Es kommt was, muss ja

Vor einigen Monaten habe ich mit einem Song rumgeblufft, den ich sooo geil finde. Er ist von Sam Fender. Der Brite hat dieses Jahr in der Schweiz gespielt, kennen tat ihn trotzdem keiner. Vor einigen Tagen erschien seine EP „Dead Boys“ – und man nominierte ihn sogleich für einen Brit Award. Bin ich erstaunt? Nein.

„Play God“, mein alter Lieblingssong eben, wurde mehr als sieben Millionen Mal gestreamt. Weltweit, steht in der Medienmitteilung von Universal. Dabei war ich das.

Ich brauche den Song. Nicht, weil er aus der Menge heraussticht, laut oder besonders originell ist. „Play God“ ist einfach, einfach auf eine sehr unspektakuläre Weise extrem stimmungsvoll und antreibend. Me likey.

Und jetzt sitze ich zur Überbrückung einer langen Wartezeit beim Italiener, trinke Wein und emotioniere. Nicht wegen des Alkohols, wegen Fender. Und weil ich inzwischen weiss, warum genau er mir durch Mark und Bein geht. Er sieht aus wie ein Hipstermodel. Allerdings wie eins, das seine Szene durchschaut. Der 24-Jährige ist nicht so geistesabwesend wies scheint. Er isst keine Mehlwürmer und erbricht sie dann heimlich, nur weil ersteres trendy ist. Seine Augen sind umschattet und sein Mund steht offen, weil er die Richtung, in die die Gesellschaft steuert, nicht fassen kann. Weil ihn die Menschheit ermüdet.

Das kann man seinen Texten entnehmen. „Dead Boys“ beispielsweise ist ein extrem trauriger Song über die hohe Suizidrate bei Männern in England. Und über die, die wegschauen. „Poundshop Kardashians“ beschreibt seinen Blick auf schöne Menschen ohne Gefühle, Dicke ohne Seele, auf einen „zoo in motion“. Und das alles klingt so intensiv, dass man sich dem Sound nie mehr entreissen möchte.

Kleiner, weinseliger Diskurs: Es ist im Fall viel, Sam Fender im Kopfhörer und eine wahnsinnig laute Gianna Nannini im Hintergrund. Aber mir ist zu meinem grossen Erstaunen eben eingefallen, warum ich die ganze Zeit das Gefühl habe, „Dead Boys“ schon mal irgendwo gehört zu haben. Der Song, vielleicht auch die Stimme, erinnert mich an „1989“, das Taylor-Swift-Coveralbum von Ryan Adams. Klammer geschlossen.

Auch wenn Fenders Musik im Kontrast zu seinen niederschmetternden Erkenntnissen voller Energie, Harmonie und Zuversicht steckt, ist seine EP von der Grundstimmung her grau. Aber eben schön grau. So wie der Ausblick auf der Autofahrt bei Starknebel. Man sieht zwar keinen Meter weit, weiss aber: Es kommt was, muss ja.

SAM FENDER: „Dead Boys“, out (UMI, Polydor)

(Bild: Facebook)

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