… euer Jessi Bradshaw

Die 1980er-Komödie „This Is Spinal Tap“, in der alle Schlagzeuger einer Band eines frühzeitigen Todes sterben, hat eine ganz besondere Bedeutung für Treekillaz“. Sie gibt der Band das Gefühl, nicht alleine auf der Welt zu sein, wie Gitarrist und Tagebuchschreiber Jessi in diesem Beitrag schreibt. Eine Erläuterung in Form einer Drummer-Chronik:

Reto war unser erster Schlagzeuger. Und Reto und ich: sowas wie Feuer und Eis. Wir hatten in unserer Bandgeschichte wahrlich selten Probleme, aber wir beide bildeten die Ausnahme. Zwei Charakterköpfe, konstant am Fighten. Teilweise sehr konstruktiv, oftmals aber auch eher wie ein altes Ehepaar, das sich nur noch dummes Zeug vorwirft. Der Tinu war manchmal ganz schön genervt von uns beiden.

Grund für unsere Streitereien war nicht selten eine Band namens QL. Der Drummer von QL, Tosi, war ein guter Freund von Reto. Und er hat ihm dauernd Flöhe in Gestalt gutgemeinter Tipps ins Ohr gesetzt. Meistens handelte es sich um Ratschläge im Bezug auf das Musikbusiness. Ausser Reto war aber keiner von uns interessiert daran, diese Tipps anzunehmen. Wir waren ja auch eine komplett andere Band, die gar nie den Wunsch hatte, mit dem Strom zu schwimmen. Ja sicher, wir wollten auch mehr Gage, mehr Leute, grössere Clubs, aber unser Zuhause war die Authentizität und das „real Bleiben“. Diese Einstellung hat uns natürlich ganz viele Verkäufe und den Aufstieg in den Rock Olymp gekostet – doch es war uns scheissegal. Nicht, dass ich QL etwas vorwerfen möchte. Sie sind gut und haben mit ihren Schweizer-Kracher-Covers mächtig viel erreicht, aber eben, unser Ding war das nicht.

Es kam der Tag, an dem ich eine Offerte für die dritte Clawfinger-Tour auf dem Tisch hatte. Voller Vorfreude ging ich in den Übungsraum und eröffnete meinen Bandkumpanen diese geilen News. Reto meinte nur, dass wir keine neue Platte hätten, die Tour für die Katz sei und wir nicht gehen sollten, weil das zuviel koste. Ja er hatte schon auch recht, aber scheiss drauf, dachte ich, ich will auf diese Tour, denn so eine Gelegenheit ergibt sich nicht alle Tage. Worauf von Reto die Warnung kam, dass er sofort aufhört, wenn wir diese Tour zusagen. Ich habe es mir etwa zwei Sekunden überlegt und sein Angebot angenommen.

Treekillaz“ mit Drummer Reto:

Andy, Jazz Drummer aus Zürich. Dank einem Flirt mit anschliessender, kurzer Affäre wusste ich, dass der Bruder meiner holden Braut Schlagzeuger war und gerade eine renommierte Schlagzeugschule abgeschlossen hatte. Ein Anruf, ein kurzes Gespräch, und Andy war unser Drummer für die Tour. Er war verdammt gut, sogar die Clawfinger-Jungs zeigten sich mächtig begeistert von ihm. Er hat uns auch danach noch unterstützt und bestimmt ein Jahr angehängt. Chapeau, er ist für jedes Üben aus Zürich nach Biel gefahren, der Verrückte. Dann gab es auch noch diese Geschichte vom letzten Konzert der Tour. Es ist ja branchenüblich, dass der Headliner während der letzten Show etwas mit dem Support anstellt, das lustig sein soll. Jedenfalls stand bei Andy auf der Snare geschrieben: „need a new hair cut“. Und schwups, beim letzten Song wurde er während dem Spielen rasiert. Er hat das ganz männlich genommen und dazu gelächelt. Ich vermisse ihn ab und zu, und vielleicht treffen wir uns wieder. Seine Schwester ist ja keine Option mehr, die ist mittlerweile verheiratet und glücklich.

Tobi, Drummer Nr. 3, von Disgroove ausgeliehen. Wir hatten eine Show in Lichtenstein und keinen Drummer zur Verfügung. Und ich wollte schon immer mal mit einem meiner Lieblingsdrummer aus der Schweiz spielen. Tobi ist die lebende Legende für mich. Er hat bei Gurd gespielt und unglaublich viel Groove und Power. Die Shows mit ihm, ich glaube es waren zwei, waren super. Obwohl nur kurz geübt und live auch nicht immer ganz so korrekt, war es genial. Beim ersten Üben waren wir alle geschockt, so laut war es in unserem Raum noch nie, uns sind fast die Ohren abgefallen, der Herr hat sein Drum so heftig malträtiert.

Tom, Drummer Nr. 4, aus dem Emmental. Nach langem Suchen und einigen Leuten, die uns vorgespielt haben, kam der Tom in unser Studio, Er stellte sein Drum auf und spielte mit uns. Nach dem Üben haben Tinu und ich uns angesehen, genickt und dem Tom erklärt, er könne das Schlagzeug stehen lassen. Er war vorbereitet, nett, intelligent, und wir hatten das Gefühl, er sei ganz einfach richtig für uns. Was sich dann auch bewahrheitete. Er war eine Bereicherung in unserem Bandgefüge, hatte keine Ambitionen, Rockstar zu werden, wollte einfach Musik machen, geniessen und mit Freunden Zeit auf irgendwelchen Strassen und in anderen Ländern verbringen.

Plötzlich spielten wir auch vermehrt im Emmental und es da war noch die unglaubliche Geschichte vom Meer. Wir sind in Holland eine Strasse entlang gefahren, die eigentlich ein Damm war und über das Meer führte. Der Tom meinte ganz trocken von hinten: „Jungs, das ist das erste Mal, dass ich das Meer sehe“. Wow, er war ja zu diesem Zeitpunkt nicht gerade ein Jüngling, und er soll das Meer noch nie gesehen haben??? Ja, Tom, man sollte halt nicht nur mit dem Velo auf die Lueg fahren und uns einmal pro Woche ein Bild von dieser Lueg senden. Mittlerweile ist der Tom übrigens arbeitsbedingt für 18 Monate in Kanada. Am Arsch der Welt – er schickt uns jetzt ganz andere Bilder.

Konzert im „Wase, besser aus Holland“ mit Drummer Tom:

Heinz, Drummer Nr. 5. So langsam wird es Spinal Tap hier. Wer den Film nicht kennt, sollte das unbedingt ändern. Speziell Musiker oder angehende Musiker müssen diesen Film gesehen haben. Es zeigt einem in zwei Stunden, was alles zu einer Band gehört und wo die Probleme liegen. Wir haben diesen Film nach jeder schlechter Show gesehen und er half. Wir fühlten uns danach nicht mehr so alleine auf der Welt. Auf jeden Fall hatten Spinal Tap auch ganz viele Drummer und einer ist sogar auf seinem Drum-Stuhl explodiert bis nur noch grünes Geschlabber da war. Ich glaube ein weiterer wurde von Aliens entführt, aber egal schaut es selber. Der Heinz ist ein alter Kollege von uns, er hat ja schon ganz viel Bieler-Band-Erfahrung. Er spielte bei San Dimas, Modern Day Heroes und nach einer etwas längerer Pause ist er jetzt bei uns gelandet. Heinz ist ein sehr cooler Typ und passt hervorragend in unser Gefüge. Es geht von Tag zu Tag aufwärts und ich glaube wir werden noch ganz viel Freude aneinander haben. Heinz ist ähnlich wie wir, bodenständig und nicht versessen darauf, im hohen Alter noch Rockstar zu werden.
Treekillaz“ mit Heinz (2.v.r.)

Beat, auch genannt Tricky Beat, Drummer Nr. -1. Bevor Reto zu uns gestossen ist, hatten wir ja eine längere Zeit damit verbracht, unsere Band zusammenzustellen. Beat wurde uns empfohlen und wir haben zweimal mit ihm geprobt. Irgendwie war er supernett und irgendwie war er aber nicht das was wir uns vorgestellt hatten. Das Spielerische passte nicht. Tinu und ich hatten vor dem dritten Üben schon entschieden, dass er nicht mehr kommen soll. Als wir den Bandraum betraten, hat der Typ in stundenlanger Arbeit unseren ganzen Raum aufgeräumt, geputzt und auf Vordermann gebracht. Ach wie peinlich war uns das, wir sind dann hingesessen und haben ihm so nett wie möglich erklärt, dass wir von einem Engagement absehen werden.

Hausaufgaben auf nächstes Mal: Spinal Tap schauen!

Für Fans: Alle älteren Posts von Jessi findet ihr im Tagebuch-Archiv.
(Bilder: Treekillaz“)
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