren, das Album in einer kurzen energiegeladenen Session gleichsam hinzurotzen – und ich glaube nicht, dass es schiere Zeitnot war. Sondern ein künstlerischer Plan. Eingespielt sind sie ja, Death by Chocolate traten in Polen und der Ukraine vor Zehntausenden auf, und ihre umjubelten Konzerte in Seattle, Santa Cruz, Los Angeles, New York, Paris, London haben wirklich stattgefunden und sind keine gefakete „Blick“-Schlagzeile wie bei manchen anderen hiesigen Bands. (Und weils so schön ist, wollen wir uns kurz daran erinnern, wie sie im „Letzigrund“ eben mal Bon Jovi an die Wand spielten.)

Das Resultat: Endlich wieder mal eine Schweizer Platte, die chlepft und tätscht und nicht bis zur Unkenntlichkeit ausgepützelt und abgeschliffen ist. Thanks, Mr. Powell.

Er hat ihre Spielfreude gekitzelt. Diese Spielfreude hat auch damit zu tun, dass die fünf Musiker sich mögen. Und dass sie normal geblieben sind. Das klingt nach Floskel, ist aber wichtig zu erwähnen in einem kleinen Land, in dem es manchem Möchtegernmusicstar und manchem, der das lokale Hitparädeli gestürmt hat, massiv in den Gring gestiegen ist. Die sind normal geblieben, und sie wollen einfach nur spielen. Sie musizierten ja schon als Schulbuben zusammen.

Vergesst das provinzielle Schaulaufen sogenannter Stars auf irgendeinem roten Teppich in Zürich-Oerlikon. Death by Chocolate sind die wahren Schweizer Musikstars. Aber sie kommen als die Jungs von nebenan daher, kumpelhaft und am Boden geblieben.

Mich hält schon lang nichts mehr auf dem Sofa. Ich bin ausser mir und höre mich sagen, ich wolle jetzt von jedem einzelnen dieser Kerle ein Kind.

Und von Mäthu Schenk deren zwei. Welch traumhafter Songschreiber, welch begnadeter Gitarrist, welch berückender Sänger! So einen hat das Land noch nicht gehört.

Aber was heisst hier „das Land“? Ich habe ja gesagt, dass diese Band keinen Vergleich zu scheuen braucht. Nichts da mit „beste Schweizer Rockplatte aller Zeiten“. „Crooked For You“ ist viel besser als das.

Wie wärs wieder mal mit käuflich erwerben, Leute? Vinyl, zum Beispiel?

DEATH BY CHOCOLATE: „CROOKED FOR YOU“, out

 

* Der Autor und Kabarettist Bänz Friedli schreibt seit 1983 über Musik. Er verfolgt den Werdegang von Death by Chocolate seit einigen Jahren und hat diesen Beitrag exklusiv für Rockette verfasst.

 

(Bild: Pascal Mora)

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