… euer Jessi Bradshaw

Das Ende von Treekillaz“ naht, unaufhaltsam, und der Terminplan von Gitarrist und Rockstar-Tagebuch-Autor Jessi ist voll. Das ist gut so, Stress verringert das Fühlvermögen.

Bis jetzt habe ich gegen aussen cool, abgeklärt und voller Freude auf das Ende eines 20-jährigen Kapitels gewartet. Mit Freude meine ich nicht, dass ich Treekillaz“ nicht mehr will oder wollte, aber irgendwie ist es auch schön, wenn man sein Ende selber bestimmen kann. Wir diskutieren schon seit längerem über gewisse Szenarien, der Res wollte am Konzert von heute Abend einen Sarg auf der Bühne. Der war auch schon organisiert, vom Animal-Boys-Mätthu, aber ganz getreu dem Treekillaz“-Grundsatz, soll es nicht zu pompös und aufgesetzt daherkommen.

Wir haben uns für einen Outro-Song entschieden. Nicht dass das eine Rolle spielt, da ja eh alle besoffen sein werden. Trotzdem habe ich mich im berühmten Internet schlau gemacht, welcher Song passen könnte. Chopins Trauermarsch eignet sich doch, nö, irgendwie nicht geil. „Spiel mir das Lied vom Tod“ war der Vorschlag von Res. War mir auch nicht so genehm. Doch jetzt haben wir einen gefunden, den Titel verrate ich nicht, da es ja nicht alle wissen müssen, ihr sollt das live und unverfälscht mitbekommen.

Beim Anhören hat sich bei mir zum ersten Mal ein Anflug von Emotionen gezeigt, da ist mir doch tatsächlich ein Tränchen über die Wange gekullert. Ich war schon etwas schockiert, hätte ich jetzt nicht gedacht. Aber schön war es allemal. Übrigens hat mir meine Rockstar-Braut einen Gutschein für eine Lomi-Lomi Massage geschenkt. Früher habe ich immer gedacht, das wäre ein Code der Hausfrauen. Wenn sie von der Lomi-Lomi Massage reden, dann meinen sie lomi in Rue (übersetzt: lass mich in Ruhe und fass mich nicht an). Ich wurde heute eines anderen belehrt. Scheinbar ist diese Hawaii-Massage ein Ritual, das einen neuen Lebensabschnitt einläutet. Wie geil ist das denn? Den Termin habe ich schon vor dem Aus mit Treekillaz“ abgemacht. Diese Hawaiianer sind schon krasse Leute. Ich bin also absolut entspannt und werde auf der Bühne meinen neuen Lebensabschnitt feiern. Vielleicht spiele ich irgendwann mit einer Band, die gross und berühmt ist, Anfragen bitte an Postfach 666, ich melde mich asap.

So nach Massagen und Tränen und all dem Anti-Rockstar-Gesäusel kommen wir wieder zur ominösen Box.
Wow, habe das Bändchen vom Frauenfeld Openair gefunden – über meine dortige Verhaftung habe ich ja schon ausführlich berichtet. Es war ein geiles Konzert und schön, mit Gentleman und seiner Frau am Töggelikasten zu spielen, Mary J. Blige aus nächster Nähe zu sehen, Pink nicht sehen zu müssen. Ach, fast vergessen, beim Adi Stern – der damals sehr punkig unterwegs war, nicht mal ein Anflug von „chum mir hauet ab“ war absehbar – spielte der beste Drummer auf Erden. Peter Haas hat in den achtziger Jahren jede geile Metalplatte eingetrommelt. Calhoun Conquer aus Zürich waren ihrer Zeit Lichtjahre voraus. Gut, er hat auch bei Krokus getrommelt eine Zeit lang, ich hoffe, er hat dafür gutes Schmerzensgeld erhalten. Auf jeden Fall erinnere ich mich gerne an diesen Tag und das beste war: Dänu Schneider als Verantwortlicher aller Bands auf der Hauptbühne. Es konnte nicht besser sein.
Ich habe ja diese Aufnahme gefunden, von 1999, und jetzt auch noch den Artikel dazu. Ein gewisser Herr Christen meinte damals, dass der Freitag zu laut und das Maximum erreicht war. Ha, wie falsch, die Barbarie war noch nicht einmal in der Nähe des Maximums. Was hat er sich wohl gedacht, als Jahre später Amplifier und Young Gods zusammen den Freitag rockten? Es war übrigens das erste Jahr ohne Sabag-Areal, da standen in der Nähe der Bühne auf einmal also keine Gebäude mehr und die Mattenstrasse erhielt eine volle Breitseite Rock und Elektro um die Ohren gehauen. Ein sogenanntes Waterloo für die Anwohner. Tut mir nicht leid, etwas Kultur tut auch der Mattenstrasse gut. Der Grund für meine Nähe zur Barbarie ist übrigens ganz einfach erklärt. Das Festival war etwa 15 Jahre lang mein Kind, es hat 365 Tage im Jahr meine ungeteilte Aufmerksamkeit erhalten und war in der Beziehung ein entsprechend schwieriges Thema. Dank dem Umstand, dass ich Programmverwalter war, haben Treekillaz“ natürlich jedes zweite Jahr dort gespielt – und zwar zur besten Zeit. Es gibt einige Bands in Biel, die fanden das richtig toll. Wie es der Zufall will, feiert eine davon heute Abend ihre Plattentaufe in Biel, als wäre das geplant gewesen. Zum letzten Mal strecken wir breitbeinig den Mittelfinger raus. Wer macht schon eine Plattentaufe wenn die Bieler Music Days laufen?
Irgendjemand hat uns diese Kritik gesendet. Ich fand es schon immer amüsant, wenn Leute über Musik schreiben, habe das ja auch gemacht, in meinen jungen Jahren. Mein erster Bericht war über Bad Religion im Volkshaus Zürich, was für ein geiles Konzert, der zweite über Patent Ochsner, die habe ich damals so etwas von verrissen. Sie fanden das nicht so toll. Wir haben aber Kritiken, speziell die ganz schlechten, immer zelebriert. Ich bin eh der Meinung, je schlechter die Bewertung, desto interessierter die Leute. Am schlimmsten sind diese Medium-okay-Kritiken, damit kann man nichts anfangen. Zurück zum Artikel. Schon nur das Wort in der Überschrift, exaltieren, nie gehört. Weiss noch heute nicht, was das bedeutet. Und ja, live waren wir immer gut – und seine Plattenkritik lasse ich mal so stehen. Lieber Andy Schneitter, wo immer du bist, ich will ein Kind von Dir. Nein natürlich nicht, aber ein Bier trinken wäre absolut nötig, fände spannend, was du von unserem letzten Output hälst.
So, und jetzt muss ich kochen gehen. Ich habe der Rockstar-Gattin gesagt, ich wäre am arbeiten, sie hat mich gefunden, im Pooc, am schreiben. Gut, ich habe gesagt, dass ich Mails beantworte, was gewissermassen stimmt. Wir sehen uns heute Abend!

(Bilder: Treekillaz“ / Beitrags- und Jessifoto: aus dem Rockette-Fundus)

 

 GUESTLIST: Jessi ist meisterlicher Erzähler skurrillustiger Geschichten aus dem Leben eines Musikers, der den Rock’n’Roll-Lifestyle mit dem grossen Löffel gegessen hat. Also getrunken.
Das war sein letzter Beitrag als Gitarrist von Treekillaz“. In Zukunft wird er bei Rockette das Ressort Sex/Beziehungen inne haben. Alle Tagebucheinträge auf einen Blick, hier.
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